|
Rezension zu Christian W. Trolls Buch "Unterscheiden um zu klären – Orientierung im christlich-islamischen Dialog" 30.07.08 Kategorie: RELIGION, Rezensionen “Wenn wir den 'Clash of Civilizations' vermeiden wollen, gibt es – weder in Europa noch andernorts – keine Alternative zum ehrlichen, kritisch-offenen Dialog der Religionen und Kulturen.” (S. 13) Wie so häufig wird ein Beitrag zum Thema Islam und “westliche Welt” bzw. in diesem Fall Islam und Christentum mit dem Begriff des Zusammenpralls der Kulturen eingeleitet. Eigentlich soll es, wie im Titel des Buches zu erkennen, darum gehen, Verständnis zu gewinnen, über “den Anderen” mehr zu erfahren, damit er eben nicht mehr das fremde, schwer zu verstehende Wesen ist. Es fragt sich, warum trotzdem immer mit der Drohkulisse eines solchen Zusammenpralls der Kulturen begonnen werden muss. Bereits die Grundbedingung für ein solches Aufeinanderprallen, nämlich eine Trennung eben dieser Kulturen ist stark zu bezweifeln. Gibt es diese klare Trennung der “islamischen Kultur” und “dem Westen”?
Der Autor Christian W. Troll ist Jesuit und war unter anderem sechs Jahre lang Professor für Islamische Institutionen am Päpstlichen Orientalischen Institut. Sein Ziel ist die Klärung und Unterscheidung der islamischen und christlichen Inhalte und Grundpositionen, um so einen ehrlichen Dialog möglich zu machen. Er teilt sein Buch in drei große Themenbereiche. Der erste Bereich ist mit “Dimensionen des Dialogs” betitelt. Hier sollen Ziele des Dialogs benannt und einzelne Aspekte, beispielsweise der Begriff der Menschenwürde und der Religionsfreiheit analysiert werden. Der zweite Themenbereich heißt “Unterscheidung im Glauben” und versucht, anhand der Analyse zentraler Figuren und Lehren der jeweiligen Glaubensgemeinschaft die vorliegenden Unterschiede aufzuzeigen und richtig einzuordnen und zu bewerten. Dies geschieht zum Beispiel an der Figur Abrahams, den sowohl der Islam, als auch das Christentum als ihren Urahnen ansehen. Ebenso wird die Frage thematisiert, in wie weit bzw. ob Muhammad auch aus christlicher Sicht als Prophet gesehen werden kann. Der abschließende dritte Themenbereich widmet sich der “Einschätzung der Theologie”. An dieser Stelle werden Unterschiede in der jeweiligen Auffassung der Offenbarungsschriften, also Koran und Bibel geschildert, sowie die islamische Dogmatik aus christlicher Sicht analysiert. In all seinen Ausführungen wird deutlich, dass Christian W. Troll weiß, worüber er schreibt und sich aus seiner eigenen christlichen Religiosität auch über islamische Themen auf sehr respektvolle Weise äußert. Nichtsdestotrotz fällt auf, dass dieses Buch primär an Christen gerichtet ist, auch mit dem Ziel, durch besseres Wissen über den Islam die eigenen christlichen Standpunkte genauer zu realisieren und dadurch zu festigen. Unglücklich hierbei ist seine Behauptung, der Islam sei von seinem Wesen her hauptsächlich eine “Kritik des Christentums” (S. 119), da diese grob vereinfachende und einseitige Sicht nicht gerade zu dem viel beschworenem und an anderen Stellen auch glaubhaft angegangenen ehrlichen Dialog beiträgt. Insgesamt bleibt festzustellen, dass gerade der erste Teil, nämlich seine Darlegung der Gründe, Art und Ziele des Dialogs häufig nicht unbedingt verständlich ist. So wird zu keinem Moment wirklich klar, wie dieser Dialog genau aussehen und zwischen wem er stattfinden soll. Deutlicher wird er nur in einigen Punkten, in welchen dargelegt wird, auf welche Fragen Christen Muslimen Antworten schulden und wie diese aussehen. Auch wirken