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Interview mit Samir Fetić (Bündnis 90/die Grünen, Arbeitskreis Grüne Muslime) und Meho Travljanin (SPD).
25.09.11

Kategorie: POLITIK

Interview mit Samir Fetić (Bündnis 90/die Grünen, Arbeitskreis Grüne Muslime) und Meho Travljanin (SPD).

 

MS: Herr Fetić, würden Sie sich bitte vorstellen?

 

SF: Ja, mein Name ist Samir Fetić. Ich bin im Sprecherteam des „Arbeitskreises der Grünen Muslime“ in NRW. Ich bin Vater von drei Töchtern und verheiratet. Meine Ehefrau kommt ursprünglich aus dem Südosten der Türkei, die drei Töchter sind alle hier geboren und gehen hier in die Schule. Ich arbeite für die Landesverwaltung NRW als Regierungsbeschäftigter im statistischen Landesamt, das sich neuerdings auch „Information und Technik NRW“ nennt.

Beim „Arbeitskreis Grüne Muslime“ war ich von Beginn an dabei. Wir haben uns Ende 2006, Anfang 2007 gegründet. Die meisten KollegInnen, die im Arbeitskreis von Beginn an aktiv waren, hatten sich in der Landesarbeitsgemeinschaft der Einwanderinnen und Einwanderer der Grünen in NRW engagiert. Wir fanden aber, dass die Integrationsdebatten, die immer mehr zugenommen haben, und die immer mehr islamisiert wurden, in der Arbeitsgemeinschaft der Einwanderer zu kurz kommen und dass wir als MuslimInnen auch ein Teil dieser Gesellschaft sind und diese Debatten nicht immer aus dem Migrationsblickwinkel heraus betrachtet haben wollen.

 

MS: War das der Grund, warum Sie den „Arbeitskreis Grüne Muslime“ gegründet haben?

 

SF: Einer der Gründe war, dass wir gesagt haben, wir möchten weg von diesem Migrationsblickwinkel und dass wir den Islam als eine gesamtgesellschaftliche Tatsache gesehen haben. Unsere Intention war auch, innerhalb der Grünen eine Plattform zu bieten, auf der sich MuslimInnen wieder finden, auf der sie ihre Anliegen darstellen können und für die Grüne Partei selbst ein Ansprechpartner sein können, z. B. in der Kopftuchdebatte, im Karikaturenstreit, den 11. September nicht zu vernachlässigen. Wir beobachten, dass die migrationspolitischen Themen auch immer mehr einen religiösen Überzug bekommen haben und dass die Arbeitsgemeinschaft der Einwanderer in NRW dadurch überfordert gewesen wäre und, unserer Meinung nach, zu kurz gegriffen hätte. Für uns ist der Islam nicht nur etwas, was mit der Migration verbunden ist, sondern ein Teil dieser Gesellschaft, eine Tatsache, die selbst von CDU-Kreisen, zumindest von einigen,  nicht mehr bestritten wird.

 

MS: Herr Travljanin, würden Sie sich bitte vorstellen?

 

MH: Ich bin Meho Travljanin, Doktorand an der TU-Berlin und arbeite als Berater für bosnische Migranten in verschiedenen Migranteneinrichtungen.

 

MS: Es werden in der letzten Zeit mehrere Diskussionen öffentlich zu Muslimen und dem Islam geführt, u. a. wird die Frage gestellt, ob der Islam überhaupt zu Deutschland passt. Muslime werden, gleich ob es um Bildung, Wohnen oder Arbeitsmarkt geht, als Problemfeld inszeniert. Wie ist Ihre Haltung dazu, was könnten Muslime in der politischen Arbeit entgegen setzen?

