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Über die Schwierigkeit, mit Muslimen zu schweigen
07.02.11
Von:  Andreas Ismail Mohr

Kategorie: RELIGION

Die Frage, ob Muslime schweigen können und ob man mit Muslimen schweigen kann, lässt sich vielleicht am ehesten dann erforschen, wenn man in die religiöse Welt des Islams eintaucht, indem man in den überlieferten Schriften nach Antworten oder zumindest Hinweisen sucht. Der Koran enthält zwar einige wenige Stellen, die sich auf das Schweigen beziehen, aber abgesehen von einer Stelle in der Geschichte von der Geburt Jesu geht es nirgends um das Schweigen an sich. In der äußerst umfangreichen Überlieferung über die Taten und Aussprüche Muhammads und der frühen Muslime ist häufiger vom Schweigen die Rede. Einige Hadithe sowie zahlreiche Überlieferungen in der ethischen Literatur mahnen dazu, entweder nur Gutes zu sprechen, oder aber zu schweigen. Völliges Schweigen scheint jedoch als unmöglich zu gelten – da bleibt noch immer die Mahnung zum Gedenken Gottes.

 

Sagt man nicht „Allah Allah“, so geraten die Dinge nicht wohl.

Dede Korkut

 

Kann man mit Muslime schweigen? wurde ich gefragt. Können Muslime überhaupt schweigen? frage ich mich. Wenn ich darüber nachdenke, so gelange ich zu einem Ergebnis wie etwa diesem: Der Islam ist keine Religion des Schweigens. Nicht so sehr wegen der beliebten Medienbilder von demonstrierenden Muslimen, die sich wütend gebärden, Parolen rufen und Flaggen irgendwelcher Staaten verbrennen. Dass letzteres keine lange Tradition im Islam haben kann, liegt auf der Hand – man darf vermuten, dass auch das Rufen von Slogans eine neue Erscheinung darstellt, also eine bid‘a – eine (unerlaubte?) Neuerung gewissermaßen. Nein, es gibt vielmehr andere Hinweise darauf, dass das Schweigen an sich nicht unbedingt als islamische Tugend gelten kann.

 

Es liegt nahe, islam-spezifische Frömmigkeitsformen zu betrachten und in den autoritativen Texten nachzuschauen, wenn man sich eine Betrachtung des „islamischen“ Schweigens oder vielleicht auch Nicht-Schweigens vornimmt. Daher zunächst einen großen Schritt zurück in die Vergangenheit, genauer: in die Gründerzeit des Islams. Bekanntlich ist der islām, die Gottergebenheit, die Haltung, die alle Geschöpfe dem einen Gott, ihrem Verursacher und Erhalter, entgegenbringen oder dies zumindest sollten. Insofern ist „Islam“, Hingabe, ein allgemeiner Begriff und somit waren Jesus und Moses „Muslime“ (Gottergebene), aber Adam und Eva ebenso. Der historische Islam im Sinne des durch die Verkündigung der koranischen Offenbarung entstandenen Glaubens und die dazugehörige muslimische Gemeinde jedoch beginnen erst vor etwa 1400 Jahren. Über diese Zeit und über diese Menschen – über den Propheten Muhammad und seine Gefährten und ebenso seine Feinde – haben wir eine sehr umfangreiche Literatur, die unter anderem auch die Nachrichten (ahādīth, Hadithe) über Muhammads Aussehen, Taten, Aussprüche und über das, was er erlebte und stillschweigend akzeptierte, beinhaltet. Ob das darin enthaltene Bild immer die geschichtlichen Tatsachen wiederspiegelt und in wieweit die Muhammad zugeschriebenen Handlungen und Aussagen historisch sind, ist eine lange Diskussion, die seit mindestens 1200 Jahren geführt wird und in die sich seit etwas mehr als einem Jahrhundert auch Außenstehende eingemischt haben – nämlich die europäischen Philologen, die später als Islamwissenschaftler bekannt wurden. Es mag sein, dass vieles im Hadith idealisiert ist und dass Muhammad Worte in den Mund gelegt werden, die eigentlich erst in späterer Zeit entstanden sind. Aber das ist hier nicht von Bedeutung. In der Überlieferung spiegelt sich das muslimische Bild einer Urzeit, als die Dinge noch so waren, wie sie eigentlich immer sein sollten, oder in der zumindest Muhammad und die frühen Muslime diese Dinge zurechtrückten.

