Keine Angst vor Waldbewohnern!
25.11.07
Von: Umm Hafsa
Kategorie: ERFAHRUNGEN
Bismilahi ar-rahman ar-rahim (Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen)
Es ist ein schöner Maiabend an einem Vorstadtbahnhof im Hessischen. Der mitteleuropäische Sommer mit seinen mittlerweile mediterranen Temperaturen naht mit Riesenschritten, wofür schwindende Rock- und Ärmellängen, aber auch mitgeführtes italienisches Naschwerk untrügliche Gradmesser sind.
Plötzlich steht es da. Eingehüllt in einige Quadratmeter marineblauen Stoff, von Kopf bis Fuß, direkt vor dem Fahrkartenautomaten. Zielsicher bedient es den minzgrünen Kasten und wendet sich einem etwas abseits stehenden bärtigen Mann zu: „Hast Du noch zwei Euro klein?“ Ungläubige Blicke erheben sich von Eistüten und Abendzeitungen und wandern zu dem Stoffballen als wollten sie sagen: „Huch, es kann ja sprechen!“ Doch die Verwunderung weicht in Sekundenschnelle und macht Platz für empörtes Getuschel, zusammengezogene Augenbrauen und ein eigentümliches Kopfschütteln, wie es mancher vielleicht schon bei neurotischen Eisbären nach jahrelanger Käfighaltung beobachtet haben mag.
Die Nahverkehrsreisenden werden in diesen wenigen Minuten Zeugen eines Naturschauspiels, wie es seit einiger Zeit vermehrt vor allem in westdeutschen Großstädten zu beobachten ist. Dort erlebt anscheinend die Population der Tyota alba, der gemeinen Schleiereule, erheblichen Zuwachs. Es scheint sich gar um eine ganz neue Art zu handeln, die Tyota alba arabica: tagaktiv und meist im Schwarm unterwegs. Schon haben Forscher um den Gladbacher Hobbyornithologen Stefan H. das unerklärliche Phänomen in Wort und Bild dokumentiert. Bis vor kurzem waren diverse besonders schöne Exemplare, Ergebnis mühevoller und aufwendiger Feldstudien, auf seiner Homepage zu bestaunen, bis ein multikultiverblendeter Dhimmi-Richter dem Ganzen ein Ende setzte. Immerhin kann der interessierte Eulenfreund Tyota alba arabica auch noch auf Videoaufnahmen bestaunen, zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme in einer Bonner Trattoria.
Doch genug des ironischen Scherzes! „Schleiereule“, „menschlicher Pinguin“, „stolpernde Stoffballen“ oder –etwas weniger plakativ- einfach die Verwendung des neutralen Personalpronomens bzw. die Anrede im so genannten „Affendeutsch“ – die Intellektuellen der Republik und solche, die es gern wären, überbieten sich mit kreativen Wortschöpfungen, um ihrer hasserfüllten Abneigung gegenüber vollverschleierten Muslimas gedruckt und vertont Ausdruck zu verleihen. Die so Benannte muss gleichermaßen herhalten als Sinnbild der „galoppierenden Islamisierung“ zum Einen als auch des „Jalabiyya-Patriachats“ zum Anderen, das sie ins Joch einer „archaischen Hirtenkultur“ (d.i. der Islam) spannt. Aufgrund dieser Ambivalenz sind hiesige Feministinnen, Alt-Publizisten und Soziologinnen „mit Migrationshintergrund“ zwiegespalten und wollen ihre Beschimpfungen keinesfalls verstanden wissen als Beleidigungen der betroffenen Frauen, mit denen es ja „Mitleid“ zu haben gilt. Ach so. Wie beruhigend… Auf „deutschen Strassen“ begegnen möchte man der „Burkaverhüllten“ dann trotzdem nicht. Und das sagt man ihr auch, allen „Mitleids“ zum Trotz, mitunter sehr rabiat.