 

SF: Dass das Medienbild des Islam und der MuslimInnen in Deutschland nicht zum Besten ist, das ist kein Geheimnis. Unser Wunsch ist es, dieses Bild ein wenig ins rechte Licht zu rücken, denn viele Probleme, die bestehen und die vorhanden sind, sind eigentlich soziale Probleme, die in dieser Gesellschaft vorhanden sind, aber es ist zur Zeit einfacher, wenn man sie als religiöse Probleme darstellt und man somit gleich auch einen Sündenbock hat. Unser Wunsch ist es, dem entgegen zu wirken und ein positiveres Bild der MuslimInnen darzustellen. Dabei müssen natürlich vor allem auch die Medien und die gesamtgesellschaftliche Debatte dahin gelenkt werden, die wahren Probleme zu erkennen. Wir wollen auch nicht alles positiv darstellen oder Probleme verharmlosen, denn es gibt auch Defizite, an denen wir als MuslimInnen und als Teil dieser Gesellschaft an uns arbeiten müssen. Das, was uns natürlich fehlt, ist den positiven Effekt der MuslimInnen auf die Gesellschaft auch in der Öffentlichkeit darzustellen.  Da besteht noch Nachholbedarf.

 

MS: Welche Defizite gibt es bei Muslimen in Bezug auf die gesellschaftliche Partizipation, wie könnten sie sich besser einbringen?

 

SF: Ich würde es mir wünschen, dass jeder Muslim und jede Muslima als ein Individuum betrachtet wird.

Wir können nicht sagen, dass es DIE MuslimInnen gibt, genauso wie es nicht DIE Deutschen und DIE Migranten gibt. Ich bin einer von vielen und es muss jetzt auch nicht sein, dass alle MuslimInnen so sind und so denken wie ich. Ich bin in Bosnien geboren, hier aufgewachsen, von daher denke ich, dass ich die beiden Kulturen und die beiden Gesellschaften ein bißchen kenne. Ich wünsche mir, dass sich die MuslimInnen, die hier ansässig sind, die in zweiter, dritter, vierter Generation hier sind, mehr zu diesem Land, in dem sie leben, wo ihr Lebensmittelpunkt ist, wo sie zum Teil, wenn ich an meine Kinder denke, zur Welt gekommen sind, bekennen und auch gesamtgesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Das wünsche ich mir auch für die folgende Generation. Oft ist es so - ein deutscher Muslim hat es einmal so bezeichnet - dass die meisten muslimischen Vereine in Deutschland, eigentlich gar keine muslimischen Vereine sind, sondern Heimatvereine, da sie sich immer noch mit der Thematik aus ihren Herkunftsländern oder aus den Herkunftsländern ihrer Eltern beschäftigen und identifizieren. Würden wir etwas selbstbewusster auftreten und mehr auf unsere Rechten pochen, dass wir auch Teil dieser Gesellschaft sind, würde sich das Bild positiv ändern.

MT: Ich möchte etwas klar sagen: von den Moscheegemeinden und Kulturzentren, die alle als gemeinnützige Vereine arbeiten und die nicht staatlich unterstützt werden, wird eine riesige Arbeit verlangt, die sie nicht leisten können, sowohl finanziell als auch organisatorisch. Moscheegemeinden oder islamische Kulturzentren werden immer dazu aufgefordert, zur Integration beizutragen, aber man kann nicht fordern, ohne zu fördern. Es wird auch gesagt, dass man nicht wisse, was in den Moscheen passiert und dass man nicht wisse, wie und wo Imame ausgebildet werden. Natürlich ist das alles bekannt, aber man möchte Moscheen und muslimische Verbände nicht fördern. Dann hätte man einen ebenbürtigen Partner auf einem Niveau, auf dem Muslime und ihre Vereine und Verbände mit anderen Institutionen zusammen arbeiten und bestimmte organisatorische Aufgaben wahrnehmen könnten. Aber fehlen ihnen die Fachkräfte, da sie sich diese nicht leisten können. Das ist das größte Problem.

 

MS: Es gibt aber Moscheen und muslimische Vereine und Verbände, die unabhängig bleiben wollen. Sie wollen keine staatliche Unterstützung, um nicht von außen gesteuert zu werden. Gibt es innerhalb muslimischer Gemeinden Defizite bezüglich der Bereitschaft, in Dialog mit der Mehrheitsgesellschaft einzutreten?

