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Interview: Internationales Pflegehaus Berlin-Kreuzberg
29.12.10

Kategorie: GESELLSCHAFT, BERLIN

Internationales Pflegehaus Kreuzberg

Quelle: www.pflegehaus-kreuzberg.de

„Ein Haus der Offenheit, das ist es, was ich mit dieser Pflegeeinrichtung verbinde, beginnt Uwe Elias Bahlo, Leiter der Einrichtung „Internationales Pflegehaus Kreuzberg" das Interview. Die Einrichtung wurde im Jahr 2007 als Türk Bakim Evi in Kreuzberg eröffnet. Es war die erste Einrichtung in Deutschland mit dem Konzept, ein Haus ausschließlich für pflegebedürftige türkische Mitbürger zu gründen. „Auf einmal jedoch merkte man „wir haben eine Insel geschaffen", erklärt Bahlo. Eine türkische Insel. Die Namensänderung in Internationales Pflegehaus Kreuzberg erfolgte dann, damit sich Pflegebedürftige und Angehörige auch anderer Heimatländer und auch Deutsche gleichermaßen angesprochen fühlen. Trotz der Namensänderung liegt ein Schwerpunkt auch weiterhin in der Betreuung von Senioren mit Pflegebedarf aus dem muslimischen Kulturkreis.


Das Haus ist mittlerweile „eine der größten Integrationseinrichtungen Deutschlands", sagt Bahlo nicht ganz ohne Stolz. „Für mich stehen die Menschen im Vordergrund. Ich möchte gar nicht, dass das Haus als etwas Besonderes wahrgenommen wird. Die Gesellschaft setzt sich schließlich auch aus Menschen verschiedener Herkünfte zusammen, daher möchte ich, dass unser Haus genauso wahrgenommen wird. Als Internationales Pflegehaus stehen wir Pflegebedürftigen aller Ethnien offen".


MS.de: Was ist in ihrem Haus anders als in anderen Pflegeheimen?

Wir verfügen z.B. über sehr viel türkisch sprechendes Personal. Das ist wichtig, denn die Pflegebedürftigen, die bei uns sind, kommen meist aus der 1. Generation der damaligen Gastarbeiter und nicht immer ist ihr Deutsch so, dass eine uneingeschränkte Kommunikation möglich ist. Und es schafft bei den Pflegebedürftigen Vertrauen, wenn sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten und über Schmerzen oder Sorgen reden können. Selbstverständlich kocht unsere Küche helal und nach den Wünschen der Bewohner. Den alltäglichen Ablauf hier im Pflegeheim richten wir nach den islamischen aber auch christlichen Feiertagen aus. Auch verfügen wir natürlich über einen Raum zum Beten, der nach Mekka hin ausgerichtet ist. Ein anderer Unterschied betrifft die Waschräume: die Nasszelle darf nicht direkt im Wohnbereich sein. Daher verfügen wir über Gemeinschaftswaschräume und in den Zimmern befindet sich lediglich ein Waschbecken.


Schön finde ich auch die folgende Geschichte: Wir hatten mal einen Deutschen hier, der sagte, er habe dieses Pflegeheim ganz speziell ausgesucht, weil es ihn in Urlaubsstimmung versetze. Die Musik, die Sprache, das Essen, all das würde ihn an Urlaub erinnern. Deshalb wollte er unbedingt hierhin. Auch das mag vielleicht anders sein, als in anderen Pflegeheimen.


MS.de: Wie werden religiöse Feiertage gefeiert? Werden z.B. Weihnachten und Ramadan gleichermaßen gefeiert?


Ja, wir dekorieren zum Advent und machen einen weihnachtlichen Kaffee zum Heiligen Abend und feiern natürlich auch z.B. das Opfer- oder Zuckerfest. Unsere Küche ist sowohl auf die christlichen als auch die islamischen Feiertage vorbereitet und kocht entsprechend. Unsere Bewohner können natürlich wählen, ob sie ihre Geschenke zu Weihnachten oder zum islamischen Neujahr bekommen möchten. Das läuft hier in wunderbarer Gemeinschaft ab. Ich bin Christ, einige Pflegebedürftige und Personal auch, andere sind Muslime, andere Atheisten. Wir lernen hier auch voneinander. Der respektvolle Umgang miteinander steht neben der pflegerischen und medizinischen Begleitung im Vordergrund.