 

Eine Wanderung durch die Hadith-Überlieferung zeigt, dass hier oft vom „Schweigen“ die „Rede“ ist. Sehr oft aber sind Schweigen und Reden ganz eng miteinander verknüpft. Die vielleicht bekannteste Nachricht, der man begegnet, ist die auf die Prophetengattin ‘Ā’ischa zurückgeführte Aussage betreffs der Verheiratung einer Jungfrau. Auf ihre Bemerkung, dass eine Jungfrau schüchtern sei und im Falle eines an sie herangetragenen Heiratsgesuchs wohl kaum etwas sagen würde, antwortete Muhammad: „Ihr Schweigen ist ihre Erlaubnis“, d.h. sie willigt durch Schweigen ein. In einer Variante heißt es, der Prophet habe gesagt: „Eine Jungfrau wird nicht verheiratet, ohne dass sie vorher um Erlaubnis gefragt worden wäre.“ Die Leute fragten: „Wie gibt sie denn ihre Zustimmung?“ Er sagte: „dadurch, dass sie schweigt.“

 

Das Problem liegt angesichts der gegenwärtigen Diskussion über Zwangsverheiratungen in muslimischen Bevölkerungsgruppen auf der Hand: Eine Jungfrau muss zwar gefragt werden, ob sie ihrer Verheiratung zustimmt; aber sie muss diese Zustimmung nicht explizit geben. Es genügt, dass sie nichts sagt. Dass sie aber nicht zur Ehe gezwungen werden darf, geht auch daraus hervor, dass z.B. al-Buchārī diesen Hadith im „Buch des Zwanges“ aufführt, und zwar im Kapitel „Die Ehe des Gezwungenen ist nicht zulässig“. Der unmittelbar vorausgehende Hadith im selben Kapitel bezieht sich auf eine Frau namens Chansā’, die nicht mehr Jungfrau war, d.h. also eine Geschiedene oder Witwe; diese beschwerte sich bei Muhammad über ihren Vater, der sie gegen ihren Willen neu verheiratet hatte, worauf der Prophet die Ehe für ungültig erklärte.

 

Hier geht es nicht um das Schweigen an sich, nicht Reden oder Schweigen ist das Thema. Eher schon Schweigen als Hinnehmen. Die gesellschaftlichen Bedingungen Arabiens im siebenten Jahrhundert n.Chr. sind, was Familienstrukturen angeht, sicherlich nicht mit unseren zu vergleichen. Dass eine Person in möglichst frühem Alter heiratet oder verheiratet wird, war sicherlich ganz selbstverständlich. Allerdings konnten solche Ehen, auch freiwillig eingegangene, sehr leicht wieder aufgelöst werden. Das in dieser Überlieferung zum Ausdruck kommende Schweigen ist mit einer historischen gesellschaftlichen Situation verknüpft. Es lehrt nichts über das Schweigen an sich.

 

Wenn dem Propheten nun die Aussage zugeschrieben wird, „Es gibt kein Waisentum nach der Geschlechtsreife und kein Schweigen für einen ganzen Tag und eine Nacht“, so richtet sich der zweite Teil dieses Ausspruchs wahrscheinlich gegen (vorislamische?) asketische Bräuche. Dies wird noch deutlicher in einem Bericht über eine Frau, die die Pilgerfahrt (haddsch) schweigend ausführt. Abū Bakr, der erste Kalif, wundert sich darüber und sagt dann zu ihr: „Sprich, denn das ist nicht zulässig, es gehört nämlich zur Handlungsweise der Zeit der Unwissenheit (d.h. des vorislamischen Heidentums)!“ Da sprach sie wieder.