 

MT: An der Bereitschaft fehlt es nicht, aber es fehlt die Fähigkeit. Meine Erfahrung aus den letzten Jahren zeigt, dass Dialogfähigkeit nicht vorhanden ist. Ich spreche immer wieder, um es vorsichtig auszudrücken, von einem Intergenerationskonflikt, oder von einem Auseinanderdriften der Generationen. Ich glaube, es muss ein Umdenken in den Moscheen, in den muslimischen Verbänden stattfinden, weil sich die Zielsetzung verändert hat. Wir haben eine Generation, die stärker mit der Heimat verbunden ist, der der Heimatbezug sehr wichtig ist und die deshalb eine andere Zielsetzung haben. Nun haben wir die zweite Generation der Muslime, die sich stärker Deutsch fühlt, die natürlich auch Verbindung zu ihren Heimatländern hat, aber die ihre Zukunft gänzlich in Deutschland sieht. Und da haben wir eine komplette Verschiebung der Ziele im Hinblick auf Gestaltung der Arbeit der Gemeinden. In den Vorständen arbeiten vornehmlich noch die älteren Generationen. Ich glaube, dass die Dialogbereitschaft immer vorhanden war, muslimische Gemeinden haben sie immer wieder gezeigt. Ich spreche das Thema Dialogfähigkeit vor allem an, um auf die Nichtmöglichkeit der Ausbildung geeigneter Fachkräfte hinzuweisen, die sich mit verschiedenen Themen auseinander setzen könnten, wie Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychologen, und andere, die man in einer Moschee braucht.

Und die Frage der Unabhängigkeit ist mir wichtig. Das heißt, man muss gegeneinander abwiegen. Wenn es Gemeinden gibt, die das finanziell abdecken können, ist es in Ordnung. Es muss aber auch die Frage der Nachhaltigkeit gestellt werden. Es gibt viele Moscheen in Berlin, in Deutschland, aber wir sollen uns fragen, ob diese Moscheen auch noch in 50 oder 100 Jahren da sein werden. Deswegen ist es wichtig, dieses Thema auf einer höheren Ebene zu lösen. Ich glaube, dass die Nachhaltigkeit der Moscheen nur über die Anerkennung dieser Gemeinden als Religionsgemeinschaften im öffentlich-rechtlichen Sinne gesichert werden kann.

 

MS: Herr Fetic, wie ist Ihre Meinung zu der Islamkonferenz?

 

SF: Wir müssen von der Islamkonferenz I und der Islamkonferenz II sprechen. Ich empfand das am Anfang als sehr positiv, dass ein Bundesminister, damals Herr Schäuble, für den Satz, dass der Islam Teil der deutschen Gesellschaft ist, damals nicht so gerügt wurde wie Herr Wulf bei seiner Rede am Tag der Deutschen Einheit. Aber es ist ein Faktum, dass der Islam ein Teil der deutschen Gesellschaft ist und das hat, glaube ich, auch den MuslimInnen gut getan, von der öffentlichen Wahrnehmung und von der politischen Spitze auch ein anerkennendes Wort zu bekommen. Das, was ich jetzt bei der Islamkonferenz II bemängele, ist, dass durch den Ausschluss des Islamrates praktisch ein Teil der MuslimInnen außen vor geblieben ist und sich der Zentralrat der Muslime aus Solidarität auch von dieser verabschiedet hat. Ich bin froh, dass die Bosnische Islamische Gemeinschaft, IGBD und ein marokkanischer Verein dabei sind, aber es spiegelt nicht alle organisierten MuslimInnen wieder, was meiner Meinung nach schade ist. Auch fehlte mir ein wenig die Aufrichtigkeit bei diesen Veranstaltungen. Sehr oft wurde die die Islamkonferenz aus sicherheitspolitischen Aspekten herausgeführt statt meiner Meinung nach, alle gesamtgesellschaftlichen Blickrichtungen zu bedenken und nicht nur oder tendenziell sicherheitspolitische Betrachtungen zuzulassen.

 

MS: Wie ist Ihre Meinung zu dem Kopftuchverbot und dazu, dass es kopftuchtragende Musliminnen, vor allem Lehrerinnen, gibt, die nicht arbeiten können?

