Über uns | Mitmachen | Suche | Kontakt/Impressum
StimmeN Aktuell zur Papstrede - Für eine nachhaltige interkulturelle Intelligenz, gegen Ignoranz und Arroganz
20.09.06
Von:  Yunis Qandil

Kategorie: StimmeN Aktuell, POLITIK



Nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Durchbruch der damit verbundenen Medienrevolution, erleben wir in der Kommunikationsstruktur zwischen dem Christentum und dem Islam die verschiedensten Arten von Metamorphosen eines international interreligiösen Monologes. Sehr wenig ist bis jetzt getan worden auf dem Weg der religiösen Diplomatie, um die offenen Wunden zwischen Okzident und Orient zu schließen. In der islamischen Welt trüben Geschehnisse, wie der „Karikaturenstreit“ oder die „missverständnisvollen“ Aussagen des Papstes, die schon sehr aufgeladene Atmosphäre, die vor der Drohkulisse der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Weltdemokrators und den Irakern bzw. den Jihadisten auf der einen Seite und des scheinbar endlosen arabisch-israelischen Konflikts. In diesem Zusammenhang streuen eskalierende Monologe Salz und Schwefel auf die islamischen Wunden.

Die heutzutage herrschenden Spielregeln der interreligiösen bzw. interkulturellen Kommunikation erinnern sehr an das mittelalterliche Fehderecht. In der Zeit, wo diese Art interkultureller Intelligenz in die Bereiche des kulturell-religiösen Austausches kein Einzug gehalten hat, ist sie ein fester Bestandteil des ökonomisch globalisierten Weltmarktes geworden, welcher nicht mehr weg zu denken ist.

Die Befähigung zur interkulturellen Kompetenz - und zwar auf allen „Fronten“ - erfördert jenseits der prätentiösen Befriedungsbeauftragungen und Toleranzgetue der jeweiligen Religionen, einen klar strukturierten und organisierten Einsatz von „Vernunft“ und „Glaube“, um Konflikte praktisch auszutragen. Gerade dies geschieht nicht in der Weltpolitik.

Ich glaube, dass die Rede des Papstes – wie ich Ihn verstanden habe- eine Art Reflexion über die Folgen der Konflikte in der Welt, wo nur Gewalt und Gegengewalt die Politik macht und bestimmt, ist. Durch Militarisierung aller Konflikte werden Potenziale zur Gestaltung einer vernünftigen Kultur der Offenheit schwinden. Sie werden zertrommelt von einer blinden religiös-ideologischen Radikalisierungswalze, die zur Verschanzung hinter den Barrikadierungen imaginärer Barrieren bzw. den unprophetischen politischen Strategien, herzlich einlädt.

In dem Karikaturstreit verlief die Konfliktlinie vordergründig nicht zwischen Islam und Christentum, sondern zwischen dem Islam als einer Religion, der die Rückbesinnung auf das historische Ideal und das Prophetenleben heilig ist und eines vermeintlich in die Dekadenz abgedrifteten und vom Religiösen als „ZIVILISATORISCHE Hauptkategorie“ abgefallenen Westen, dem nichts mehr heilig ist, auch nicht das religiöse Empfinden anderer zutiefst religiös geprägte Kulturen. Da erschien das Christentum und seine Heiligtümer als Opfer der gleichen Kultur. Im Gegensatz dazu kommt das Zitat des Papstes vielen Muslimen als eine christliche Kampagne vor, die den Islam deskretieren will.

Die Botschaft des Papstes, die den Geist seiner Rede ausmachte, nämlich Vernunft und Glaube als Grundpfeiler einer gottesbewussten, aber auch humanen und vernunftorientierten Weltordnung, bekamen die Muslime nicht mit. Trotzdem find ich, dass sein Zitat unangebracht war und außerhalb des Kontextes schwebte. Es kommt leider hinzu in einer Zeit, wo die ganze Welt - nicht nur die Islamische - von Angst getrieben, unter der Verengung einer gemeinsamen (ko)existenziellen Perspektive leidet.