 

In den meisten Fällen, wo im Hadith vom Schweigen die Rede ist, geht es um ein kurzes Stillesein, um Zuhören oder Nachdenken. Eine kreative Pause könnte man es nennen, wenn jemand zu Muhammad kommt und fragt: „Gesandter Gottes! Wie oft sollen wir einem Diener verzeihen?” Er schwieg und der Mann wiederholte sein Frage. Der Prophet schwieg immer noch. Als er ihn ein drittes Mal fragte, antwortete er: „Verzeih ihm täglich siebzig Mal.“

 

Auch andere Personen verfahren so: „Sufyān berichtete: Ich fragte ‘Abdurrahmān ibn Qāsim: Hast du gehört, dass dein Vater von ‘Ā’ischa berichtet hat, dass der Prophet sie während des Fastens geküsst habe? ‘Abdurrahmān schwieg eine Weile, dann sagte er: Ja!“

 

Wenn es um Muhammad geht, der eine Weile schweigt, bevor er eine Auskunft gibt, so hängt dies manchmal – der Überlieferung zufolge – damit zusammen, dass er eine Eingebung erhält, eine Offenbarung bekommt – ein Koranabschnitt wird also „geboren“ – und dann erst antwortet er. Als jemand ihn nach der Gültigkeit des Vollzugs der Pilgerfahrt in einem bestimmten Falle fragte, schwieg Muhammad solange bis der Vers geoffenbart wurde: „Es ist kein Vergehen für euch, wenn ihr trachtet nach der Gnadengabe eures Herrn.“ (Koran 2:198). Er ließ daraufhin den Fragenden holen und sagte zu ihm: „Deine Wallfahrt ist gültig.“ In einem ähnlichen Bericht fragt ein Mann, der mit einer Prostituierten in Mekka befreundet war, den Propheten, ob er die betreffende Frau heiraten könne. Dann heißt es: Der Prophet schwieg. Dann wurden die Worte geoffenbart: „Eine Frau, die Unzucht begangen, darf einen Mann heiraten nur, der Unzucht begangen, oder einen, der Anderes neben Gott stellt.“ (Koran 24:3) Der Prophet rief mich, sagt der Berichterstatter, rezitierte vor mir diese Worte und sagte: Heirate sie nicht! Hier befinden wir uns auf dem Gebiet der „Offenbarungsanlässe“ (asbāb an-nuzūl), einer Sorte von Hadithen, die die wirklichen oder fiktiven historischen Gegebenheiten darlegen, in denen bestimmte Teile des Korans, d.h. meist ein Vers (āya) oder ein Teil einer Sure „herabkamen“, Muhammad eingegeben wurden.

 

In einem Falle heißt es, dass Muhammad auf eine Frage sehr lange geschwiegen habe: „...Er schwieg eine Zeitlang bis wir wünschten, wir könnten wieder mit ihm reden, und (seine Gattin) Zainab (bint Djahsch) wies uns von hinter dem Vorhang an, nicht mehr zu sprechen. Dann sagte er....“ – Variante: „Der Gesandte Gottes schwieg eine Weile und erhob seine Augen zur Zimmerdecke. Dies dauerte so lange, dass wir dachten, er würde uns nicht mehr antworten. Da sahen wir, wie Zainab uns mit ihrer Hand von hinter einem Vorhang andeutete, wir sollten nicht in Eile sein, und dass der Gesandte Gottes über unsere Angelegenheit nachdenke. Dann senkte er sein Haupt und sprach zu uns...“ – Auch hier geht es nur um eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne.