 

SF: Wir, die Grünen in NRW, haben in unserem Wahlprogramm die Aufhebung des Kopftuchverbotes für Lehrerinnen gefordert. In der neuen Minderheitsregierung mit der SPD wird darauf jetzt erst mal noch nicht eingegangen, weil unsere Schulministerin als Stellvertreterin der Ministerpräsidentin derzeit auch mit dem Umbau der Schullandschaft zu kämpfen hat. Ich bin gegen ein Kopftuchverbot, genauso wie ich dagegen bin, dass Frauen zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen werden, weil das eine Diskriminierung der betreffenden Personen ist und das Kopftuchverbot zu einem Berufsverbot führt. Ich habe in meinem Kolleginnenkreis Frauen, die sich für das Lehramt entschieden haben und die jetzt aufgrund dieses Verbotes ihren Beruf nicht ausüben können. Es kommt zu Gewissenskonflikten bei den Frauen, die ein Kopftuch aufgegeben haben, um ihre Familie ernähren zu können. Andere haben sich wiederum zurückgezogen und sind zu Hause geblieben. Und da passiert genau das, was wir verhindern wollten. Auch die muslimische Frau muss in der Öffentlichkeit präsent sein, sie muss sich nicht nur in ihren eigenen vier Wänden verschanzen. Gerade durch dieses Kopftuchverbot wurde die Segregation aber gefördert. Wenn ich gegen ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen spreche, dann erst recht gegen eins für Schülerinnen, weil das ein noch viel größerer Eingriff in die Grundrechte des betreffenden Personenkreises wäre und wir hier nicht türkisch-französische Verhältnisse haben möchten.

 

MS: Wie kann man den muslimischen Frauen, die tatsächlich unterdrückt werden, helfen, wenn sie wegen des Kopftuchs nicht arbeiten können? Wie kann ihnen in einer solch schwierigen Lage herausgeholfen werden?

 

SF: Wir versuchen das auf politischer Seite, in dem wir uns für die Aufhebung des Kopftuchverbotes einsetzen. Helfen müssen sich diese Frauen erst mal selbst, in dem sie sich zu Wort melden und gegen dieses Berufsverbot vorgehen oder aber sich diesem Diktat beugen oder, wie andere es gemacht haben, sich nach anderweitigen Möglichkeiten umschauen. Es gibt auch die Befürchtung, dass, wenn diese rigide Gesetzgebung weitergeführt wird, bestimmte muslimische Institutionen eigene Schulen gründen werden. Wollen wir das?

MT: Es ist so, dass in letzter Zeit sehr viele quasi Fachleute oder quasi im Islam kundige Menschen im Namen der Frau versuchen, ihre Rechte zu vertreten ohne Musliminnen zu fragen. Ich glaube, wir Muslime müssen auch recht selbstkritisch sein. Unsere Stimmen werden nicht gehört, weil wir nichts sagen. Mein Appell an jüngere Generation ist, in Erscheinung zu treten, denn wenn wir über unser Leben nicht berichten, werden das andere Menschen tun, aber auf eine ganz andere Art und Weise als wir es tun würden. Und das erleben wir gerade hier in Deutschland und in ganz Europa. Es geht darum, dass wir wirklich entgegen treten müssen, weil jeder und jede das Recht hat, seine bzw. ihre Religion so ausüben zu können, wie man das für richtig hält. Und wir Muslime müssen unsere fundamentalen Rechte, die uns im Grundgesetz garantiert sind, immer wieder betonen. Manchmal habe ich bei der aktuellen Debatte das Gefühl, dass quasi fachkundige Menschen unsere fundamentalen Rechte außer Acht lassen, und wir müssen sie daran erinnern, auch Möglichkeiten für ein kopftuchtragendes Mädchen zu schaffen, aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen.

 

MS: Wie ist Ihre Meinung zu Sarrazin und zu der Debatte, die er durch sein Buch ausgelöst hat?