MS.de: In Ihrer Hausbeschreibung heben Sie hervor, dass Ihr Haus allen Ethnien offen steht und Sie sich als internationales Haus verstehen, quasi als Abbild der Gesellschaft. Haben Sie auch schon mal Konflikte erlebt wie in der Welt „draußen"?


Kaum. Man muss dafür aber auch sehen, dass hier natürlich die Erkrankung und Pflegebedürftigkeit im Vordergrund steht. Und das ist für viele die Extremsituation, mit der sie sich auseinandersetzen zu haben. Konflikte z.B. zwischen arabischen und türkischen Pflegebedürftigen, die man vermuten könnte, gibt es nicht wirklich.


Wenn die Leute von unserem internationalen, ehemals türkischen Pflegehaus hören, denken sie oft, dass es hier sehr religiös zugehe. Das stimmt so aber nur zum Teil. Viele Türken der 1. Generation der Gastarbeiter sind Atheisten. Ich würde sagen, es sind etwa 20%. Auf Atatürk und seine strikte Trennung von Staat und Religion lassen diese Heimbewohner hier nichts kommen! Es ist ähnlich wie in unserem Kulturkreis.


Die strenggläubigen Muslime leben gut damit, dass es z.B.die strenge Trennung von Frauen und Männern in unserem Hause nicht geben kann. Auch die Pflegenden selbst, die mit diesem Hintergrund bei uns arbeiten, stellen sich auf die Gegebenheiten bei uns ein und sehen ihre Arbeit und die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen als den Mittelpunkt ihres Handelns.


Ich selbst bin Christ und verstecke meinen Glauben nicht, weil ich der Meinung bin, dass Christen und Muslime sehr viel voneinander lernen und profitieren können. Und gerne erkläre ich auch meinen Glauben den Pflegebedürftigen und meinen Mitarbeitern. Sie empfinden es als Bereicherung, wenn ich ihnen z.B. das christliche Menschenbild erkläre. Und ich bin dankbar, wenn meine Kollegen und unsere Bewohner mir die Besonderheiten ihres Glaubens und die Dinge, die ich im täglichen Miteinander beachten muss, erklären. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich mit meinem christlichen Glauben hier weniger Enttäuschung erlebe als man es sich denken könnte, wenn wir davon ausgehen, dass hier Christen und Muslime ganz normal zusammen arbeiten. Das finde ich sehr interessant und auch das spiegelt unseren Ansatz für ein gutes Miteinander wieder.


MS.de: Wie gehen Muslime mit dem Thema „Gesundheit" um?


Die Gesundheitsvorsorge ist aus meiner Sicht nicht so stark ausgeprägt. Das zwischen Arbeit und zu Hause ein Besuch im Fitnessstudio oder der Sauna eingeschoben wird ist z.B. bei der 1. Generation der türkischen Gastarbeiter überhaupt nicht üblich. Die Arbeit und die Versorgung der Familie stehen hier eher im Vordergrund als eine individuelle Gesundheitsvorsorge. Ich habe hier auch die Erfahrung gemacht, dass in dieser Generation mit bestimmten Krankheiten anders umgegangen wird als in unseren Kulturkreisen.


MS.de: Zum Beispiel?


Beispielsweise ist es in muslimischen Gesellschaften ein Tabuthema über Demenz zu sprechen. Wenn jemand in der Familie dement und „anders" wird, wird eher versucht, ihn innerhalb der Familie zu verstecken um ihn und die Familie so zu schützen, aber das Thema wird meist nicht offen angesprochen. Wir hatten einen Fall, wo eine türkische, an Demenz erkrankte Frau zu uns kam. Ich habe gespürt, dass die Verwandten auch erleichtert darüber waren, denn die Pflege zu Hause kann in solch einem Fall natürlich schnell auch eine große Belastung werden.


Generell sehe ich aber auch ein Umdenken was die Entscheidung für ein Pflegeheim betrifft. Früher kamen die Pflegebedürftigen nur dann ins Pflegeheim, wenn die Pflege zu Hause überhaupt nicht mehr ging und wirklich nur im äußersten Notfall. Heute kommen die Menschen in einem anderen Zustand zu uns. Früher hat man eher versucht, die Familienmitglieder so lange es geht zu Hause zu pflegen. Aber auch wenn die Pflegebedürftigen im Heim sind, bleibt der familiäre Zusammenhalt bestehen. Die Verwandten gucken genau, was wir machen. Und werden auch direkt in die Pflege mit einbezogen und auch um Rat gefragt, wenn es um die Eingewöhnungszeit bei uns geht.


