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Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus
22.04.07

Kategorie: PROJEKTE

 

Nach den antisemitischen Terroranschlägen gegen Synagogen in Istanbul im November 2003 gründete sich im Berliner Stadtteil Kreuzberg eine „migrantische Initiative gegen Antisemitismus“, die sich auch als Reaktion auf den zunehmenden Antisemitismus im unmittelbaren Umfeld verstand. Aus dieser entwickelte sich die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, die seit April 2004 u.a. durch das Bundesprogramm Civitas gefördert wird und schnell über regionale Beachtung gefunden hat. Seit Ende 2005 wird die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, von einem eigenständigen Trägerverein (KIgA e.V.) getragen, in dem sich herkunftsdeutsche und migrantische PädagogInnen gemeinsam mit dem Antisemitismus in seinen Erscheinungsformen und seiner Aktualität auseinandersetzen. In dieser Teamzusammensetzung spiegelt sich auch das zentrale Anliegen der KIgA wider, der aktuellen Tendenz entgegenzuwirken Engagement gegen Antisemitismus und Engagement gegen Rassismus gegeneinander auszuspielen.

 

Zielgruppen und Schwerpunkte

 

Die Hauptzielgruppen sind Jugendliche und PädogogInnen aus Schulen und Jugendeinrichtungen in Kreuzberg und anderen Berliner Stadtteilen. Dabei steht die Arbeit mit Jugendlichen mit türkischem, arabischem oder muslimischem Background im Vordergrund. In der Entwicklung und Erprobung pädagogischer Module, wird daher dem „Einwanderungshintergrund“ vieler Jugendlicher Rechnung tragen. Dieses impliziert, dass sich in der Bildungsarbeit z.B. auch mit türkischen und arabischen Kontexten auseinandergesetzt wird. Außerdem kommt geschlechtsspezifischen Perspektiven eine wichtige Rolle in der Pädagogischen Arbeit zu. Seit dem Frühjahr 2006 wurden die erarbeiteten Konzepte überdies in anderen Bundesländern vorgestellt und ihre Anwendbarkeit auch für andere Bezirke mit ähnlicher Bevölkerungsstruktur erprobt.

 

Zivilgesellschaftliches Engagement

 

Die KIgA engagiert sich zu den Themenfeldern Antisemitismus und Islamismus auch zivilgesellschaftlich. Dazu gehören u.a. Monitoring der Aktivitäten von antisemitischen und islamistischen Gruppierungen, Vorträge und Seminare zu diesen Themen, die Förderung des türkisch-jüdischen Dialogs sowie die Sensibilisierung, Mobilisierung und Vernetzung der demokratischen Öffentlichkeit - insbesondere im lokalen Kontext in Berlin-Kreuzberg.

 

Wie weiter mit der Pädagogik gegen Antisemitismus bei der KIgA?

 

Das zweijährige Projekt „Pädagogische Arbeit und Praxiskonzepte gegen Antisemitismus“ ist abgeschlossen. Ihm ging das erste Projekt „Antisemitismus in Kreuzberg bekämpfen“ der KIgA voraus. Wir haben etwa drei Jahre lang in unterschiedlicher Weise zu diesem Thema gearbeitet. Neben vielfältigen pädagogischen Projekten mit SchülerInnen und anderen Jugendlichen, die der Schwerpunkt unserer Förderung durch CIVITAS gewesen sind, haben wir Erfahrungen in einer Reihe weiterer Bereiche gesammelt, die von der Zusammenarbeit mit lokalen Nachbarschaftsprojekten über wissenschaftliche Tagungen im Bundesgebiet bis hin zur Teilnahme an den OSZE-Konferenzen reichen. Zudem bekam unser Projekt große mediale Aufmerksamkeit. Trotz der erfolgreichen und anerkannten Arbeit der KIgA ist heute völlig unklar, wie die Arbeit der KIgA in Zukunft gesichert werden kann. Eine gesicherte Finanzierung über das Ende des CIVITAS-Projekts hinaus konnte bisher trotz vielfältiger Bemühungen nicht erreicht werden.

 

Mehr Informationen findet man unter www.kiga-berlin.org

Schülerbroschüre "Juden in Kreuzberg" (4 MB)

 


Kontakt

 

KIgA e.V. Oranienstrasse 34 D-10999 Berlin

Tel. : +49-(0)30-69565865

Fax. : +49-(0)30-69569266

 

Konto der KIgA e.V.