 

SF: Ich war letztens in Duisburg in einem Museum, wo die Grünen aus Duisburg mit   meiner bosnischen Kollegin, Irma, als Moderatorin eine Gegenveranstaltung zu Sarrazin organisiert haben. Ich habe um ehrlich zu sein das Buch von Sarrazin, wie viele andere auch, nicht gelesen. Ich habe mich aber auch dafür bewusst entschieden, das Buch nicht zu kaufen um ihn nicht finanziell auch noch zu unterstützen. Und ich glaube auch, dass viele, die das Buch gekauft haben, es tatsächlich nicht gelesen haben. Eine Arbeitskollegin hat das Buch gekauft und sie will es mir geben, wenn sie es gelesen hat. So wie ich sie verstanden habe, soll das Buch nicht so interessant sein, da es mit Statistiken überhäuft ist. Ich widerspreche ihm in seinen Thesen, auch wenn es Ansatzpunkte gibt, die vielleicht der gefühlten Realität entsprechen. Abgesehen von der Eugenik und der ganzen Debatte von erbbaren Genen, wo er jetzt ein bisschen zurück rudern musste, sehe ich die Gefahr, dass Sarrazin von bestimmten Kreisen und von bestimmten Medien dazu benutzt wurde, einige Ressentiments in dieser Gesellschaft salonfähig zu machen. Nicht in Sarrazin selbst, sondern in den Leuten, die hinter ihm stehen und die versuchen, Ängste in der Bevölkerung zu schüren und dadurch ein Auseinanderdriften der Gesellschaft fördern.

 

MS: Eine neue Studie zeigt, dass die wohlhabende Elite ein Ressentiment gegen Muslime in Deutschland, aber nicht nur gegen sie, sondern allgemein gegen „Versager“ wie sie sie nennen, empfindet. Gehört die Sarrazin-Debatte dazu oder ist das eine Konsequenz?

 

SF: Ich finde, dass Sarrazin dieses Ressentiments befeuert, aber ich glaube nicht, dass es diese Debatte ohne das Buch Sarrazins nicht gegeben hätte.  Jemand anders hätte es dann geschrieben oder sich dazu geäußert.  Es macht mir Angst, dass der normale, allgegenwärtige Rassismus, den es in dieser Gesellschaft gibt, immer mehr in die Mitte der Gesellschaft rückt. Von der Friedrich-Ebert-Stiftung gibt es eine neue Studie, die aufdeckt, dass fast zwei Drittel der Befragten die Einschränkung der Ausübung von muslimischer Religiosität befürworten. Das sind schon verheerende Zahlen und das macht mir schon ein bißchen Angst um den Zustand in diesem Land. Vor allem wegen der nachkommenden Generationen.

 

MS: Diejenigen, die islam- und muslimfeindlich sind, sind auch gegen Migranten insgesamt, wie auch gegen Geringverdiener bzw. Hartz IV-Empfänger, Obdachlose etc. In den Medien werden aber fast nur Muslime bzw. muslimische Extremisten als Problem in den Vordergrund gestellt.

 

SF: Bleiben wir bei Sarrazin. Bevor er bei der Deutschen Bundesbank tätig war, war er hier in Berlin als Finanzsenator tätig und dort hatte er sich nicht gerade beliebt gemacht, gerade bei Sozialschwächeren. Wenn Sarrazin tatsächlich der Meinung gewesen wäre, dass wir diese Probleme haben, hätte er mit seinem Verdienst eigentlich einen Beitrag leisten können, um diese soziale Schieflage gerade zu biegen. Ich finde es nicht sozial, nur auf die Schwächsten in der Gesellschaft drauf zu hauen und ich frage mich, was so jemand in einer Partei sucht, die das Soziale als ersten Buchstaben ihres Parteinamens trägt.