Nahezu jede praktizierende Muslima weiß inzwischen um ihren Stand in der „offenen Gesellschaft“ und hat sich mehr oder minder damit arrangiert. Sie darf sich ja immer noch eines gewissen Rückhalts innerhalb der islamischen Gemeinschaft in Deutschland versichert wissen, die ihr Recht auf das Tragen einer religiös motivierten Kopf(!)Bedeckung im Sinne von Art 4 GG aller Rückschläge zum Trotz tapfer verteidigt. Es gibt Gremien, Arbeitsgruppen und Initiativen rund um das Thema „Kopftuch“, selbst wenn auf offizieller Bühne die Betroffenen selbst selten zu Wort kommen. Anders sieht das Szenario für die vollverschleierte Schwester aus. Sie ist das –im doppelten Wortsinn – sprichwörtliche „schwarze Schaf“. Sich mit ihr abzugeben, auch nur ihren Friedensgruß auf offener Strasse zu erwidern ist gleichbedeutend mit der stillen Einverständniserklärung gegenüber dem „radikalen Islamismus“. Und wer möchte in Zeiten von Vorratsdatenspeicherung und Antiterrordatei schon riskieren, da auch nur in vagen Verdacht zu geraten? „Vorsicht, die ist von diesen Salafis“ wird in der Moschee hinter vorgehaltener Hand gewarnt, sobald die Munaqqaba das Gotteshaus betritt. Salafis – sind das nicht die Anhänger von Osama bin Laden? Am darauf folgenden Freitag wird die Schwester zwar eingelassen, allerdings mit dem scharf formulierten Hinweis, „Dawa (Einladen zum Islam) -Aktivitäten“ unter den anderen Frauen gefälligst zu unterlassen. Eine weitere Woche später hat sie gänzlich Hausverbot. Einstimmiger Vereinsbeschluss. Wegen dem BKA und so. Extremismusverdacht. Das müsse sie eben verstehen.
Ein paar Tage später steigt unsere Munaqqaba in die Straßenbahn. Der eben noch so fröhlich schwatzende Kreis türkischer Muslimas –allesamt mit Kopftuch und Jilbab (Gewand, das Gesicht und Hände unbedeckt lässt)– verstummt, die Minen versteinern. „Wie sieht die denn aus?!“ fragt eine hörbar in die Runde, „So würde ich nie rumlaufen!“ meint die nächste. „Scheiß-Extremisten! Die sind doch schuld, dass wir hier alle so einen schlechten Ruf haben“ konstatiert abschließend die Dritte. Munaqqaba hält es inzwischen für angezeigt, sich im öffentlichen Leben ein wenig rar zu machen. Stattdessen hat sie sich vorgenommen, Kontakte in der schönen, bunten und vor allem anonymen Welt des Internets zu knüpfen. Aus Verbundenheit zu Marokko meldet sie sich als erstes in einem großen und einschlägig bekannten Board der marokkanischen Community an. Dort gibt es auch eine Islam-Sektion. „Mädels, würdet ihr Niqab (Gesichtsschleier) tragen?“ fragt Teilnehmerin X. Die Antworten sind vielfältig. Schließlich rückt Munaqqaba mit der Sprache heraus. „Ich trage es bereits“ schreibt sie. „Weißt du was?“, jetzt mischt sich auch ein männlicher Teilnehmer ein, „Leute wie du sind total asozial! Das hier ist Deutschland. Hast du das noch nicht kapiert? Wenn du das machen willst, dann geh doch irgendwo in die Wüste, aber mach´ uns hier nicht unseren Ruf kaputt. Wir brauchen hier keine Extremisten, klar?!“ Der Teilnehmer ist, laut Selbstbeschreibung, Marokkaner und praktizierender Muslim.
