StimmeN Aktuell zur Papstrede - Berechtigte Kritik?
20.09.06
Von: Chris Schafik Wunderlich
Kategorie: POLITIK, StimmeN Aktuell
Bismillahir rahmanir rahim
Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen
Am 12.09.2006 hielt Papst Benedikt XVI an der Universität in Regensburg eine Vorlesung über die „Vernunft im Glauben“. Eine Vorlesung, deren Faszination leider momentan weit in den Hintergrund getreten ist, da ein nur winziger Abschnitt die Gemüter der Muslime in der Welt erzürnt hat.
Fern von diesem Zorn, fern von der Wut, möchten wir mit diesem Text einer Eskalation entgegen wirken, so Allah es uns gewährt. Wir möchten uns mit den folgenden Gedanken an die Menschen christlichen Glaubens, aber auch an unsere Geschwister im Islam richten, denn unser Ziel ist eine Darstellung unseres Verständnisses dieser Rede, ohne in Ungerechtigkeit und Aggression zu verfallen, denn Allah sagt in seinem Quran in Sure 3; 20:
„Wenn sie mit dir streiten, dann sprich: Ich ergebe mich Gott völlig, und auch die, die mir folgen. Und sprich zu denen, denen das Buch zugekommen ist, und zu den Ungelehrten: Werdet ihr nun Muslime werden? Wenn sie Muslime werden, folgen sie der Rechtleitung. Wenn sie sich aber abkehren, so obliegt dir nur die Ausrichtung (der Botschaft). Und Gott sieht wohl die Diener.“1
Gleich vorweg: Wir schätzen Papst Benedikt XVI als einen hervorragenden Theologen, der auch mit dieser Rede, wie auch mit seinem gesamten Werk unseren Respekt verdient, weil er einer der Kämpfer für den Glauben ist, wo sich doch die Menschen immer mehr als atheistisch definieren. Auch wenn wir natürlich andere Ansichten in Bezug auf die Auslegung der heiligen Schriften haben und unser letzter Prophet Mohammad (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) für uns der Abschluss der Religion ist. Den gleichen Respekt bringen wir auch den anderen Propheten entgegen, wie Jesus (a.s.), Moses (a.s.), Abraham (a.s.) usw. (Verzeihen Sie uns, wenn wir an dieser Stelle nicht alle Propheten aufzählen, denn das geht über den Rahmen und die Intention dieses Textes hinaus.) Kurz gesagt: Die Propheten des Christentum und des Judentum sind auch die unseren...
Doch gerade weil wir Papst Benedikt XVI schätzen, erschütterte es viele Muslime, dass er als Ausgangspunkt seiner Gedanken über die Vernunft und den Glauben gerade ein Zitat aus einem Dialog des „byzantinische Kaiser Manuel II. Palaeologos...“2 wählte, der „...wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam und beider Wahrheit führte.“3
Dort sagt der Kaiser: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“4.
So Allah es wünscht, möchten wir darauf verweisen, dass dies nur der Ausgangspunkt der folgenden Gedanken der Papst-Rede war. Wir lesen von ihm auch sehr viel Kritik an diesem Zitat, wenn wir den Text gerecht analysieren. So finden wir zum Beispiel den Verweis, dass der Kaiser dies sagte, „Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von „Schriftbesitzern“5 und „Ungläubigen“6 einzulassen...“ und auch seine Ausdrucksweise in „...erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form...“7 gehalten ist.
Wir finden auch den Hinweis des Papstes, dass der Kaiser wohl auch in diesem Fall die zweite Sure des Qurans außer acht lässt, wo es in der 256ten Aya heißt:
„Es gibt keinen Zwang in der Religion. Der rechte Wandel unterscheidet sich nunmehr klar vom Irrweg. Wer also die Götzen verleugnet und an Gott glaubt, der hält sich an der festesten Handhabe, bei der es kein Reißen gibt. Und Gott hört und weiß alles. “1
Jedoch müssen wir an dieser Stelle darauf verweisen, dass uns, im Gegensatz zu der Andeutung des Papstes, keine Abrogation bzw. keine Aufhebung dieses Quranverses bekannt ist.
Wir sind der Meinung, dass der der heilige Vater seinen Ausgangspunkt sehr unglücklich gewählt hat. Doch bleibt es eben nur ein Zitat, um dem Zuhörer zu erklären, wie er auf die Idee zu dieser Rede kam. Auch dürfen wir Muslime und auch die Christen nie vergessen was uns der Quran in Sure 5,8 lehrt:
„O ihr, die ihr glaubt, tretet für Gott ein und legt Zeugnis für die Gerechtigkeit ab. Und der Haß gegen bestimmte Leute soll euch nicht dazu verleiten, nicht gerecht zu sein. Seid gerecht, das entspricht eher der Gottesfurcht. Und fürchtet Gott. Gott hat Kenntnis von dem, was ihr tut.“2
Überspringen wir in unserer Betrachtung den hervorragenden Mittelteil dieser Rede und kommen zu den Schlussfolgerungen des Papstes aus seinen eigenen vorher analysierten Gedanken, so wird uns besonders klar, dass der Ärger über das Zitat vollkommen unangebracht ist.
Dort folgert das Oberhaupt der katholischen Kirche:
„Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden. [...] Nicht Rücknahme, nicht negative Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. [...] In diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten Dialog der Wissenschaften hinein.“
Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal. Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen. [...] Mut zur Weite der Vernunft, nicht Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie in den Disput der Gegenwart eintritt. „Nicht vernunftgemäß, nicht mit dem Logos handeln ist dem Wesen Gottes zuwider“, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner ein...“3
Verzeihen Sie uns dieses lange Zitat. Aber es ist uns wichtig, dass der Leser unseres Artikes selbst erkennt, wie falsch diese Vorwürfe wegen des Zitats an den Papst sind. Denn wir sind der Meinung, dass sich jeder Moslem in den Schlussfolgerungen dieses Textes wiederfinden kann, wenn er versteht, dass dies ein Aufruf ist, Gott eben nicht aus unserem Denken auszuschließen. Gott in unserer Vernunft wieder hinein zulassen und auch diejenigen zu akzeptieren, für die sich schon jetzt Glaube und Vernunft nicht gegenseitig ausschließen.
Lesen wir doch nur noch einmal diese zwei Sätze: „Aber von den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen. Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“1
Ist dies nicht eher ein Lob an die islamischen Länder und eine Kritik an den Ländern, die den Glauben für eine Sache der Freizeit halten? Macht dies nicht all die geäußerte Kritik überflüssig? Wir verstehen es als einen Aufruf zur dringend notwendigen Akzeptanz von Menschen, Gesellschaften und Staaten, die ihre Handlungen und ihr Denken am Glauben ausrichten. Fragt diese Rede nicht gerade: Warum sollen nur solche Staaten vernünftig sein, die sich als gottlos definieren?
Ist das nicht genau das, für was wir Muslime eintreten?
Lasst uns gemeinsam darum beten, dass Allah uns zukünftig vor unseren vorschnellen Urteilen schütze, dass er uns die Kraft gibt gerecht zu handeln und zu urteilen.
Chris Schafik Wunderlich
Fußnoten:
1:http://www.nur-koran.de/korantext/abfrage.htm (19.09.2006)
2:http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html
3-7: ebenda
8:http://www.nur-koran.de/korantext/abfrage.htm (Zitiert nach Khoury) 19.09.2006
9: Ebenda
10:http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_20060912_university-regensburg_ge.html
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