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Offener Brief: An meinen fehlgeleiteten Bruder Bekkay
25.10.09
Von:  Hakan Turan

Kategorie: GESELLSCHAFT

Heute sind Bundestagswahlen und ich werde wählen gehen. Und obwohl ich mich innerlich nicht auf deine Drohbotschaft an das deutsche Volk einlassen wollte, verspüre ich doch das dringende Bedürfnis ein paar Dinge loszuwerden, bevor ich meinen Stimmzettel in die Wahlurne einwerfe.

 

Als ich kürzlich in der Bahn-Station auf den Zug wartete, las ich mir die an die Wand projizierten neuesten Nachrichten durch, bis ich auf dein Gesicht stieß. Inmitten von deutschen Bürgern, die wohl zu großen Teilen von der Arbeit auf dem Weg zu ihren Familien waren, las ich mir da beschämt durch, wie du im Namen meiner Religion stellvertretend für eine Gruppe fanatischer Sektierer namens al-Qaida Deutschland Bedingungen für die Wahl diktierst. Ginge vom Wahlergebnis nicht aus, dass Deutschland seine Truppen aus Afghanistan abziehen würde, dann müsse Deutschland mit Anschlägen rechnen.

 

Auch wenn mir meine muslimischen Freunde immer wieder davon abraten mir die Laune mit den Verlautbarungen religiöser Fanatiker aus den Reihen meiner eigenen Religion zu verderben, gab ich auch diesmal noch am selben Abend der Versuchung nach und hörte mir an, was du zu sagen hast.

 

Ich wollte versuchen zu verstehen, was da dran ist, an den Propagandisten von Autobomben und Sprengstoffgürteln, die sich in jedem zweiten Satz auf Gott, den Koran, den Propheten Muhammad und die Interessen der Muslime berufen.

 

Auch ich bezeuge, dass es nur einen Gott gibt, und dass Muhammad sein Gesandter ist. Auch mir ist der Koran heilig und ich befasse mich intensiv und gerne mit seiner Lehre. Insofern müssten wir beide doch eigentlich in einer so wichtigen Frage wie der, ob das Leben und Gut der nicht muslimischen Deutschen um uns herum unantastbar ist, oder nicht, schnell Übereinkunft finden. Ich meine: Entweder irre ich mich - und mit mir zusammen die erdrückende Mehrheit der Muslime - , und meine Religion verlangt unter den heutigen Umständen allen Ernstes, dass wir, bzw. eine stellvertretende Gruppe von uns, in einen bewaffneten Kampf gegen jene Gesellschaft zieht, die uns ungeachtet unserer Religion von allen Angeboten ihres Gesundheits- und Bildungswesens profitieren lässt, uns einen großzügigen Sozialstaat an die Seite stellt und uns religiöse und bürgerliche Freiheitsrechte gewährt, von denen wir in den meisten sogenannten islamischen Länder nur träumen könnten - eine in der Tat absurde Vorstellung.

 

Oder du und deinesgleichen befinden sich in einem fatalen Irrtum - und laden eine untragbare Verantwortung auf sich, indem sie sich ohne die Zustimmung und Genehmigung der Muslime, ohne Deckung durch den Koran, und ohne die Beglaubigung der Vernunft das Recht nehmen wollen, wahllos unschuldige und unbescholtene Kinder, Frauen und Männer in Stücke zu reißen um anschließend die unvorstellbaren Konsequenzen für diese “große Tat” die muslimische Minderheit in Deutschland ausbaden zu lassen.

 

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Hakan Turan ist 1979 als Sohn türkischer Gastarbeiter in Ludwigsburg geboren. Er hat Theoretische Physik, Mathematik und Philosophie studiert und arbeitet jetzt u.a. als Hochschullehrbeauftragter für Mathematik. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit Theologie, Exegese und Recht im Islam und engagiert sich mit Vorträgen und Texten (u. a. in seinem Blog) zu den Themen Islam, Moderne und Integration. Hakan Turan ist Mitglied im Zukunftsforum Islam der Bundeszentrale für Politische Bildung.

 

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KOMMENTARE UND FRAGEN

 

1.

Sehr geehrter Herr Hakan Turan,

danke für die klaren Worte! Ich hoffe, Sie lassen sich nie entmutigen, auch weiterhin für Toleranz und gegenseitige, gleichberechtigte Achtung einzutreten. Ich lebe in einem arabischen Land - und um Sie zu bestätigen - viele meiner arabischen Freunde begrüßen Ihr deutliches Plädoye und hoffen, dass sich Stimmen wie die Ihrige in Europa mehren und durchsetzen.

Aber nicht nur islamistische Extremisten tragen zur Abwertung gläubiger Muslime bei. Auch die bei vielen Muslimen tabuisierte historisch- und literatur- wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Koran, und den Ahadith, sowie die naive, öffentlich z.B in Blogs zur Schau gestellte Gläubigkeit fördern eine Polarisierung. Ich gebe zu, mich selbst dabei ertappt zu haben, durch allzu heftige Kritik an der Naivität (auch der christlichen) die Polarisierung zu fördern, weil mir diese unkritischen, oft bigotten und uninformierten öffentlichen Aüsserungen "einfach auf die Nerven geht". Beispiele finden sich in dem "theolounge" Blog hinreichend.

Ich wünsche Ihnen grossen Erfolg bei Ihren Bemühungen um Toleranz und Aufklärung und - nicht zuletzt - eine breite Anerkennung Ihrer Haltung.

 

2.

keine Selbstmordattentate sind. Es ist schwer davon auszugehen, dass die Bomben auf Marktplätzen, Moscheen und belebten Zentren von Geheimdiensten fern gezündet wurden und man hinterher sagen kann, das es sich um einen Selbstmordattentäter gehandelt hat. Wer kann in einem Kriegsschauplatz das Gegenteil beweisen, besonders wenn die Medien in der Hand des Besatzers sind. Es gibt dort keine kriminaltechnische Untersuchung, noch werden Spuren gesichert. Es gibt ja im Irak keine funktionierende Behörde, geschweige einen Justizapparat. Man muß genau zwischen Terror und legitimen Widerstand differenzieren. Eine am Straßenrand positionierte Bombe die per Fernzündung gegen amerikanische Panzer gerichtet ist (und damit legitime Kombattanten) ist Widerstand und kein Terror. Das Volk hat auch nach internationalem Recht sich unter anderem mit bewaffneten Mitteln gegen die Besatzer zu wehren. Die Besatzer wollen ja gerade einen Bürgerkrieg auslösen, indem einmal eine Bombe in einem christlichen Viertel, dann eine im schiitischen Viertel und dann auch eine Bombe im sunnitischen Viertel explodiert. Man muß Nachrichten hinterfragen und diesbezüglich gibt es bei BBC und EL PAIS genügend Erkenntnisse, das britische Soldaten in Terrormaßnahmen involviert waren.




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