Konto-Nr.: 3329300 BLZ: 100 205 00 Zweck: Zuwendung IBAN: DE32100205000003329300 Papierform: DE32 1002 0500 00033293 00 BIC: BFSWDE33BER (Ort: Berlin)

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FRAGEN/KOMMENTARE VON LESERN - ANTWORT DER AUTORIN

 

26.04.2007

 

Frage: "Wieso macht ihr keine Initiative gegen Antisemitismus UND gegen Antimuslimismus? Ich glaube nicht, dass uns eine weitere "single-issue" Initiative weiterbringt - ins Besondere nicht in einem Bezirk, in dem beide Formen der Diskriminierung ein großes Thema sind!"

 

Antwort von Elif Kayi (KigA):

 

Liebe(r) Leser(in) von Muslimische-Stimmen.de,

 

Erstens vielen Dank für Ihre Frage. Eigentlich wird sie uns oft gestellt. Man fragt uns, warum wir nicht zu den beiden Themen Antisemitismus und Rassismus bzw. Islamophobie arbeiten. Unsere erste Antwort ist relativ leicht: Wir arbeiten hauptsächlich mit Jugendlichen mit Migrationhintergrund, vor allem mit Jugendlichen, deren Eltern oder Großeltern aus muslimisch geprägten Ländern kommen. Daher stellt sich das Problem einer antimuslimischen bzw. antiislamischen Haltung unter diesen Jugendlichen nicht wirklich. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir eine „grass-root“ Initiative sind, die sehr starke lokale Bezüge hat. Die Initiative wurde von Pädagogen und SozialarbeiterInnen gegründet, die seit Jahren mit Kreuzberger Jugendlichen arbeiteten. Damals nach dem 11. September hatten sie einen deutlichen Anstieg der Judenfeindschaft bei den Jugendlichen beobachtet, und die zweite Schwierigkeit stellte sich heraus, dass das Phänomen nicht als Problem wahrgenommen wurde. Gleichzeitig merkten sie aber auch, dass das Thema oft nicht direkt angesprochen wurde. Die Initiative folgte daher konkreten Feststellungen. Die Wunschvorstellung von der multikulturellen Gesellschaft geht oft mit einem problematischen Blick auf Migranten einher. Er besteht darin, dass man Migranten oder Menschen mit Migrationhintergrund oft auf eine reine Opferrolle reduziert. Deshalb wird uns oft vorgeworfen, dass wir das Thema Antisemitismus in der migrantischen Bevölkerung ansprechen, während die Migranten eigentlich Opfer von Rassismus sind. Es gibt starke Rassismus-Probleme, das ist uns sehr bewusst, aber es gibt auch große Probleme innerhalb der migrantischen Gemeinden und das wollen wir ansprechen. Wir vertreten die Meinung, dass Menschen mit Migrationhintergrund nicht nur als Opfer angesehen werden können, sie sind nicht selten auch Täter. Die Schwierigkeit, Antisemitismus in einem Viertel wie Kreuzberg zu thematisieren, liegt auch an dem multikulturellen Image von Kreuzberg, wo man gerne bestimmte Problemfelder ausblendet. Aber die Probleme sollen doch angesprochen werden. Es gibt kein Zusammenleben ohne Spannungen und Probleme, und genau sie sollen angesprochen werden. Es gibt einen schönen Spruch: „Die Wahrheit hat bisher keinem geschadet, außer einem, der die Wahrheit sagte“. Wir haben uns auf das Thema Antisemitismus konzentriert, weil dieses Problem auch die Grenzen der religiösen Feindschaft übertrifft. Religiös motivierter Hass gegen Juden ist ernst zu nehmen, aber bisher nicht besonders ausgeprägt. Antisemitismus gehört dem ideologischen Fundament radikaler Nationalisten aller Art, hier insbesondere türkischer und arabischer Provenienz. Und viel verbreiteter ist der Antisemitismus in Form von Verschwörungstheorien, wo Juden Weltbeherrschungsphantasien unterstellt werden. Eine Paranoia, die hinter allen Missständen (oder was der Antisemit so versteht) eine jüdische Urheberschaft sucht. So findet man ganz leicht Erklärungen auf alle ökonomischen, politischen oder kulturellen Entwicklungen auf der Welt. Deswegen thematisieren wir in unserer Arbeit auch sehr stark die Verschwörungstheorien. Probleme wie Antisemitismus und Islamismus in der deutschen Einwanderungsgesellschaft zu thematisieren, setzt einen besonderen sensiblen Umgang vor. Migranten stehen schon über 40 Jahre unter Kritik und werden oft nicht wirklich als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft aufgenommen. Ein beachtlicher Teil dieser Gesellschaft leugnet ja immer noch den Einwanderungscharakter des Landes. Unser pädagogischer wie politischer Einsatz kommt daher leider bei solchen Kreisen sehr wohlwollend an. Von diesen „falschen Freunden“, die sich auf die Probleme innerhalb der migrantischen Gemeinden fokussieren, um ihre rassistische Einstellungen zu „vertouchen“, distanzieren wir uns als überzeugte antirassistische Aktivisten vehement. Als letztes möchte ich noch sagen: Wir sind eine sehr bunte Gruppe: türkisch, deutsch, arabisch, französisch, jüdisch, muslimisch, atheistisch, etc. Wir sind Kreuzberger, leben und arbeiten gerne dort. Sowas wie Judenfeindschaft wollen wir in unserem Lebensumfeld einfach nicht tolerieren, sondern dagegen aktiv werden. Vielleicht bekommen Sie durch einen Besuch auf unserer Website eine konkretere Vorstellung von unserer Arbeit. Wir haben gerade eine Broschüre herausgegeben, in der unsere pädagogischen Module präsentiert werden.

