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Nasr Hamid Abu Zaid – Gottes Menschenwort
03.08.09
Von:  Jörg Beyer

Kategorie: Rezensionen

Nasr Hamid Abu Zaid gehört sicherlich neben Tariq Ramadan zu den auch im europäischen Raum bekanntesten zeitgenössischen muslimischen Denkern überhaupt. Erlangt hat er hierzulande diese Bekanntheit allerdings eher durch das Verfahren in seinem Heimatland Ägypten, in Folge dessen er aufgrund von Apostasievorwürfen von seiner Frau zwangsgeschieden werden sollte und seitdem in den Niederlanden lebt und lehrt. Auch durch das Buch „Ein Leben mit dem Islam“, in welchem der deutsche Islamwissenschaftler Navid Kermani das Leben von Abu Zaid darstellt, wurde er in Deutschland einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Über seine Arbeit und sein Werk gab es auf Deutsch jedoch recht lange Zeit wenig zu erfahren, was sich seit dem letzten Jahr glücklicherweise ein wenig geändert hat. So erschien zunächst 2008 das Buch „Mohammed und die Zeichen Gottes – Der Koran und die Zukunft des Islam“, welches aus verschiedenen Interviews der deutschen Publizistin Hilal Sezgin mit Abu Zaid entstand, und in welchem bereits eine Einführung in Abu Zaids Werk, insbesondere seiner hermeneutischen Herangehensweise an die Koraninterpretation gegeben wird.

 

Seit diesem Jahr gibt es nun auch endlich deutsche Übersetzungen eigener Texte Abu Zaids, gesammelt in dem Buch „Gottes Menschenwort – Für ein humanistisches Verständnis des Koran“, erschienen in der Reihe der Georges Anwati Stiftung im Herder Verlag. Die Übersetzung und Einführung in die Texte stammt von dem Islamwissenschaftler und Kenner des Werkes von Abu Zaid, Thomas Hildebrandt.

Die Textauswahl, es handelt sich um insgesamt fünf Texte aus verschiedenen Zeiten, zielt auf den Kern dessen, was Abu Zaid seit seiner Magisterarbeit 1976 vor allem beschäftigt, die historischen und zeitgenössischen Formen und Möglichkeiten des muslimischen Verständnisses des Koran. Zugleich soll sie einen Überblick über die Entwicklung seines bisherigen Schaffens geben.

 

Im ersten Text „Die literaturwissenschaftliche Herangehensweise an den Koran“ handelt es sich um eine Erläuterung des Entwicklung der literaturwissenschaftlichen Herangehensweise an den Koran von Mu’tazila über Muhammad ’Abduh und Taha Hussain zu Amin al-Khuli und Ahmad Khalafallah und erwähnt auch Abu Zaids eigene Geschichte, welche zu der oben bereits erwähnten Zwangsscheidung führte. Abu Zaid stellt hier diese Herangehensweise als lange Tradition dar, ausgehend von mu’tazilitischen Denkern und gibt dem Verfahren daher einen festen theologischen Unterbau.

 

„ Die Textualität des Koran“ ist eine Darlegung, dass es auch in der klassischen Exegese bereits solche Ansätze gab und erläutert den Versuch sich dem Koran als Text zu nähern. Die Schlussfolgerung dabei ist, dass sich der Koran als Text ohne Interpretation nicht verstehen lässt, da jede, selbst wörtliche Lesart, auf menschliche Entscheidungen, Kontexte und Horizonte zurückgeht.

 

Der dritte Text „Historizität – Der missverstandene Begriff“ ist der einzige direkt aus dem arabischen übersetzte Text (die anderen vier Texte sind ursprünglich auf englisch verfasst worden) und dient als Erklärung der Hintergründe und Details seiner Thematik hauptsächlich für arabisch/muslimisches Publikum. Er spricht sich deutlich für die Erschaffenheit des Koran aus, was dem Mainstream der muslimischen Denkweise jedoch zuwider läuft. Argumentiert wird hier, dass der Koran zur Zeit Muhammads auch als Reaktion der Situation offenbart wurde, es sich also um einen Kommunikationsprozess handelt.

 

„Der Koran – Gott und Mensch in Kommunikation“ untersucht den Koran im Alltagsleben der Menschen. Dabei kommt es zu einer Ausweitung der Idee der Kommunikation Gottes mit Muhammad und seinen Gefährten zu einer immerwährenden Kommunikation Gottes mit der Menschheit.

 

Abschließend beleuchtet Abu Zaid in „Den Koran neu denken – Für eine humanistische Hermeneutik“ den Begriff der Diskursivität des Korans unter Bezugnahme auf die Theorien Arkouns und dessen Unterscheidung zwischen Offenbarung als Diskurs und dem mushaf als ein von Menschen fixierten Text. Alle spätere Exegese und Auslegung hat diesen mushaf als Basis, nicht den ursprünglichen Diskurs.

Dem widerspricht Abu Zaid, der Den Koran als Abbild eines offenen Diskurses zwischen verschiedenen Parteien in Mekka und Medina sieht. „Es klingen eine Vielzahl von Stimmen an. Zu Wort kommen direkt oder indirekt Gläubige und Ungläubige, Schriftbesitzer.“ Abu Zaids Ziel ist die Rückgewinnung dieses Diskurses und seine Kritik ist, dass im Großen die Exegese zu eng den mushaf nur als Text betrachtet werde.

Überraschend ist in diesem fünften Text seine recht deutliche Abkehr vom Begriff des Textes und seine Darstellung, dass diese Position jetzt plötzlich für die Konservative Seite stehe. Er sagt sogar: „Ich habe hier die These vertreten, dass der Koran ein lebendiges Phänomen ist. Eine humanistische Koranhermeneutik muss das ernst nehmen und aufhören, den Koran bloß als Text zu betrachten.“

 

Dieser Wandel steht jedoch nicht für eine Abkehr von der literaturwissenschaftlichen Exegese, sondern für eine Hinwendung zu neuen Idealen, nämlich der Idee einer „Öffnung des Koran für neue Bedeutungen“.

 

 

 

 

Nasr Hamid Abu Zaid

Gottes Menschenwort – Für ein humanistisches Verständnis des Koran

Herder Verlag, 2009, 15,- €

ISBN: 3-451-29972-0

 




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