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„Viel gehört und nichts gelernt?! Zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus im schulischen Kontext.“ Ein Tagungsbericht
17.12.06
Von:  Ruth Orli Mosser

Kategorie: GESELLSCHAFT

Die Tagung „Viel gehört und nichts gelernt?! Zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus im schulischen Kontext.“ fand am 12. Dezember in Berlin statt. Veranstaltet wurde sie von den "BildungsBausteinen gegen Antisemitismus".

 

 

In der eröffnenden Podiumsdiskussion wurde die Frage behandelt, inwieweit die Herkunft eine Rolle bei Antisemitismus unter Jugendlichen spielt. In diesem Rahmen wurde nicht nur Antisemitismus unter Jugendlichen mit migrantischem Hintergrund behandelt, sondern auch Unterschiede zwischen west- und ostdeutscher Auseinandersetzung mit Antisemitismus erläutert. Besondere Beachtung kam der Frage zu, ob, wie und in welchem Ausmaß der Antisemitismus der deutschen Mehrheitsgesellschaft den der Minderheiten beeinflusst. Dabei wurde betont, dass Antisemitismus nicht nur die Einwanderungs- gesellschaft betrifft, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Das heisst aber nicht, dass die Einwanderungsgesellschaft nur ein Teil der Gesamtgesellschaft ist.

 

Betrachtet man den Antisemitismus unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund, so muss zunächst einmal geklärt werden, was überhaupt unter diesem Begriff zu verstehen ist. Geht es konkret um Jugendliche mit muslimischem Hintergrund, so darf auch hier nicht generalisiert werden, sondern sollte zum Beispiel nach Herkunftsland differenziert werden. Ein weiterer Ansatz besteht darin, Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen vom Religiösen zu trennen, um den Islam an sich nicht in falschen, pauschalisierenden Zusammenhang zu Antisemitismus zu stellen.

 

Generell muss Heterogenität in den verschiedenen Bevölkerungsschichten aufgezeigt werden, um pauschale Urteile über bestimmte Gruppen und ihre Ausgrenzung zu verhindern. Indem differenziert wird und Umstände kontextualisiert werden, soll die generalisierende Einteilung in „wir“ und „ihr“ aufgehoben werden. Worin und wie differenziert werden soll und kann, blieb im Laufe des Vormittags jedoch vage, um nicht zu sagen offen.

 

Konkreter sollte es nach der Mittagspause in einem der vier angebotenen Workshops werden, der sich spezifisch dem Thema „Nahostkonflikt und Judenfeindschaft unter muslimischen Jugendlichen“ widmete. Noch im Zuge der Podiumsdiskussion war darauf hingewiesen worden, dass bei der Betrachtung von Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen nicht außer Acht gelassen werden dürfe, dass der Nahostkonflikt bei vielen biografisch verankert und mit hoher Emotionalität verbunden sei. Aycan Demirel von der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ (KIGA) erweiterte diese Dimension nun zu Beginn des nachmittäglichen Workshops, indem er darauf aufmerksam machte, dass der Nahostkonflikt die palästinensisch–israelische Dimension schon lange verlassen habe und als „Krieg gegen Muslime“ präsentiert werde. Die kollektive Selbstinszenierung der Muslime als Opfer, vorangetrieben durch mediale Propaganda in Fernsehen, Internet und sogar Musik, stelle ein leicht anzunehmendes Identifikationsangebot für Jugendliche dar. Sie adaptieren Konflikte und Haltungen, die nicht ihre eigenen sind, sondern von außen in sie hinein getragen wurden. Pädagogische Arbeit muss daher unter anderem die Möglichkeit in den Vordergrund stellen, sich von kollektiven Identitäten loszulösen und Jugendliche dazu ermutigen, eine individuelle zu entwickeln.

