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„Mohammed und die Zeichen Gottes“ von Nasr Hamid Abu Zaid / Hilal Sezgin - Buchrezension
04.09.08

Kategorie: RELIGION, Rezensionen

Das Buch „Mohammed und die Zeichen Gottes – Der Koran und die Zukunft des Islam“ entstand auf der Basis einer Reihe von Interviews mit dem ägyptischen Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (geb. 1943), die die deutsche Publizistin Hilal Sezgin (geb. 1970) mit ihm führte. Die Interviewform wurde gewählt, um „islamwissenschaftlichen Laien“ eine gut verständliche Einführung in den Koran zu ermöglichen, so Hilal Sezgin im Nachwort. In den vierzehn Kapiteln geht es vor allem um die hermeneutische Herangehensweise an den Koran, dessen Historisierung beziehungsweise Kontextualisierung im Mittelpunkt steht. Um dies zu verdeutlichen, erläutert Abu Zaid unter anderem die politischen und soziokulturellen Umstände der Entstehungszeit des Korans. Neben diesem Schwerpunkt haben aktuelle öffentlich diskutierte Themen in Bezug auf den Islam ein starkes Gewicht. Themen wie die Gewalt- und Geschlechterfrage im Islam, Fundamentalismus und Scharia hat er eigene Kapitel gewidmet. Dabei analysiert er vor allem die Strukturen dieser Debatten und die Situation der heutigen Muslime im Bezug auf ihr Koran- und Glaubensverständnis.

 

Abu Zaid versteht den Koran als historischen Text, der auf bestimmte Ereignisse und Umstände seiner Zeit reagiert hat. Um jedoch den Kern der koranischen Botschaft zu verstehen, bedarf es historischem und philologischem Wissen. Dies nennt er eine historisch informierte Lesart. Dieses Verständnis ist wesentlich für ihn. Denn damit erklärt er auch, dass der Islam historisch gewachsen ist, da er auf Handlungen von Menschen basiert und deswegen nicht zu trennen ist von den Muslimen selbst. Daher könne man nicht von dem einen Islam sprechen. Nach dieser Feststellung schlägt er, wie so häufig in diesem Buch, eine Brücke zu unserer heutigen Zeit und macht darauf Aufmerksam, dass es auch eine muslimische Vielfalt in Europa gibt.

 

Gleich zu Anfang des ersten Kapitels „Verstehen statt Verteidigen“ stellt er fest, dass die Debatten rund um das Thema Islam häufig entweder apologetisch von muslimischer Seite oder polemisch von nicht-muslimischer Seite geführt werden und es daher schwierig sei auf inhaltlich-sachlicher Ebene zu diskutieren. Dabei berichtet er aus seiner eigenen Erfahrung, wonach er auf Podien nach kritischen Stellen im Koran befragt wurde und sich in der Verteidigungsposition wieder fand.

 

Um dem Leser die Offenbarung, dessen Prozess er als dialogisch fasst, verständlicher zu machen, geht er auf die besonderen Begebenheiten der damaligen Zeit ein. Er beschreibt die Bewohner Mekkas als sesshaft, fast städtisch und die damaligen Spannungen zwischen Arm und Reich. Genauso behauptet er, dass die damalige Gesellschaftsstruktur nach der Stammesethik funktionierte und es kein Rechtssystem gab. Demnach diente der Islam als Lösung für die konkreten gesellschaftlichen und politischen Probleme und das in einer, wie er sagt, realistischen und reformistischen Art und Weise.

Auch die Geschlechterfrage, der er ein Kapitel gewidmet hat, klärt er auf diese Weise. Der Koran wurde in einer patriarchalen Gesellschaft offenbart und dementsprechend richtet sich der Koran hauptsächlich an Männer. Aber dennoch gab es reformistische Ansätze, wie das Erbrecht der Frau, die aber von den Muslimen nicht weiterentwickelt wurden.

 

Eine Auffälligkeit in diesem Buch sind die häufigen Aufforderungen an Muslime kritisch nachzudenken. Einigen wirft er vor, eher an Personen denn an Ideen zu glauben und das dies schon an Götzenanbetung grenze. Das Problem, so schildert er, sei, dass viele Muslime und dabei vor allem muslimische Gelehrte den Glauben dogmatisiert haben und dies einen offenen Umgang mit dem Koran erschwere. Er plädiert für das Recht auf individuellen Umgang mit dem Koran, aber gleichzeitig meint er, dass man das nötige historische Wissen haben müsse, um einen korrekten Zugang zu haben und bestimmte Koranstellen historisch richtig einzuordnen. Dennoch grenzt er theologisch abstrakte Diskussionen von persönlichen Erfahrungen eines Gläubigen in der religiösen Alltagspraxis ab und findet, dass das Gottesbild sich den Erfahrungen des Gläubigen anpasst und die abstrakte Vorstellung von Gott für die Alltagspraxis nicht von Belang ist.

 

Die Denkanstöße, die er immer wieder formuliert, richten sich wie gesehen vor allem an eine muslimische Leserschaft. An einigen Stellen sind jedoch Formulierungen zu unklar gehalten, sodass nicht ersichtlich ist, wer angesprochen ist, zum Beispiel „Wir müssen die Muslime ermutigen, für sich selbst zu denken.“. Hier stellt sich die Frage, wer mit wir gemeint ist und wer die Muslime sind. Diese unklaren Formulierungen sind vermutlich auf die Entstehung des Buches zurückzuführen, die auf Gesprächen beruhen und nicht auf Texten. Seine Thesen sind nachvollziehbar, oftmals jedoch nur angeführt und anhand einiger Verse erklärt.

Es sollte festgehalten werden, dass diese Einführung kein Überblick über die verschiedenen Positionen und Thesen zum Thema Koran darstellt, sondern aus einer bestimmten Perspektive - der literaturwissenschaftlichen, die Herangehensweise an den Koran erläutert und die orthodoxen Positionen allenfalls erwähnt, um sie zu entkräften.

 

 

Nasr Hamid Abu Zaid / Hilal Sezgin

Mohammed und die Zeichen Gottes - Der Koran und die Zukunft des Islam

Verlag Herder

März 2008

€ 19,95

ISBN 978-3-451-29274-3




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