MT: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn sich jemand mit Migrationshintergrund politisch engagieren möchte, in den Parteien sofort in die Sektionen, die sich mit der Integration oder der Zusammenarbeit mit den hiesigen Ausländern befassen, geschickt wird und dass man sich notgedrungen mit dieser Problematik auseinander zu setzen hat. Und dass in den Gremien, wo es um Ausländerfragen geht, Menschen mit Migrationshintergrund, die hier auch geboren sind, sitzen. Das kann ein Vorteil, aber auch ein Nachteil sein, aber es geht immer darum, dass man stets in dieser Schiene bleibt. Aha, Sie sind Ausländer, Sie haben einen Migrationshintergrund, Sie haben sich mit der Problematik zu befassen, auch wenn jemand beispielsweise ein Diplomchemiker oder Diplomphilosoph ist und diese sozialpädagogische Kompetenz gar nicht aufweisen kann.

Die Islamdebatte erlebt derzeit Hochkonjunktur. Wir wissen nicht warum, man könnte vermuten, dass der Grund hierfür ist, vielleicht eine Hysterie entfachen zu wollen, um von eigentlichen Problemen abzulenken. Man redet von den Muslimen in Deutschland, als hätten sie sich in den 30 Jahren kaum verändert, dass die Problematik, die die erste Generation betrifft, die gleiche ist. Man möchte einen Änderungsprozess gar nicht zur Kenntnis nehmen und dass eine zweite und mittlerweile eine dritte Generation voll integriert ist und an der Gesellschaft partizipiert. Die Probleme, die genannt werden, die Integrationshemmnisse, seien es Sprachkenntnisse, sei es der Integrationswille, was auch immer darunter zu verstehen ist, sind bei den meisten Muslimen nicht vorhanden. Ich glaube, hier geht es darum, dass bestimmte Randprobleme von den Medien hoch gepuscht werden. Das Ganze wird vor allem in den letzten Monaten mit der angeblichen Terrorgefahr verbunden. Ich glaube, da ist man einen Schritt zu weit gegangen, weil man das nicht vernünftig begründet hat. Natürlich muss man Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, natürlich muss man da aufpassen, aber die Art und Weise, wie das den Menschen vermittelt wird, sorgt für Spannung. Als ein hier in Deutschland lebender Muslim stelle ich fest, dass es immer schwieriger wird und dass mir beispielsweise diese lockere Atmosphäre fehlt, die ich vor Jahren in Berlin während meiner Schulzeit und meiner anfänglicher Studienzeit erlebt habe. Damals wurde der Islam in Deutschland so gar nicht erörtert und wir hatten unsere Ruhe. Anderseits glaube ich, dass diese ganze Problematik, die jetzt auch mit der Sarrazin-Debatte hoch gepuscht worden ist, von einer gewissen Streitkultur, die wir noch lernen müssen, zeugt.  Das sind hochpolitische Themen, aber ich sage immer, dass wir der Bevölkerung solche Inhalte einfacher vermitteln sollten, so dass das jeder und jede verstehen kann. Und ich glaube, bei der Sarrazin-Debatte haben wir es gerade festgestellt, dass es durch mediale Darstellung von Muslimen und Musliminnen eine Polarisierung in der Gesellschaft gibt.

In Deutschland ist zu beobachten, dass wir mit Headlines eine Hysterie auslösen und dass der Islam dazu verwendet wird. Mir fehlt dabei die Differenzierung. Es wird vom Islam gesprochen und damit werden alle Muslime gemeint und in Berlin leben Muslime aus über hundert Ländern. Es gibt Muslime quer durch alle sozialen Schichten. Meine Kernbotschaft ist, dass wir Muslime deutlich machen müssen, dass man uns die Deutungshoheit für unsere Religion, für unser Leben und auch für unsere Integrationsfähigkeit und –willigkeit nicht nehmen kann.

