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"Kein Schubladen-Denken, sondern individueller Zugang zu Jugendlichen" Interview mit Christian von Gangway e.V. 21.04.08 Kategorie: GESELLSCHAFT
„Die Jugendlichen, mit denen wir es zu tun haben, fallen auf.
Um diese Jugendlichen kümmert sich in Berlin Gangway e.V. Rund 50 Streetworker arbeiten in Teams in neun Bezirken. Sie gehen dahin, wo sich die Jugendlichen treffen: auf öffentliche Plätzen und Straßen. Sie orientieren sich an den Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen, machen Vorschläge zur Realisierung und fungieren als Partner und Sprachrohr. Ziel von Gangway e.V. Straßensozialarbeit ist, die Jugendlichen dabei zu unterstützen, ihr Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen.
MS.de: Wie hast Du die aktuelle Debatte um Jugendkriminalität wahrgenommen?
Sie hat mich vor allem wütend und sauer gemacht. Besonders erschrocken war ich, als ich die Überschrift der Bild-Zeitung vor einiger Zeit gelesen habe: „Wir haben zu viele junge kriminelle Ausländer“. Was geht jungen Ausländern wohl durch den Kopf, wenn sie diese Stigmatisierung über sich lesen, habe ich mich gefragt. Kriminalität ist aus meiner Sicht kein ethnisches Problem, wie es vor allem Herr Koch in seinem Wahlkampf dargestellt hat, sondern ein soziales Problem. Und als solches muss es auch angegangen werden. Man muss sich eben auch einmal anschauen, aus welcher sozialen Schicht die nach Deutschland emigrierten Menschen herkommen. Vor allem die in den 60er Jahren eingewanderten Menschen gehören oft nicht dem Bildungsbürgertum an. Die Jugendlichen kommen daher mit Bildung meist wenig in Kontakt. Genau an diesem Problem muss aus meiner Sicht die Gesellschaft ansetzen. Ein Araber oder Türke begeht ja keine Straftat, weil er Araber oder Türke ist, sondern weil er oft keine andere Chance in dieser Gesellschaft sieht, sich Dinge zu leisten.
MS.de: Gibt es nach Deiner Erfahrung überhaupt ein Problem mit Jugendkriminalität?
Das gibt es, aber man muss immer sehen, dass Kriminalität ja nur Ausdruck sozialer Prozesse ist. Jugendliche können eine Vielzahl von Problemen haben: Probleme um Anerkennung, Schwierigkeiten im Elternhaus, mit Freunden, mit der Freundin, mit Geld, mit dem Job usw. Wichtig für uns als Streetworker ist es, an den individuellen Baustellen der Jugendlichen anzusetzen.
MS.de: Was sind die Hauptgründe, warum Jugendliche diese Probleme mit Gewalt lösen?
Dafür gibt es eine Vielzahl von Gründen. Man möchte vor allem kein Opfer sein und bevor die Situation sich so wenden könnte, dass man eines werden könnte, schlägt man sozusagen präventiv zu. Das Gefühl, andere zu demütigen, hilft, sich selbst nicht gedemütigt zu fühlen. Gemeinsame äußere Feinde dienen in Gruppen auch dazu, von inneren Gruppenkonflikten abzulenken. In Gruppen bildet sich auch schnell ein Mythos von bestimmten Männlichkeitsbildern aus. „Man muss hart sein, man muss stark sein“ sind typische Männlichkeitsvorstellungen. Und natürlich werden Jugendliche auch kriminell, weil sie bestimmte Dinge haben möchten, die sie sich auf dem legalen Weg nicht leisten könnten. Die Gesellschaft muss aus meiner Sicht dafür Sorge tragen, dass Jugendliche ihren Frust ablassen können, ohne dass dabei andere zu Schaden kommen.
MS.de: Neigen Migranten eher zu Gewalt als Deutsche?
Das kann man so nicht sagen. Kriminalität ist, wie ich ja schon sagte, ein soziales Problem, kein ethnisches. So findet man bei rechtsradikalen Tätern auch die gleichen Sozialindikatoren wie bei kriminellen Ausländern, wie z.B. schwierige Familienverhältnisse, gestörte Vater-Sohn-Beziehung u.ä.
MS.de: Geht ihr mit kriminell gewordenen Migranten anders um als mit Deutschen?
Zum Teil schon. Das liegt daran, dass Ausländer manchmal eben andere Probleme haben als Deutsche. Jugendliche, egal wo sie herkommen, sind auf der Suche nach einer eigenen Identität. Ausländer stellt die Phase des Erwachsenwerdens aber manchmal vor zusätzliche Probleme. Sie fühlen sich in Deutschland als anders behandelt, in ihrem Herkunftsland aber z.T. auch (die „deutschen Türken“). Ich habe oft erlebt, dass sie daher eine Art eigene Kultur und Sprache ausbilden. Auch werden z.B. Ritualen und Traditionen in der Fremde oft eine wichtigere Rolle zugeschrieben als im Herkunftsland. Gleichzeitig muss man aber auch betonen, dass Ausländer auch andere Ressourcen für ihre Lebensgestaltung haben, wie z.B. ihre Zweisprachigkeit. Darauf muss man als Streetworker eingehen. Generell aber gilt für uns, dass wir kein Schubladen-Denken praktizieren. Wichtig ist uns immer der individuelle Zugang zu den Jugendlichen. Gewalt mit Traditionen zu erklären, wäre eine viel zu einfache Erklärung.
MS.de: Warum ist die These von der „Ausländerjugendkriminalität“ deiner Meinung nach in der Debatte so erfolgreich?
Junge Türken sind vom Erscheinungsbild auffälliger. Da baut sich leichter auch ein Feindbild auf. Die Leute sind zudem von Natur aus auch leider faul. Fremdes schiebt man dann gerne erstmal weg, es erscheit zu anstrengend, sich mit Menschen, die einen fremden Eindruck machen, auseinanderzusetzen. Aufgrund jahrelanger Propaganda sind die Fronten schon so gestellt, dass Türken dann eher mit negativen Zuschreibungen zu rechnen haben.
MS.de: Vielen Dank für das Interview!
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