Über uns | Mitmachen | Newsletter | Suche | Kontakt/Impressum
Islamischer Feminismus - Drei öffentliche Foren in Europa
13.07.07
Von:  Margot Badran

Kategorie: RELIGION

Margot Badran

Margot Badran hat an drei Konferenzen zum Thema islamischer Feminismus teilgenommen. Sie teilt ihre Beobachtungen mit muslimische-stimmen.de.*

 

 

Endlich öffnet sich ein bedeutender öffentlicher Raum, indem fortschrittliche Diskurse über den Islam geführt werden. Zwischen September 2006 und März 2007 fanden drei grosse Konferenzen in Europa statt, bei denen sich Frauen muslimischen Glaubens und anderer Weltanschauungen, sowie  einige Männern versammelten, um ihre Ideen und Erfahrung zu teilen und ins Gespräch zu kommen. Teilnehmer waren Menschen aus unterschiedlichen europäischen Ländern, die oft Wurzeln in muslimischen Gesellschaften Afrikas und Asiens hatten, gleich wie  Menschen, die direkt aus diesen beiden Kontinenten kamen.

 

Anerkennung gilt den spanischen Muslimen, die unter der Leitung der Junta Islámica Catalana, die erste internationale Konferenz über islamischen Feminismus im Oktober 2005 in Barcelona organisierten. Durch die Zusammenkunft wegbereitender Theoretiker und Aktivisten aus der ganzen Welt und zahlreichen Interessenten aus unterschiedlichen europäischen Ländern bekam das Thema islamischer Feminismus öffentliche Aufmerksamkeit. Die Konferenz brachte einem breiten, von Stereotypen beeinflussten, Publikum eine andere Denkweise über Islam näher - insbesondere über Frauen und Gender. Das Publikum wurde in das Thema islamischer Feminismus als eine neue hermeneutische Analyse des Korans eingeführt, wobei die in den Schriften verankerte Botschaft von Gleichberechtigung der Geschlechter und sozialer Gerechtigkeit artikuliert wurden. Verbunden wurde dies mit der Aufforderung, diese Prinzipien quer durch den öffentlichen und privaten Bereich umzusetzen.

 

Die Organisatoren der Konferenz 2005 nahmen die gegenseitige Verstärkungsdynamik zwischen globalen und lokalen islamischen feministischen Projekten wahr. Sie begriffen wie wichtig es war, nicht nur Frauen und Männer sondern auch Muslime und Nicht-Muslime zusammenzubringen, die sich an der  Produktion und der Kritik des islamisch-feministischen Diskurses beteiligen – ein Diskurs, der sich sowohl mit der Moderne als auch mit dem religiösen Dogma kritisch auseinandersetzen. Abdennur Prado, Hauptinitiator der Konferenz, erklärte die Intention Intellektuelle und Aktivisten, die an unterschiedlichen Projekten in der ganzen Welt arbeiten, einzuladen, damit  der “islamische Feminismus als Ganzes betrachtet werden kann”. Islamischer Feminismus stellt eine Erneuerungsbemühung dar, die aus dem Inneren der Umma stammt und gleichzeitig im Kontext des globalen Feminismus zu verstehen ist.

 

Nach der großen Begeisterung am Austausch und Debattieren in der ersten Konferenz und dem deutlichen Interesse der Öffentlichkeit an dieser Thematik – die massive Medienpräsenz machte die Debatten auf lokaler und internationaler Ebene bekannt – veranstaltete die Junta Islamica eine zweite Konferenz in Barcelona im November 2006.  Die sogenannte “Barcelona 2”-Konferenz fokussierte sich auf die Scharia und das Familienrecht, setzte sich mit unterschiedlichen Scharia-Vorstellungen auseinander und betonte, dass sie menschengeschaffen ist und nicht wie viele glauben gottgegeben. In Barcelona 2 zeigten Akademiker und Aktivisten, dass das Überdenken des Korans und die Überprüfung des fiqh (islamische Rechtsprechung) Hand in Hand mit einer Umsetzung in die Praxis einhergehen. Einige Konferenzteilnehmer waren sich der Probleme mit dem nunmehr  20-jährigen islamischen Feminismus bewusst, nämlich: dem Abschwächen seines Verständnisses der Gleichheit aller Menschen, der Aufnahme  eines verdünnten islamischen Feminismus, der den politischen Tagesordnungen einiger Islamisten dienen soll, sowie seiner Dämonisierung durch einige hartnäckige Säkularisten, die ihn seit kurzem mit patriarchalischem Islamismus gleichsetzen.