Die oben aufgeführten Beispiele und Meinungen reflektieren, was mehr oder minder „gelehrte“ Muslime bereits in vielfach aufgelegten Büchern „wissenschaftlich“ zu untermauern versucht haben: Der Niqab hat keine islamische Basis. Er ist eine byzantinische (wahlweise auch altpersische) Tradition. Wer ihn (noch) trägt –ein Autor z.B. hofft auf sein baldiges gänzliches Verschwinden- ist ein Extremist. Ein Fanatiker. Beweise aus den authentischen Quellen, die diese Thesen stützen könnten – Fehlanzeige. Es folgt lediglich der knappe Hinweis darauf, Sura al-Ahzab, Vers 33 richte sich allein an die Frauen des Propheten. Sich mit ihnen zu vergleichen sei keiner Frau statthaft, nicht einmal aus Frömmigkeit. Warum dann überhaupt noch dem Qur´an folgen oder die Sunna praktizieren, möchte man da fragen? Welcher Muslim kann sich denn vergleichen mit den Sahaba (Gefährten des Propheten) – radiAllahu anhum (Möge Gott mit ihnen zufrienden sein) - oder gar dem Propheten - sallalahu alayhi wa salam (Friede sei auf ihm)? Und wurden nicht die meisten Ayat (Verse) in Bezug auf eine bestimmte Situation im Zusammenhang mit den Sahaba herab gesandt? Richtete der Prophet nicht sein Wort in den Ahadith (Überlieferungen) an die Sahaba und Sahabiyat (Gefährtinnen)? Und waren nicht alle Kleidungspraktiken, auf die manche Ahadith Bezug nehmen, Relikte aus der Jahiliyya (Zeit der Unwissenheit vor dem Islam)?
Das Niqab-Bashing hat Konjunktur, es ist Symptom einer Zeit, in der man muslimischerseits verzweifelt um „vertrauensbildende Maßnahmen“ bemüht ist, die natürlich negieren müssen, was dem Gegenüber nicht gefällt. Dabei geht es nicht einmal so sehr um die theologische Streitfrage, ob der Niqab tatsächlich zumindest auf der Sunna basiert oder nicht, und wenn doch, ob er in diese Zeit und diese Weltgegend passt. Es geht nicht um das Infragestellen saudischer oder ägyptischer Lehrmeinungen, wobei Erstere mitunter himmelschreiend frauenfeindlich daherkommen. Es geht darum, wie mit den betreffenden Frauen verfahren, wie über sie gesprochen wird. Wer möchte wissen, wie weh es tut, wenn ein Mann, der den größten Teil seiner Familie in einem grauenerregenden Genozid verloren und sein Leben lang Hass erfahren hat, jetzt davon spricht, dass er „Burkaverhüllte nicht mehr auf deutschen Strassen sehen“ will und der muslimische Vertreter, der ja doch für UNS ALLE sprechen, vielmehr noch: uns verteidigen sollte, antwortet: „Ich auch nicht!?" Niemand? Ich sage es euch trotzdem: Es tut verdammt weh! Es potenziert all die „Schleiereulen“, „Scheiß-Extremisten“, das Gezische und Getuschel und Kopfschütteln, das Angespucktwerden, die angedrohte Gewalt, die Häme, weil ihm die Gewissheit innewohnt, dass ich keine Lobby habe und jeder schon sein Urteil über mich bilden darf, ohne mich gehört zu haben. Es grenzt mich mehr aus als es aller Stoff der Welt, wo auch immer getragen, es jemals könnte. Denn jetzt ist es amtlich, ausgesprochen, ausgestrahlt in tausende deutscher Wohnzimmer und gedruckt auf hunderten Kölner Frühstückstische: Ich gehöre nicht dazu. Ich bin ein Fundamentalist. Ein Extremist. Ein Islamist. Was für ein hässliches, hässliches Wort! Gehirngewaschen und unvernünftig. Und wenn das schon ein Muslim sagt, dann muss es doch stimmen, oder?
Nein!!! Weil mein Glaube nicht politisch ist! So will und so wollte ich ihn nie haben. Mein Niqab ist genauso wenig, wie es mein Kopftuch, wie es euer Kopftuch oder euer Bart ist! Wenn ihr glaubt, dass ich etwas falsch mache, dann beweist es mir! Beweist es mir mit Qur´an und Sunna! Nicht mit dem Argument Dawa oder eurem Image. Denn es ist genauso mein Image. Ich bin eure Schwester im Islam!
Ich bin ein Mensch. Ein denkender, fühlender Mensch.
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KOMMENTARE UND FRAGEN
11.01.10
Einen Friedensgruss an alle: Salam.
Liebe Autorin und Burqa-Trägerin.