 

Schließlich ist das Schweigen des Imams beim Gebet oder des hinter einem Imam Betenden im Sinne von Zuhören im Gebet oder bei der Freitagspredigt ein Thema des Hadith. Im Sahīh Muslim gibt es z.B. ein Kapitel: „Das Stillsein am Freitag während der chutba“, wobei das gebrauchte Wort insāt Schweigen und gleichzeitig Zuhören meint. Dasselbe Wort wird im Koran gebraucht: „Und wenn vorgetragen wird der Koran, so hört zu und schweigt, auf dass ihr Erbarmen findet! Und gedenke deines Herrn in deiner Seele in Demut und Furcht, ohne lautes Wort am Morgen und am Abend! Und sei nicht einer der Achtlosen!“ (Sure 7:204-205) Dies ist einige der wenigen Stellen im Koran, wo das Schweigen vorkommt.

 

Wichtiger und grundsätzlicher ist das Schweigen in der Ethik – es gehört zum „Hüten der Zunge“. Lieber Schweigen als Übles Sagen. Einen dreigliedrigen Spruch (dessen Teile man auch als einzelne Sätze überliefert findet) enthält dieser bekannte Hadith:

 

„Wer an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt, der soll Gutes reden oder aber schweigen. Wer an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt, der soll seinen Nachbarn ehren (d.h. ihm Gutes tun). Wer an Gott und an den Jüngsten Tag glaubt, der soll seinen Gast ehren.“ So lautet ein Prophetenwort in den „Vierzig Hadithen“ von an-Nawawī, das im mehreren Varianten überliefert ist.

 

Viel allgemeiner, eigentlich geradezu ein Sprichwort, ist dieser Ausspruch Muhammads: man samata nadjā – „Wer schweigt ist gerettet.”

 

Auf die Geselligkeit bei Mahlzeiten spielt folgender Spruch an: „Redet beim Essen, und sei es auch über die Länge eurer Schwerter!“ Dieser Hadith, der dem Verfasser mündlich als Prophetenwort mitgeteilt wurde, ließ sich bislang nirgends feststellen oder auf Anfrage als „echter Hadith“ bestätigen. Vielleicht ist es einfach nur einer der vielen als „erfunden“ geltenden Hadithe, die nur „auf der Zunge der Leute“ existieren, wie es die Hadith-Gelehrten ausdrücken.

 

Was die ethische Dimension des Schweigens angeht, so findet man viele derartige Aussprüche in den Werken der frommen Literatur, häufig mit asketischem Charakter: Der wahre Gläubige ist zwar in der Welt, aber sein Herz ist auf Gott und das Jenseits gerichtet – und von diesem Ziel lenkt vieles Reden nur ab. Kein Wunder also, dass Jesus – in der späteren islamischen Überlieferung und im Sufitum wird er als wandernder Asket geschildert – derartige Aussprüche zugeschrieben werden:

 

„Jesus sagte: Ihr Gruppe der Jünger, sprecht viel zu Gott und sprecht wenig zu den Menschen. Sie sagten: Wie können wir viel zu Gott sprechen? Er sagte: Sucht die Einsamkeit, um mit ihm vertrauliche Gespräche zu führen, sucht die Einsamkeit, um ihn zu rufen.“ – „Man sagte zu Jesus, dem Sohn Marias: Weise uns auf ein Werk hin, durch das wir ins Paradies eintreten. Er sagte: Sprecht niemals. Sie sagten: Das vermögen wir nicht. Er sagte: Dann sagt nur Gutes.“ – Jesus, der Sohn Marias, sagte: Wer redet über etwas anderes als das Gedenken Gottes, der stammelt. Und wer hinblickt, ohne zu betrachten, ist zerstreut. Und wer schweigt, ohne dabei zu denken, der sucht Zerstreuung.“

 