Der Papst hat sich entschuldigt, damit zeigt er Größe. Daran kann eine historische Chance andocken, die diese unangenehme und unberuhigende und für alle ärgerliche Weltlage, wo Angst, Frust und Auseinanderklüften in Richtung mittelalterlicher Barbarei herrschen, zumindest stoppen kann.

Ich als Muslim glaube, dass wir Muslime uns erst über das, was wir sind und was wir machen Gedanken machen sollten, nachdem wir Kritik von außen bekommen haben. Meistens haben wir zu viel Stolz um differenziert damit um zugehen. Wir sind kaum selbstkritisch und ertragen keine Kritik von anderen. In der Hitze des Gefechts vergessen wir, dass das, was die anderen kritisieren im Bezug auf Gewaltanwendung im Namen unserer Religion, das ausmacht, worüber Abermillionen Muslime stolz sind!! Wie viele unter uns verheißen Heil und Erlösung, wenn „Rom“ in die Hände der Muslime fallen wird? Sie glauben wahrhaftig an eine sich selbst erfüllende prophetische Aussage und arbeiten ernsthaft daran Rom zu erobern und zu islamisieren. Wie viel Muslime glauben daran das geopolitische Gesicht der Weltkarte mit den Mitteln Jihad und Krieg verändern zu wollen? Beziehen wir uns nicht dabei auf unseren Propheten und machen aus seiner Lebensgeschichte eine rein militarisierte Geschichte von konfrontativer Gegenüberstellung zwischen dem Islamlager und der ganzen Welt?! Hören wir nicht tagtägliche rassisstische antichristliche und antijüdische Äußerungen von unseren Scheichs in den arabischsprachigen Medien. Gehen die meisten Äußerungen nicht von einem Krieg der Religionen aus, die bis zum bitteren Ende zu führen gilt? Glorifizieren wir nicht die großen Eroberer der islamischen Geschichte und benutzen wir nicht den gleichen Rechtfertigungsdiskurs, der von Bush and Co. angeführt wird in seinem gottbeauftragten Krieg gegen Unterdrückung und Unrecht? Ist nicht für viele von uns die Befreiung der Unfreien a` la Busch eine Art Glaubensbekenntnis “Schahadah„. Daran muss noch viel gearbeitet werden, bevor wir uns nur damit identifizieren und apologisch verteidigen. Gerade das müssen wir eigentlich „restaurieren“ , reformieren oder gar abschaffen, wenn wir den Kern der Botschaft unseres Propheten weiterleben oder vermitteln wollen.

Die Liste der Fragen ist lang und sie lassen sich gleichermaßen, sowohl an Muslime als auch an alle andere Menschen, stellen. Der Glaube darf nicht als Refugium für menschenverachtende Zustände sein, die sich unter dem Gewand des Heiligen sich sakralisieren und der Aufklärung entziehen. So verstehe ich als gläubiger Muslim der auch aufgeklärt leben will, dass die Person des Propheten nicht als Spottfigur dargestellt werden darf.

Demgegenüber darf die islamische Tradition einschließlich der prophetischen Zeit nicht als die heilige Asche der verstorbenen Ahnen als überhistorisches Heiligtum weitergetragen werden. Viel mehr geht es um die Glut, die den Weg für Glaube und Vernunft ebnet und leuchtet, deren Hauptaufgabe es ist der Welt ein menschlicheres Antlitz zu geben und das Zusammenleben der Menschen in allen Lebenssituationen gerechter zu gestalten. Ein Geltungsanspruch darf ein Glaube erheben, je nachdem wie viel humanisierende Kraft er in unser Leben stiftet. Das war die Botschaft Mohammad´s (S.A.S) und nichts anderes. Danach muss sich unsere Wertung, unserer eigene Geschichte orientieren.

Abschließend möchte ich als Palästinenser meine tiefe Enttäuschung über die Art und Weise, wie manche Palästinenser ihre Ablehnung des Zitates zum Ausdruck gebracht haben, äußern. Ich glaube, wäre der Prophet (S.A.S) unter uns, hätte er bestimmt anderes reagiert, oder!?