SF: Im Gegensatz dazu, dass man sich mit dem Land identifiziert, in dem man lebt, hat man das Gefühl, dass hier von Generation zu Generation eine Abnabelung stattfindet. Dann muss sich die Mehrgesellschaft fragen, was hier falsch läuft. Immer wird danach gefragt, was Ausländer, was Andere falsch machen anstatt sich selbst ein bißchen zu reflektieren und zu fragen, was wir besser und anders machen könnten. Seit 2000 haben wir hier das Staatsbürgerschaftsrecht, was von der rot-grünen Regierung beschlossen wurde, obwohl es Widerstand von Seiten der Konservativen gab. Gewollte oder ungewollt werden die Kinder, die nach dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht hier geboren sind, automatisch mit diesem Optionsmodell per Geburt deutsche Staatsbürger. Eigentlich sind wir dagegen, dass man sie dann zwingt, sich mit achtzehn oder einundzwanzig entscheiden zu müssen. Rein rechtlich gesehen sind sie schon deutsche Staatsbürger und jetzt machen sich die Parteien natürlich Gedanken, um von dieser Gruppe für die Kommunalwahl und die Landtags- und den Bundestagswahl Stimmen zu bekommen. Von daher könnte man denken, also gut, okay, die Parteien haben die MigrantInnen für sich entdeckt, und somit werden sie sich auch über die Bedürfnisse dieser Menschen Gedanken machen müssen.

 

MS: Herr Fetic, setzen sich die Grünen für die doppelte Staatsbürgerschaft ein?

 

SF: Ja, das haben in unserem Wahlprogramm klar definiert. Es ist natürlich eine rechtliche Frage, aber wenn alle Statistiken belegen, dass die demografische Entwicklung so ist wie sie ist, und wenn wir dann wissen, dass wir in den Kommunen, in denen wir regieren, eigentlich ein Viertel der Bevölkerung außen vor lassen, dann fragt man sich, wie legitim die Entscheidungen überhaupt sind, die in den Räten getroffen werden. Es gibt schon Abkommen mit unterschiedlichen EU-Ländern über die doppelte Staatsbürgerschaft und ab und zu denkt man, dass bestimmte Gruppen gezielt außen vor gelassen und andere rein gelassen werden sollen. Das macht mich ein bißchen traurig, wenn wir auch da anfangen zu differenzieren. Man sieht das auch bei den Sprachen, wenn man Englisch oder Französisch spricht heißt es, oh super, dass das Kind zweisprachig aufwächst, aber wenn TürkInnen versuchen, ihren Kindern Türkisch beizubringen heißt es Separation, rückständig. Selbst an diesen einfachen Sachen sieht man, dass da auch separiert wird. Es gibt die guten Sprachen und die weniger guten Sprachen, die förderungswürdigen und die anderen.

 

MS: Herr Travljanin, warum gibt es bei der SPD keinen Arbeitskreis „Rote Muslime“?

 

MH: Bei der SPD gibt es auf allen Ebenen Kreise, die sich mit der entsprechenden Thematik beschäftigen, religiöse Themen werden implizit durch die Migrationskreise abgedeckt.

 

MS: Islam ist aber eine Religion der sozialen Gerechtigkeit und steht somit in keinem Widerspruch dazu.

 

MH: Auf jeden Fall. Ich glaube, der SPD geht es vielmehr darum, dass solche Fragen über die Schiene der Migrationspolitik behandelt werden sollten und innerhalb der Migrationspolitik befassen wir uns auch mit der Religion, ohne nur Religion heraus zu kristallisieren. Weil Religion beziehungsweise Religionszugehörigkeit letztendlich eine Privatsache ist, geht man mit diesem Thema sehr behutsam um. Die SPD ist immer noch eine Volkspartei und deswegen kann sie mit bestimmten schwierigen Themen nicht mit Leichtigkeit umgehen, wie das der Fall bei den Grünen ist.

SF: Ich würde da ganz kurz eingreifen. Das kennen wir auch, dass diese Thematik erst mal unter Ausländerbezug beziehungsweise Migrationsbezug in der Landesarbeitsgemeinschaft der Einwanderer und Einwanderinnen thematisiert wurde und wir dann darauf gedrängt haben, dass Islam ganzgesellschaftlich ist und wir nicht nur mit diesem Migrationsblickwinkel gesehen werden möchten. Ich nehme an, dass wird sich in der SPD auch so heraus kristallisieren, vielleicht nicht heute und morgen, aber es gibt schon die ersten Bestrebungen. Wir haben Kontakt zu den Genossinnen und Genossen in Frankfurter Raum, wo so etwas auch schon angedacht wird. Da wird noch ein bisschen im Hintergrund gearbeitet, aber wie gesagt, alle Parteien werden sich in Zukunft mehr mit diesem Thema beschäftigen müssen, auch aus eigenem Interesse, da immer mehr Muslime auch als Staatsbürger hier geboren werden. Um deren Stimmenanteile zu erhalten, werden sich alle Parteien auch auf die Muslime zubewegen müssen.