 

Antisemitismus wird u.a. durch die mangelnde bzw. unzureichende historische Kontextualisierung der Shoa und des Nahostkonflikts genährt. Tanja Kinzel von den „Bildungsbausteinen gegen Antisemitismus“ stellte mit dem „Nahost-Quiz“ eine Methode vor, um die Geschichte des Nahostkonflikts aufzuarbeiten. Hierbei erstellen die Jugendlichen mithilfe von Bildern und dazu gehörigen Schlagwörtern historischer Ereignisse einen Zeitstrahl. Dabei werden jeweils die unterschiedlichen Perspektiven der Geschehnisse aufgezeigt und können im Rahmen von Fakten diskutiert werden. Eine der von Aycan Demirel vorgestellten Methoden ist das „Israel-Planspiel“. Das Nachspielen des UN-Teilungsplans von 1947 in verschiedenen Rollen bzw. Parteien soll Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit der historischen Ausgangslage und Problematik der Staatsgründung Israels ermöglichen und durch einen rationalen Zugang zur Geschichte eine Anerkennung des Existenzrechtes Israels erleichtern. Zusätzlich kann aufgezeigt werden, dass es weder eine einheitliche israelische noch eine einheitliche arabische Position in diesem Prozess gab und damit einweiterer Schritt in Richtung der Aufbrechung von „wir“ und „ihr“ getan werden.

 

Trotz aller guten Ansätze mussten die Referenten sich und auch uns Teilnehmern des Workshops eingestehen, dass nicht alle Konzepte so funktionierten, wie sie geplant seien. Eine Multiplikatorin der Bildungsbausteine gegen Antisemitismus berichtete, dass gegenüber den „weißen, deutschen“ Pädagoginnen oft Zweifel an der Richtigkeit der dargelegten historischen Fakten entgegengebracht werde. Die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der mehrheitlich „herkunftsdeutschen“ Pädagogen unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund wurden im Laufe der Tagung mehrmals thematisiert, ohne einstimmig als Problem identifiziert zu werden.  

 

Diesbezüglich legte Aycan Demirel seine Ideen dar, um den Zugang zu muslimischen Jugendlichen zu erleichtern und die pädagogische Arbeit damit effizienter zu machen. Auftreten in „gemischten“ Teams öffnet nicht nur sprachliche und kulturelle Barrieren, sondern befreit die Jugendarbeit gegen Antisemitismus auch von dem Vorwurf des historisch bedingten schlechten Gewissens der Deutschen. Da Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen oft eine Reaktion auf die selbst erfahrene Diskriminierung und Ausgrenzung als Muslime und/oder Migranten sei, ist es wichtig, den Jugendlichen Empathie und Verständnis entgegenzubringen, ihnen Raum für ihre eigenen Probleme zu geben und diese auch ernst zu nehmen. Dennoch darf keine Konkurrenz zwischen Antisemitismus und Islamophobie aufkommen, ebenso wenig wie die Behauptung unterstützt werden darf, letzterer hätte ersteren abgelöst. Denn durch die Historisierung von Antisemitismus wird seine gegenwärtige Brisanz und Aktualität unbewusst geleugnet.

 

Uneinigkeit herrschte bei der Abgrenzung von Rassismus sowohl zu Islamophobie als auch zu Antisemitismus. Manch einer vertrat die Meinung, Parallelen zwischen Diskriminierungserfahrungen im Nationalsozialismus und denen der migrantischen Jugendlichen zu ziehen, sei zur Sensibilisierung gegenüber Antisemitismus nicht nur erlaubt, sondern auch hilfreich. Andere hingegen traten vehement gegen Vergleiche zwischen diesen beiden komplexen Thematiken auf. Unter diesem Vorwand könnten Antisemitismus und Islamophobie gleichgestellt werden, was im schlimmsten Fall zu ihrer Bagatellisierung führen könnte.

 

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass neben einigen anregenden Ansätzen auch viel Umstrittenes zur Sprache kam, das noch Aufklärung in Form von Austausch und Diskussion bedarf. Ich möchte meinen Bericht mit der ermutigenden Feststellung abschließen, dass der heiklen Thematik Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen während der gesamten Tagung die ihr gebührende Sensibilität entgegengebracht wurde.

 

 

Weitere Informationen zu BildungsBausteinen gegen Antisemitismus: www.bildungsbausteine.de




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