Scham und Anstand sind natürlich eine islamische Tugend. Aber wie alles im Leben kann man natürlich auch diese Tugend durch "Ghoullouw", arab. durch "Übertreibung" pervertieren und in ihr komplettes Gegenteil verkehren! Der Prophet hat eindeutig vor den Gefahren von Ghoullouw gewarnt: selbst das übertriebene Beten, Fasten und Zakatleisten kann für den Gläuibigen und seine Mitmenschen schädlich sein. Der Islam ist keine Religion der Engel, sondern der Menschen. Der Islam ist eine Religion der >>Mitte<<. Menschen sollen sich den göttlichen Tugenden unterwerfen, aber sich nicht selbst kasteien. Dieses hat keiner von ihnen verlangt ! Die Burqa ist eine Erfindung, der zweifellos eine gute Absicht zugrunde liegt. Aber man kann auch mit guter Absicht etwas komplett falsch machen ! Um mal ein paar Beispiele zu nennen-(ich denke, jeder wird verstehen, worauf ich anspiele): Gott verlangt die Keuschheit von Mann und Frau, aber nicht die Askese oder das Zölibat. Gott verlangt die Zurückhaltung und Mäßigung im Wort, aber nicht die totale Enthaltsamkeit vom Reden, geschweige denn irgendein „Schweigegelöbde"....Gott gebietet ganz allgemein das Gute, aber er freut sich auch über die Sünde des Sünders, wenn der Sünder bereut. Wir sollen nicht danach trachten, perfekt zu sein. Perfekt können nur die Engel und Allah, ihr Schöpfer, sein….[] Liebe Schwester, ich will Dir ganz bestimmt nicht unnötig wehtun, aber mit Deinem Verhalten fügst Du Dir selber -ohne jede Not und ohne, dass eine Höhere Macht dazu aufgerufen hat- fügst Du Dir selber Unrecht und Schaden zu. Über eine positive Rückmeldung Deinerseits würd ich mich freuen.
28.07.09
assalamu aleikum, Schwester!
Erstmal möchte ich dir dafür danken, dass du deine Erfahrungen mit uns Lesern teilst und zumidest mir auch zu einem neuen Blickwinkel verhilfst.
Ich möchte gerne einen anderen Aspekt beleuchten, nämlich die Situation von Musliminnen, die weder Hijab noch Niqab tragen. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber ich als unverschleierte Muslimin sehe mich auch regelmäßig von Diskrimierung seitens MuslimInnen ausgesetzt, die mich als "noch nicht bereit", "nicht praktizierend" oder im Extremfall als Kafira abstempeln! Die erste Frage bei Begegnungen mit GlaubensgenossInnen ist oft die nach meinem fehlenden Hijab. Das verletzt und es versetzt mich in Sorge,dass die Kleidung, eigentlich eine Oberflächlichkeit, innerhalb muslimischer Communinities manchmal zum wichtigsten Glaubensbeweis überhaupt wird. Auch in nicht-muslimischen Gesellschaft gelte ich hin und wieder nicht als "authentische" Muslimin, da ich optisch offensichtlich nicht dem Klischee entspreche. Deswegen bekomme ich, obwohl ich das eigentlich nicht will, beim Anblick von Frauen mit Niqab oder Chador auch oft ein mulmiges Gefühl, nicht aus schlechtem Gewissen vor Gott (Ich trage durchaus bewusst kein Hijab/Niqab!) sondern weil mir klar wird, dass es immer mehr zum Selbstverständlichkeit muslimischer Frauen wird, sich so oder so zu bedecken,und hier ebenso ein unsichtbarer Zwang herrscht, (Nach dem Motto: Je mehr verschleierte Frauen, desto schwieriger wird es für mich ohne Schleier) wie Niqabis/Hijabis ihn umgekehrt spüren.
Das Problem liegt natürlich nicht bei der einzelnen Niqabi/Hijabi/ oder "bare-head-Frau", sondern bei denjenigen, die den Schleier in sowohl positiver als auch in negativer Hinsicht politisieren und somit Zwänge schaffen, wie frau sich richtig zu kleiden hat.
