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Von der Ethnisierung des Fremden zu Parallelgesellschaften 15.05.07 Kategorie: GESELLSCHAFT
Naime Cakir ist Sozialpädagogin und die Beauftragte für interreligiösen Dialog und Frauenbeauftragte der islamischen Religionsgemeinschaft in Hessen.
Der hier gebrauchte Begriff „Ethnie“ bzw. Ethnisierung bezeichnet lediglich den als ethnisch ausgewiesenen Konstruktionsprozess. Damit ist ein von außen herangetragener Ethnisierungsprozess gemeint, im Zuge dessen einem Fremden von einer Mehrheit ein Minoritätsstatus zugewiesen wird, wobei beide Seiten im wechselseitigen Prozess gegenseitiger Zuschreibungen in eine Dynamik von ethnisch aufgeladener Fremd- und Selbstidentifikation geraten. Probleme zwischen den Angehörigen einer „Dominanzkultur“ und einer „Minderheit“ dürfen nicht auf die religiösen bzw. kulturellen Differenzen reduziert werden, welche sich „hervorragend“ dazu eignen, soziale Unterschiede im Gesellschaftsgefüge gegenüber einer Minderheit zu rechtfertigen.
Beispielsweise weist Heinz darauf hin, dass die Charakterisierung einer sozialen Gruppe als „Ethnie“ ursprünglich nur auf außer-europäische, nicht staatenbildende Gemeinschaften bezogen wurde, um damit gewissermaßen eine Trennlinie zwischen den kolonisierenden „Nationen“ und den kolonisierten „Völkern“, denen man als „Ethnie“ den Status der Geschichts- und Kulturlosigkeit zuwies, zu markieren (vgl. Heinz 1999). So kann gesagt werden, dass damals wie heute einer sozialen Gruppe oder, wie beispielsweise Menschen muslimischen Glaubens, unabänderliche Eigenschaften aufgrund ihrer Nationalität oder Religion zugeordnet werden, um diese als alleinige Ursache von sozialer Ungleichheit diskutieren zu können, wie dies Scherr im Zuge der Kontroversen soziologischer Untersuchungen um den Stellenwert von Ethnizität in modernen Gesellschaften kritisiert:
„Die Konstruktion von Ethnien wird hier - wie die Konstruktion von Rassen - als eine Form der Naturalisierung sozial hergestellter Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse diskutiert.“ (vgl. Scherr 2000).
Mit diesem Verständnis werden, wie Scherr weiter betont, kulturalistische Fehlinterpretationen der Probleme von Eingewanderten bzw. Konflikte zwischen Mehrheit und Minderheiten etabliert, die ursprünglich auf strukturelle Diskriminierung und manifeste Fremdenfeindlichkeit zurückzuführen sind (Scherr 2000).
Selbstethnisierungsprozesse
Die etikettierte Minderheit bringt demgegenüber die Dynamik eines Selbst-Ethnisierungsprozesses dadurch in Gang, dass sie der empfundenen Diskriminierung durch die Definitionsmacht der Mehrheit eine positive Bewertung des Eigenen entgegensetzt, um damit ein ethnisch aufgeladenes Kollektiv z.B. im Sinne eines „Mythos der eigenen Ursprünglichkeit“ zu konstituieren, das darauf besteht, sich von der Mehrheit zu unterscheiden.
Bei dem Prozess der Ethnisierung gelten die Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe auf klar abgrenzbare, historisch gewachsene nationale oder religiöse Traditionen einzuschwören. Das konstruierte „Gemeinsame“ ist hier das wesentliche Moment der gemeinsamen Identifikation, das nicht nur als das andere, sondern auch als das bessere Modell präsentiert und erlebt wird (vgl. Heinemann 2001). Dies gilt eben auch für solche (Selbst-)Ethnisierungsprozesse, mit denen marginalisierte Minderheiten wie MigrantInnen aus islamischen Ländern in der BRD und in anderen westlichen Industrienationen verstärkt auf konventionelle Identitätsangebote zurückgreifen.
Erst am Ende dieses gegenseitigen ethnischen Zuschreibungsprozesses („ethnische Etikettierung“) stehen sich dann „der Deutsche“ und „der Türke“ mit den konstruierten ethnischen Unterscheidungsmerkmalen gegenüber. Das heißt: Erst im Zuge dieses gegenseitigen Ethnisierungsprozesses werden die Eingeborenen ein spezifisches „Deutsch-Sein“ betonen und wird die etikettierte Minderheit im Zuge der Selbst-Ethnisierung zur ethnischen Minderheit, die im Gegenzug ihre in der Diaspora entdeckten („türkischen“) Besonderheiten gegenüber der Majorität betont.
Hiermit kommt es im Zuge der Selbstethnisierung über die positive Bewertung der eigenen Identität zur Umwandlung von Diskriminierung in Unterscheidung. Der bis dahin erlebten Verletzung des Selbstwertgefühls durch die Definitionsmacht der Mehrheit wird zur Kompensation der erlittenen Diskriminierungserfahrungen eine eigene Definition mit einer betont positiven Bewertung entgegengesetzt, die andererseits von der Mehrheit wiederum dazu genutzt werden kann, die Diskriminierungen gegenüber der „selbstbewussten“ Minderheit zu rechtfertigen (vgl. Hoffmann 1999).
Dies scheint ein Teufelskreis zu sein, dessen Unterbrechung eine kluge Integrationspolitik bedarf. Einseitige Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter.
Literatur
Heinemann, L. (2001): Ethnizität und Geltung. Möglichkeiten und Grenzen konstruktivistischer Theorien bei der Erklärung ethnischer Vergemeinschaftung. In: Rademacher, C. / Wiechens, P. (Hrsg.): Geschlecht – Ethnizität - Klasse. Zur sozialen Konstruktion von Hierarchie und Differenz. Opladen
Heinz, M.(1999): Der fundamentale Irrtum im „ethnischen Diskurs“ - Wilhelm Heitmeyers unkritischer Umgang mit einem undefinierten Begriff. In: Bukow, W.-D./Ottersbach,M. (Hrsg.): Der Fundamentalismusverdacht. Plädoyer für eine Neuorientierung der Forschung im Umgang mit allochthonen Jugendlichen.
Opladen Hoffmann, L. (1999): Die Konstruktion von Minderheiten als gesellschaftliches Bedrohungspotential. In: Bukow, W.-D./Ottersbach,M. (Hrsg.): Fundamentalis-musverdacht. Plädoyer für eine Neuorientierung der Forschung im Umgang mit allochthonen Jugendlichen. Opladen
Scherr, A. (2000): Ethnisierung als Ressource und Praxis. In: PROKLA Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 120, 30.Jg , Nr.3, 399-414. |