Ich habe außerdem bemerkt, dass der familiäre Zusammenhalt in den türkischen Familien auch dann eine wichtige Rolle spielt, wenn einer der Familienangehörigen im Pflegeheim ist. Zum Beispiel hatten wir letztens ein Brautpaar hier, die ihrem Opa Hallo sagen wollten und ihn damit an ihrer Hochzeit teilhaben lassen wollten, auch wenn er leider, wegen seiner schweren Erkrankung nicht dabei sein konnte.


Die meisten nicht-deutschen Pflegebedürftigen, die hier sind, schätzen die Vorteile des deutschen Sozialsystems sehr. Dass sie z.B. bei Bedarf, neben der Pflege auch einen elektrische Rollstuhl zur Verfügung gestellt bekommen oder andere aufwendige medizinisch-technische Geräte erhalten, finden sie toll. Alt werden in Deutschland schätzen viele unserer Pflegebedürftigen daher sehr. Und ihre anfängliche Idee, wieder in die Heimat zurückzukehren, verliert immer mehr an Bedeutung - auch, weil zwischezeitlich alle Bezugspersonen in Deutschland sind.


MS.de: In Pflegeheimen muss man sich auch mit dem Thema Tod auseinander setzen. Wie gehen Muslime damit um?


Nach islamischen Vorschriften wird nicht direkt über den Tod gesprochen. Der Sterbende wird mit Blick nach Mekka gelagert und die Familie ist oft bei ihm.


Verstorbene sollen innerhalb von 24 Stunden beerdigt werden. Der seelsorgerische-Aspekt steht anders als im Christentum, nicht so sehr im Vordergrund. Überhaupt ist über den Tod zu sprechen im Islam nicht üblich; das „in den Tod begleiten" kennen die Muslime nicht in der Form, wie es die Hospizbewegung in Deutschland installiert hat. Der Imam kommt zwar auch zu dem Sterbenden, aber dann ist wirklich klar, dass es sich um seine letzten Stunden handelt.


Die respektvolle Versorgung eines Verstorbenen muslimischen Glaubens, erlaubt die Versorgung des Leichnahms auch ausschließlich nur durch muslimische Gläubige.


Ein anderer Punkt betrifft die Patientenverfügung. Da über das Sterben nicht gesprochen wird, ist es auch schwierig, über eine Patientenverfügung zu sprechen, die für den Fall einer Einwilligungsunfähigkeit bestimmte medizinische Eingriffe im Vorab zulässt oder ablehnt. Für uns als Pflegekräfte stellt sich dann die Frage, wann wir mit unseren Patienten und ihren Verwandten darüber sprechen können, wann also ein geeigneter Zeitpunkt ist, um über einen Zustand zu sprechen, in dem der Patient nicht mehr in der Lage ist, selbst zu bestimmen.


MS.de: Was war eines ihrer schönsten Erlebnisse hier?


Oh, da gibt es einige. Zum Beispiel haben wir eine Pflegekraft eingestellt, die sich in ihrer früheren Einrichtung in einen türkischen Pflegebedürftigen verliebt hat, und daraufhin von ihrem alten Arbeitgeber rausgeworfen und dann auch von ihrer Familie verstoßen wurde. Hier bei uns hat sie eine neue Arbeitsstelle gefunden und die beiden sind heute noch zusammen und planen eine gemeinsame Wohnung und ein gemeinsames Leben. Wir unterstützen sie bei ihrem Wunsch.


Oder Einer unserer Bewohner, der vor kurzem eine Reise in die Türkei angetreten hat: Er wollte so gern noch mal dorthin und natürlich tun wir unser Möglichstes, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Familienmitglieder haben ihn dann drei Monate in der Türkei unterstützt. Das hat gut geklappt. Nun ist er wieder bei uns und ist glücklich, dass sein Wunsch in enger Zusammenarbeit mit seiner gesetzlichen Betreuerin ermöglicht werden konnte. Er erzählt ganz viel von seiner Reise.


Oder auch wenn jemand nach Mekka fahren möchte zur Hadsch. Auch hier versuchen wir, so gut es geht zu unterstützen.


Link: www.pflegehaus-kreuzberg.de




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