22.01.09
assalaamu alaikum wa rahmatullahi wa barakatuh
Der von dir verfasste Beitrag, spricht wohl vielen aus dem Herzen. Auch jenen Muslimas, die ihre Gesichter unbedeckt lassen. Das was wir in der Gesellschaft wahrnehmen, ist eine immer deutlicher werdende Abneigung gegenüber unserer Lebensweise. Je länger das Tuch, desto länger ziehen sich die Gesichter der Gaffenden nach unten und desto schlimmer werden die Betitelungen, mit denen man unser Auftreten kommentiert. Bitte sei nicht traurig, aufgrund des fehlenden Rückhaltes in der muslimischen Community. Du bist nicht die Einzige, die so fühlt und denkt. Gesinne dich zu den Ghuraba und stärke die Bände zwischen dir und deinem Herrn. Diese Welt ist nur ein Niesbrauch, den es nur gut wie möglich hinter sich zu bringen heißt.
uchtuki fillah
16.12.08
Assalamu Aleikum Wa Rahmetullahi Wa Barakatuh
Respekt Schwester. Habe Deinen Artikel mit grossem Interesse gelesen. Kümmere Dich nicht um die Negativen Reaktionen. Es gibt auch Positive. Ich selber trage nur Hijab, hoffe aber eines Tages auch stark genug für den Niqab zu sein Inch ALLAH . Bei uns im Mütterzentrum war ich lange Zeit die einzige mit Hijab. Und genau aus diesem Grund wurden wir ans hiesige Gymnasium eingeladen einen Vortrag über den Islam zu halten.
Ich selber bin Deutschschweitzerin. Dies ist meine Heimat und ich lebe hier so wie ich es für richtig halte. Über die Nonnen beschwert sich schliesslich auch keiner. Und die meisten vergessen das noch vor zwei Generationen die Frauen hier auch alle bedeckt gingen, einschliesslich Kopftuch. Mit dem Unterschied das sie bedeutend weniger Rechte hatten. Wie das Recht auf Scheidung, Erbe oder einen eigenen Nachnahmen nach der Eheschliessung. Das Frauenwahlrecht wurde hier übrigens erst in den 70ern eingeführt.
Möge ALLAH es einfach für Dich machen und Dir deine Standfestigkeit lohnen. Ameen
30.11.07
Liebe Autorin,
was du schreibst ist sehr beeindruckend, nicht zuletzt durch deinen wunderbaren Schreibstil! Ich kann deine Argumente wie auch deine Empfindungen nachvollziehen. Trotzdem bleibt die Frage, warum du dich derart verschleiert kleidest. Das hast du eigentlich nicht erklärt. Ich meine, vielleicht findest du es z.B. schön. Ok, das ist ein Argument, dem man nichts entgegensetzen kann und das völlig legitim ist. Aber nicht alles was schön ist, sollte man auch machen. Eben, weil es bestimmte Symbole gibt, die politisch aufgeladen sind. Sie bleiben es lange Zeit. Das ist einfach so. Und genauso, wie man in Deutschland versucht, eine politisch korrekte Sprache umzusetzen, um eben von bestimmten Konnotationen wegzukommen, finde ich, sollten Muslima auch bewusst mit den Konnotationen ihrer Kleidung umgehen, um davon wegzukommen. Ich trage doch auch keine Stiefel aus Lack, die über´s Knie gehen, und dazu eine Glitzerjacke, weil ich die Bedeutung weiß. Und wenn ich das hundert Mal schön fände. Würde ich es tun, würden alle Männer fragen, wieviel "es" kostet. Das weiß man einfach. Und danach richtet man sich, wenn man das nicht will. Wie würdest du es finden, wenn ich mich derart kleiden würde und dann über alle Männer schimpfe, die mich nach meinem Preis fragen. Das wäre nämlich genauso, wie du es machst. Mit vollem Bewusstsein Klamotten tragen, die einfach eine bestimmte Bedeutung haben und sich dann über die Bedeutung in der Gesellschaft beschweren. Ich finde, unsere Gesellschaft bietet sehr viel Freiraum für individuelle Kleidung. Warum willst du diesen sowieso schon weiten Rahmen unbedingt sprengen? Meine Anmerkungen sollen kein Angriff sein. Ich finde eine Verschleierung nicht schlimm, nur ungewohnt. Meine Anmerkungen sollen lediglich der Komplettierung eines Meinungsbildes dienen und vielleicht der Übernahme von verschiedenen Perspektiven.