Ziele wie “global-gerechte Politik nach Maßstäben der Menschenrechte”, sowie “die Aufhebung politischer Doppelzüngigkeit von Seiten westlicher Regierender, die von Demokratie und Menschenrechten reden, aber in islamischen Ländern auch undemokratische Machthaber unterstützen und sie sogar einsetzen” zwar ehrenhaft, doch aus pessimistischer Sicht kann man dies eher naiv nennen. Wenn man's gut meint, handelt es sich um “Gute-Welt-Floskeln” mit wenig konstruktivem Gehalt. Bei den Regierungen und ihrer internationalen Politik kann realistisch betrachtet sicher nicht der Ansatzpunkt des Dialogs liegen. Ähnlich ungenau und nicht unbedingt der Realität entsprechend sind seine Ausführungen zu islamistischen Gruppierungen, welchen er eine Gruppenidentität zuschreibt, “die in einer weltweiten Belebung des umma-Gedankens [...] zum Ausdruck kommt.” (S. 66) Gerade diese hier angenommene Homogenität und gemeinsame Zielsetzung solcher Gruppierungen wird heute von großen Teilen der Experten deutlich verneint (siehe. Olivier Roy: Der falsche Krieg). An diesen Stellen zeigt sich relativ deutlich, dass dies eben nicht das Gebiet Trolls ist und er den Fehler begeht, sich nicht nur zu den Dingen zu äußern, in welchen er profundes Wissen besitzt, sondern auch zu anderen Themen, welche gerade in der öffentlichen Debatte sind oder dadurch zu einem solchen Thema werden.
Die eindeutig besten Passagen des Buches finden sich immer dort, wo konkrete dogmatische und theologische Punkte behandelt werden. Hier ist er Fachmann und hat auf viele Fragen auch wirklich Antworten. Zwar sind die Ausführungen zur gemeinsamen “Gründerfigur” Abraham, welche anscheinend in keiner Vergleichstudie zwischen Islam und Christentum fehlen darf, noch etwas unergiebig bzw. tendenziös. Die muslimische Sicht wird als ausschließlich rückwärtsgerichtet dargestellt, indem der Bund Gottes mit Abraham stets erneuert werden muss, um die ideale Epoche, welche immer wieder vergessen und verdorben wird, wiederherzustellen, wohingegen der Wille Gottes aus jüdisch-christlicher Sicht ein offener, lebendiger Bund ist, gerichtet auf seine Vollendung in der Zukunft. Seine Ausführungen zur Frage ob und inwiefern Muhammad auch aus christlicher Sicht als Prophet gesehen werden kann sind dagegen schon weitaus interessanter. Hier macht es sich auch sehr positiv bemerkbar, dass es Troll nicht um eine Art “erzwungener Vereinigung” der monotheistischen, ja rückblickend auf obige Ausführungen so häufig als “abrahamitisch” bezeichnete Religionen geht und er daher auch christlichen Versuchen dieses Prophetentum Muhammads anzuerkennen und zu einem gewissen Grad in ihr religiöses System zu integrieren eine klare Absage erteilt. Nichts desto trotz sind seine Bemerkungen zu diesem Thema nicht abwertend oder respektlos, sondern an dieser Stelle wohl am deutlichsten sichtbar durch die allgemeine Zielsetzung des Buches geprägt, ein wirkliches Verständnis des anderen zu schaffen, um zumindest die Grundlage des erwünschten Dialogs zu liefern. Wie genau dieser nun aber letztendlich aussehen soll und was seine Ziele sind – jenseits von allgemeinen Aussagen wie “fruchtbares erquickliches Zusammenleben und -arbeiten von Christen und Muslimen in säkularen (im sinne von plural angelegten sowie Staat und Religion trennenden) demokratischen Gesellschaften” oder “ein Maximum an weltweiter Gerechtigkeit zu erreichen” (S. 91) sind, wird nicht deutlich.
Christian W. Troll: Unterscheiden um zu klären – Orientierung im christlich-islamischen Dialog Herder Verlag, 2008 22 € ISBN: 978-3-451-29671-0 |