 

Die französische Commission Islam et Laïcité organisierte im September 2006 zusammen mit der UNESCO eine weitere Konferenz, die in Paris im Hauptsitz der UNESCO stattfand. Das Thema wurde als Frage formuliert: “Was ist islamischer Feminismus?” Die Commission Islam et Laïcité ist eine französische Gruppe, die sich für den Dialog mit Muslimen einsetzt, in einem Land, in dem es kaum öffentliche Foren für eine solche Interaktion gibt. Als internationale Organisation ist es selbstverständlich eine Aufgabe der UNESCO solche Foren für den intellektuellen und künstlerischen Austausch aller Art anzubieten. Die Organisatoren der Pariser Konferenz entstammten nicht einer muslimischen Organisation wie in Barcelona. Sie hatten aber ein aufrichtiges Interesse an der Verbesserung der  Wissenslage, um in einer hoch angespannten Atmosphäre Brücken zu schlagen. Die Pariser Konferenz bot ein Forum zur Diskussion über Frauen und Gender im islamischen Kontext, in einem Land,  in welchem der öffentliche Raum für solche Diskussionen eingegrenzt wurde. Bemerkenswert war die Teilnahme vieler Kopftuchträgerinnen an der Konferenz, obgleich das Tragen des Kopftuches in französischen Schulen und an manchen anderen öffentlichen Orten verboten ist. Sie gehörten zu denen, die am aktivsten fortschrittliche Ansichten vertraten, und machten deutlich, dass es keine Korrelation zwischen dem Tragen eines Kopftuches und bestimmten intellektuellen Positionen gibt. Die RednerInnen und ModeratorInnen waren islamische Feministinnen oder progressive Muslime sowie konservativere Frauen, darunter einige mit islamistischen Tendenzen. Eine Rednerin stellte die Fähigkeit von islamischen Feministinnen in Frage, ijtihad zu betreiben bzw. die religiösen Quellen kritisch zu lesen, die ihrer Meinung nach eine entsprechend lange Ausbildung voraussetzten, und mehrte Zweifel bei der Frage nach der Autorität. Andere Rednerinnen und das Publikum reagierten prompt und lehnten ihre Argumente mit islamischen Begründungen ab.

 

Die Konferenz “Frauen im Islam – Zwischen Unterdrückung und Selbstermächtigung” fand im März 2007 in Köln statt und wurde von der Friedrich-Ebert Stiftung gefördert. Der Konferenztitel, der das alte Klischee der “unterdrückten muslimischen Frau” wieder aufgriff, wurde von manchen kritisiert. Wie die Pariser Konferenz wurde diese Konferenz nicht von Mitgliedern der muslimischen Community organisiert, obwohl Lale Akgün, deutsche Abgeordnete mit muslimisch-türkischem Hintergrund, eine aktive Rolle in der Organisation und im Verlauf der Konferenz spielte.  Eine Reihe von Ideen über Frauen, Gender und Islam, darunter auch islamisch-feministische Ideen, wurden vorgestellt. In dieser Konferenz war ein breiteres Spektrum an Positionen vertreten - von den überzeugten Säkularisten zu islamischen Feministinnen und Progressiven bis hin zu muslimischen Konservativen. Frauen an beiden Enden des Spektrums waren eher unzufrieden, die Säkularisten bedauerten ein Zuviel und die Konservativen ein Zuwenig an Religion, wobei beide Gruppen misstrauisch gegenüber dem islamischen Feminismus waren. In den Nationen mit den Grundwerten Demokratie und Säkularität, die eine Vorherrschaft der Religion ablehnen, stellte die Frage nach der Realisierung einer pluralistischen Gesellschaft mit Raum und Respekt für alle  eine besondere Herausforderung dar. Terminologische Probleme kamen zum Vorschein, zum Beispiel bei den Begriffen “säkular” und “religiös” und es gab auch eine gefährliche – möglicherweise intendierte – Verwechslung zwischen “islamisch” (bezogen auf Religion und Kultur) und „islamistisch“ (bezogen auf den politischen Islam).