Viele Grüße
28.11.07
Sorry, mal ne dumme Frage, gehst Du auch so in den Aldi?? Also so schwarz gekleidet und nur die Augenpartie frei? Ich glaube, da würde ich zunächst mal einen Riesenschreck kriegen, weil ich an einen Überfall auf die Kasse denken würde. (Aber beim genaueren Hingucken würde ich dann doch sehen, dass sich so ein langer Kittel schlecht für die Flucht eignet.) Klar fällt es unter die persönliche Freiheit, auch das Gesicht zu bedecken, Du musst Dir selber aussuchen, ob Du jemanden auf der Strasse freundlich anlächeln willst oder ob Du Dir diese und viele andere Möglichkeiten nimmst. Aber ein Gesichtsschleier ist halt keine normale Bedeckung wie ein Rock oder ein Tuch, das die Haare bedeckt. Sondern indem man das Gesicht bedeckt anonymisiert man sich und das ist halt nochmal was ganz anderes, als wenn man nur den Rest des Körpers verhüllt, dadurch anonymisiert man sich nicht. (Allerdings ist diese Anonymisierung auch nicht ganz verkehrt, ich hatte mir schon mal scherzweise überlegt, ob ich aus Protest gegen die ständige Kameraüberwachung mal mit Tuch vorm Gesicht + Sonnenbrille + Demo-T-Shirt gegen Überwachung rumlaufe.) Aber eines ist mir bei kopftuchtragenden Frauen auch schon aufgefallen. Da hat mir eine mal gesagt, sie trägt es, damit sie "in Ruhe gelassen wird". Und im Internet beschweren sich kopftuchtragende Frauen dann, dass sie wie Luft behandelt werden. Hää?? Was wollt Ihr denn nun?? Ich habe jetzt keine Angst, dass Du einen Sprengstoffrucksack hast, aber mit einer Person ohne Gesicht umzugehen würde glaube ich auch mir schwer fallen.
Ciao
27.11.07
Assalamu alaykum, liebe Schwester,
ich habe mit Entsetzen deinen Bericht gelesen. Es ist schon erstaunlich was Hochmut mit Menschen machen kann. Ich wollte dir nur sagen, dass nicht alle deine Geschwister so denken! Und eigentlich wollte ich dir noch viel mehr sagen, nur hab ich deine Mailadresse nicht...
Alles liebe und Dua, wassalam
27.11.07
ich habe deinen beitrag mit sehr grossem interesse gelesen, danke dass du ihn geschrieben hast. ich hoffe, dass viele menschen dir antworten werden. eine ernste und gutgemeinte frage: lohnt sich das ganze? lohnt es sich, voll verschleiert herumzulaufen, wenn dir die reaktionen der leute auf der strasse und in der moschee soviel weh tun? ist das der sinn der religiösen praxis? ich glaube nicht! ich glaube, es wäre falsch, die argumente deiner "kritiker" auf eine frage von image und integration zu reduzieren. manche haben sehr gute theologische argumente. und ich denke persönlich nicht, dass der sinn des islams darin liegt, die leute zu erschrecken. wenn du merkst, dass die leute zurückhaltend oder aggressiv auf dich zukommen, dann ist es vor allem ein zeichen von angst. diese angst musst du ernst nehmen, sie ist auch begründet! menschen sprechen mit den augen und es ist natürlich sehr verwirrend, wenn ein tuch den blickkontakt verhindert. das kopftuch ist schon beeindruckend für viele leute, da kann man auch nicht alles mit rassismus oder intoleranz erklären. aber mit dem kopftuch sieht man das gesicht und gesichtsausdrücke, das erlaubt kommunikation! mit einem niqab sperrst du dich selber ein, du erlaubst die kommunikation nicht. es geht also nicht um politik, integration und image, sondern um menschenbeziehungen. manche bekannte von mir tragen auch ein niqab. das sind kluge und herzliche frauen. ich finde es aber sehr schade, dass nur wenige menschen davon profitieren können...
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