Al-Ghazālī, der berühmte Gelehrte, der 1111 n.Chr. im Osten Irans starb, hat in sein großes Werk „Die Neubelebung der religiösen Wissenschaften“ – ein ausführliches Handbuch für den gebildeten, arabischkundigen Mystiker – zahlreiche solche Jesusüberlieferungen aufgenommen. Wichtiger aber ist seine Systematisierung der Themen, die dann jeweils zur Illustration mit passenden Geschichten und Zitaten früherer Muslime, besonders der Sufis, aber natürlich auch mit Hadithen und anderem Material angereichert werden. In seiner persischen Kurzfassung des soeben genannten Werks, dem „Elixier der Glückseligkeit“, aus dem Auszüge in der Übersetzung Hellmut Ritters vorliegen, handelt al-Ghazālī u.a. von den „Pflichten der Freundschaft und Bruderschaft“. Hier finden sich zwei Kapitel: Die Pflicht der Zunge zu schweigen und Die Pflicht der Zunge zu reden.

Interessant ist, dass er das Schweigen zuerst behandelt. Allerdings geht es auch hier nicht um das Schweigen an sich, sondern um das Hüten der Zunge da, wo und vor dem, wovor es angebracht ist. Die Ausführungen gipfeln in dem Verbot des Streits und der Widerrede – diese stehen zu wahrer Bruderschaft im Gegensatz:

 

„Manche der Alten gingen in dem Verbot des Widerredens und dem Gebot, zu helfen, so weit, daß sie selbst das Fragen verwarfen und sagten: Wenn du zu deinem Bruder sagst: ‚Steh auf und komm!‘ und er fragt: ‚Wohin?‘, so nimm ihn nicht zum Gefährten, denn er muß aufstehen, ohne zu fragen. – Abu Suleimân ed-Darâni erzählt: Ich hatte einen Bruder im Irak, den pflegte ich aufzusuchen, sooft ich in Not war, und ihm zu sagen: ‚Gib mir von deinem Geld!‘ Dann gab er mir seinen Geldbeutel, und ich entnahm daraus, soviel ich wollte. Eines Tages kam ich wieder zu ihm und sprach: ‚Ich brauche Geld.‘ Da fragte er: ‚Wieviel willst du haben?‘ Da schwand die Süßigkeit seiner Bruderschaft aus meinem Herzen.“

 

Schweigen ist hier also das Nicht-Fragen, da Fragen in einer „Bruderschaft in Gott“ ein Zeichen für mangelndes Vertrauen wäre.

 

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass die muslimischen religiösen Quellen einen mittleren Weg in der Frage des Redens und Schweigens empfehlen. Selbst in der einzigen Koranstelle, in der ein Schweigen im eigentlichen Sinne vorkommt, gilt dies nur für einen Tag und ist überdies durch eine absolute Ausnahmesituation bedingt: Maria hat die Kunde von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft empfangen.

 

„Und so wurde sie schwanger mit ihm und zog sich zurück an einen Ort, einen fernen. Und die Wehen brachten sie zum Stamm der Palme. Sie sagte: ‚O wäre ich zuvor verstorben und doch ganz und gar vergessen!‘ Da rief er ihr von unten her zu: ‚Sei nicht traurig! (....) So iss, trink und sei frohen Mutes. Und wenn du von Menschen siehst einen, dann sag: ‚Wahrlich, gelobt habe ich dem Barmherzigen ein Fasten, so werde ich nicht sprechen heute zu einem Menschen.‘ Dann kam sie mit ihm zu ihren Leuten, ihn tragend. Sie sagten: ‚Maria, begangen hast du eine Sache, eine unerhörte. O Schwester des Aaron, dein Vater war kein schlechter Mann und deine Mutter keine Hure.‘ Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: Wie sollen wir zu einem sprechen, der noch ein Kind ist in der Wiege?‘ Er sagte: ‚Ich bin ein Diener Gottes. Gegeben hat er mir die Schrift und mich bestimmt zum Propheten (...)‘.“ (Koran, Sure 19 Maryam, 22-30)

 