 

28.04.2007

Kommentar: Lob für die Moderatorinnen der Muslimische-Stimmen.de für diese Posting. Die Vielfalt des erlebten Islams soll mehr in die Debatten einbezogen werden. KIgA scheint sehr interessantes Projekt zu sein, wo auch die Muslime ihren Platz haben. Unabhängig davon, dass Muslime in letzten Jahren viel mehr Rasssismus erleben, ist auch starke Zunahme der Feindschaft gegen Juden unter einigen Muslime zu beobachten. Und es wird auch immer größer. Daher finde ich sehr notwendig, solche Probleme ernstzunehmen und toleranten Islam gegen radikalen und feindlichen Gegenüber hervorzuheben. Die Radikalen (bis hin zum terroristische Gruppen) sind in der deutlichen Minderheit, aber man spricht nur über sie. Die schweigende Mehrheit sind ganz normale Menschen, from oder weniger from, glauben an Islam und wollen in Würde ihr Glauben ausüben. Zurück zum Judenfeindschaft unter Muslimen: Historische Dokumente belegen, wie oft jüdische Minderheiten Schutz bei ihren muslimischen Nachbarn gesucht und gefunden haben. In der osmanischen Geschichte kam mehrmals vor, dass die Juden von ihren christlichen Nachbarn verfolgt worden sind, obwohl beide Bevölkerungsgruppen gleichgestellte Untertan des osmanischen Sultans waren. Eine der immer wieder auftretenden antijüdischen Vorwurf war sog. Kindermordrituale (z.B. in Izmir, Damaskus etc.). Angeblich opferten Juden bei ihren religiösen Pessahfest christlichen Kinder und backten Brot mit ihrem Blut. Diese irsinnige Beschuldigungen waren oft die Auslöser für Pogrome gegen Juden in dem Mittelalter. Osmanische Sultane oder ihre örtlichen Vertreter lehnten die Vorwürfe als Verleumdnung ab und schützten ihre jüdischen Untertan. Man kann viele andere Beispiele heranführen, dass jüdisch-muslimische Beziehung vom tolerantem Umgang geprägt war. Diese Wahrheit kann weder die Progaganda radikalislamischer Gruppen, noch das Leid der Palästinenser unter israelischen Besatzung ändern. Die Geschichte zeigt es uns,Islam und Judentum sehr gut zusammengelebt haben. Wenn einige heute uns weiß machen wollen, dass Juden per se Feinde Islams sind, weil ihre Religion angeblich hasserfüllt gegen alle anderen, vor allem gegen Muslime sei, ist es nur eine Propaganda. Diese Leute sind selber vom Hass besessen, und wollen ihren Hass mit Islam legitimieren. Wenn wir das Feld auf diesen Radikalen überlassen werden, wird der Name unserer Religion in den Dreck gezogen. Daher ist es mutig und wichtig, was die Leute bei KIgA machen. Man muß ja nicht in allen Ecken und Punkten mit ihnen einig sein. Ich glaube, wir können nur so, die Vorurteile gegen Islam abbauen. Grüsse, Hasan




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