 

Wo steht der islamische Feminismus heute, nach seinem Erscheinen und seiner Erstbenennung vor etwa einer Dekade?  Die neue, gender-bewusste und hermeneutische Arbeit erforscht weiterhin die im Koran verankerten Prinzipien der Gleichberechtigung der Geschlechter und der sozialen Gerechtigkeit; Islamisch-feministische Denker verdeutlichen die Notwendigkeit Prinzipien zusammen mit ihrer Umsetzung zu gestalten. Die Beschäftigung mit fiqh und die damit verbundene Reform an den Gesetzen und in den Politiken sind schon auf den Weg gebracht und haben praktische Erfolge. Es gibt immer mehr Anzeichen für die Zusammenarbeit säkularer und islamischer Feministinnen in der Praxis: Die Reform des Familienrechts in Marokko (Mudawanna), oder die vorher aus religiösen Gründen abgelehnte Berufung von Frauen als Richterinnen in Ägypten, sind Beispiele dafür. Frauen im Westen, insbesondere jüngere Frauen, kämpfen für ein Leben ohne patriarchale, kulturelle Hindernisse, die ihnen im Namen des Islam aufgezwungen werden. Gleichzeitig versuchen sie ihre Religion in einem Kontext zu erleben, in dem der Islam anderen  nicht nur fremd ist, sondern auch oft dämonisiert wird. Sie beobachten unterschiedliche Diskurse über die Gleichberechtigung der Geschlechter, sowie sozialer Gerechtigkeit und sehen den islamischen Feminismus als einen wichtigen Modus, um gemeinsame Prinzipien zu artikulieren.

 

Die Erfolge des islamischen Feminismus, seine wachsende Zahl an Anhängern und seine Sichtbarkeit schafft Gegner. Im Westen zeigen sich jetzt einige eifrige Säkularisten, die keine Zeit für Religion haben, islamischen Feminismus mit einer islamistischen Agenda verwechseln und attackieren. Parallel dazu versuchen jetzt manche Islamisten, die den islamischen Feminismus früher ignoriert haben, ihn öffentlich zu diskreditieren. Andere vereinnahmen ihn, indem sie für die Komplementarität der Geschlechter, oder ein patriarchales Modell in der Familie und der Privatsphäre eintreten, um sein Gleichheitsprinzip in unauffälliger Weise zu schwächen. Islamischer Feminismus hat jetzt also seine Kritiker und politische Gegner ans Licht der Öffentlichkeit gebracht.

 

Ist es an der Zeit über islamische Feminismen zu sprechen? Ich gehöre zu denen, die die Ansicht vertreten, den islamischen Feminismus im Singular zu verwenden. Es handelt sich um ein femistisches Paragidma im islamischen Diskurs, das Gleichberechtigung der Geschlechter und soziale Gerechtigkeit artikuliert – alles andere wäre kein islamischer Feminismus. Von islamischem Feminismus im Singular zu sprechen, weist auf eine Kerntheorie hin und auf Bemühungen, um die sine qua non Konzepte von Gleichberechtigung der Geschlechter und sozialer Gerechtigkeit in die Praxis umzusetzen. Islamischer Feminismus in der Singularform negiert nicht die Existenz unterschiedlicher Strömungen innerhalb dieses Kerndenkens und verhindert nicht, dass es auf lokaler Ebene unterschiedliche Prioritäten gibt. Die besondere Verwobenheit zwischen Globalem und Lokalem in der Theorie und Praxis von islamischem Feminismus ist das beste Argument dafür, die Singularform zu verwenden ohne dabei die Komplexität zu verleugnen. 

 

Das sind einige Beobachtungen und Überlegungen, die ich aus den letzten Konferenzen in Barcelona, Paris und Köln mitnahm.

 

 

* Margot Badran ist Historikerin und Spezialistin für Frauenstudien insbesondere für den Nahen Osten und die muslimische Welt. Sie hat über die säkularen Formen des Feminismus von muslimischen Frauen und über den islamischen Feminismus geschrieben. Ihr letztes Buch hat den Titel Feminism beyond East and West: New Gender Talk and Practice in Global Islam (2006). Sie ist Senior Fellow am Prince Alwaleed bin Talal Center for Muslim Christian Understanding an der Georgetown Universität.

 

 

 

(Übersetzung Clémence Delmas, Lektorat Idil Efe)

 

 




<- Zurück zu: Home

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:



Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld


*




CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*

*


Nach Absenden eines Kommentars muss auf die Bestätigung durch den Administrator gewartet werden!