MT: Muslime und Menschen mit Migrationshintergrund werden immer mehr zum Wählerpotential für die Parteien, ihre Belange müssen in der Zukunft zwangsläufig Beachtung finden.

SF: Genau. Wie Du eben gesagt hast, Religion ist Privatsache, aber in der SPD gibt es einen Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten und genau so wird es ganz normal sein, dass irgendwann auch muslimische Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der SPD zu Hause beheimatet werden. Es gibt auch viele Muslime, die in der SPD Funktionen übernehmen, wie Aydan Özoguz in Hamburg oder Kenan Kolat hier in Berlin, und viele andere, die die Religion nicht in den Vordergrund stellen, aber einen muslimischen Hintergrund, und das wird in Zukunft auch zunehmen.

 

MS: Herr Fetic, welche Aktivitäten schweben den Grünen bzw. dem Arbeitskreis Grüne Muslime vor?

 

SF: Wir, als Arbeitskreis Grüne Muslime, sind zur Zeit nur in NRW ansässig. In der deutschen Parteienlandschaft ist das ein Novum und unser Wunsch ist es, dass wir in anderen Bundesländern und in den Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin Arbeitskreise gründen, damit wir uns vernetzen, damit wir effektiver werden und noch mehr Gehör innerhalb der grünen Parteilandschaft bekommen. Wir haben auch viele Anfragen aus anderen Bundesländern und wir wollen schauen, wie wir uns besser vernetzen können. Als Themenschwerpunkt haben wir uns in NRW den islamischen Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen gesetzt, den wir fördern möchten. Darüber hinaus setzen wird uns für die Erlangung der Körperschaft des öffentlichen Rechts für die islamischen Verbände ein, weil wir der Meinung sind, es sollte eine Gleichbehandlung der Religionen in Deutschland ermöglicht werden.

 

MS: Was tun Muslime für den Umweltschutz?

 

SF: Wir haben auch im AK Grüne MuslimInnen Kollegen und Kolleginnen, die bei uns Mitglied sind und im Umweltschutz aktiv sind. Es gibt eine deutsch-türkische Stiftung, die TEMA-Stiftung, die im türkischsprachigem Raum in Deutschland versucht, das umweltbewusste Handeln zu fördern, indem sie Broschüren über ökologischen Themen in der türkischen Community verbreitet. Es ist ein Thema, dass generell angesagt ist, weil es auch ein verbindendes Element zwischen den MuslimInnen und der Gesellschaft ist, da die Umwelt, die uns ja nur geliehen ist und der wir Acht zu geben haben, uns alle betrifft. Es gibt Initiativen, in denen versucht wird, die grüne Thematik auch den MuslimInnen näher zu bringen, so wie in England der Bau von Öko-Moscheen. Es gibt gute Beispiele aus Amerika und aus Britannien und wir hoffen, dass das in der nächsten Zeit auch nach Deutschland überschwappt. Also, bei den MuslimInnen fehlt dieses Bewusstsein ab und an, aber nicht nur bei den MuslimInnen, auch bei vielen anderen Gesellschaftsgruppen und dies möchten und sollten wir in der Zukunft mehr fordern und fördern.

 

MS: Wie grün ist der Islam?

 

SF: Ich würde mir wünschen dunkelgrün. Der Islam setzt sich für den Erhalt der Umwelt, für den Umweltschutz ein, aber das ist unter den MuslimInnen leider ein wenig in Vergessenheit gerate. Unsere Aufgabe ist es daher auch, die MusliInnen daran zu erinnern. Die Erhaltung der Schöpfung ist allen Menschen von Gott auferlegt.

 

MS: Herr Fetic, Herr Travljanin, vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview wurde am 9. Dezember 2010 von Saima Mirvic-Rogge geführt.




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