Hier stellt sich folgendes Problem: Maria hat auf übernatürliche Weise ein Kind empfangen. Dieses, also Jesus, spricht sogar als Neugeborenes zu ihr, sagt ihr, was sie tun soll, fordert sie auf, gegebenenfalls zu sagen, dass sie nicht sprechen will. Völlig paradox. Der Koranausleger Ismā‘īl Ibn Kathīr (Syrien, 14, Jahrhundert) erklärt, dass mit der Aufforderung des Neugeborenen „dann sag!“ gemeint sei, dass sie auf ihn deuten solle, da sie ja ein Fasten = Schweigen gelobt habe; sie schwieg also ganz und gar. Der Ausleger erklärt, dass das Wort Fasten (saum) hier Schweigen bedeute; nach dem Gesetz der Israeliten hätten Fastende zugleich auch geschwiegen.

 

Noch eine Koranstelle bezieht sich auf unser Thema. Hier geht es um die Wesen, Götter, die von unverständigen Menschen anstatt des einen Gottes angerufen werden: „Wenn ihr sie zur Rechtleitung aufruft, folgen sie euch nicht. Gleich ist es in Bezug auf euch, ob ihr sie aufruft oder ob ihr schweigt.“ (Koran 7:193) Der Götzendienst ist nichtig – für die Objekte, die ihr da anbetet, ist es völlig egal, ob und was ihr sprecht, denn sie hören ja nichts.

 

Am Jüngsten Tag schließlich werden die Kreaturen verstummen. Man muss sich die Szene vorstellen, wenn die gerade erst aus den Gräbern Auferstandenen dem Ort des Jüngsten Gerichts zustreben: „An jenem Tag folgen sie dem Rufer, an dem nichts Krummes ist. Die Stimmen senken sich vor dem Barmherzigen, und du hörst Flüstern nur.“ (Koran 20:108) – das hier gebrauchte Wort hams „Flüstern“ kann auch „leises Tappen (von Füßen)“ bedeuten, dann wäre also gar keine Stimme mehr zu vernehmen.

 

Vor einer solchen Stille am Tage der Versammlung liegt aber noch das Schweigen des Grabes. Und die Zeit davor sollte man ja – eigentlich – gut planen und sinnvoll ausfüllen. Das Gottesgedenken, womit eigentlich das Erwähnen, also Aussprechen, Rezitieren des oder der Namen Gottes gemeint ist, dürfte stets anempfohlen sein, wie der legendäre Oghusen-Weise Dede Korkut lehrte: „Sagt man nicht Allah Allah, so geraten die Dinge nicht wohl!“ Aber vielleicht doch nicht so extrem wie Jesus es in der bereits zitierten Überlieferung ausdrückt: „Wer redet über etwas anderes als das Gedenken Gottes, der stammelt.“ Solange wir am Leben sind dürfen wir doch wohl stammeln. Der türkische Dichter Kaygusuz Abdal (ca. 1397-1453) war sich dessen bewusst:

 

Krumm und Schiefes rede ich,

Grüne Pflaume jedes Wort;

Wie ein Storch durchwandle ich

Fremd die Weite, Stund um Stund.

 

Nichts weiß von Erkenntnis ich,

Dumm, ganz ohne Wissenschaft –

Fragen sie mich nach dem Sinn,

Strauchelnd hinkt das Wort vom Mund.

 

Die Frage, ob man mit Muslimen schweigen könne, ist daher nicht zu beantworten – jedenfalls nicht im dem Sinne, dass es im Bezug auf die Muslime hierzu eine klare Antwort geben könnte. Ein Streifzug durch Koran, Hadith, Mystik und Dichtung legt eher nahe, dass Schweigen kein großes Thema des Islams ist. Aber der Islam ist nicht mit den Muslimen identisch. Diese sind Menschen, Plappernde, Stammelnde, Achtlose, Achtsame, Redende und Schweigsame.




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