Ich bin es.
26.04.11
Von: Mazlum
Kategorie: ERFAHRUNGEN
Liebste Familie,
Ich bin es – euer Sohn, euer Bruder. Das Abitur steht nun kurz bevor. Ihr ahnt, dass ich euch bald verlassen werde. Nach England oder nach Frankreich, ich weiß es noch nicht. Es ist merkwürdig für mich, die Gewissheit zu besitzen, bald wissentlich fort zu sein, mein Leben fernab von euch zu beginnen.
Wieso schreibe ich diesen Brief? Ich weiß es nicht, wirklich nicht, vielleicht will ich mich euch erklären, doch jeder Versuch würde fehlschlagen, das zumindest weiß ich. Genauso wie euch mein Fortgehen gewiss ist –Mama, dich wird es am meisten schmerzen, dessen bin ich mir sicher, ich, dein einziger Sohn von acht Kindern, die du geboren hast-, habt ihr immer schon gewusst, dass ich nicht so bin wie die anderen kurdischen Jungen. Als Kind hat sich das noch nicht wirklich bemerkbar gemacht, daran kann ich mich noch erinnern, doch in der Pubertät, diese so furchtbare Zeit für jeden Jugendlichen, fing es an sich anzudeuten, und mit der Zeit habt ihr es auch stillschweigend, völlig stillschweigend, akzeptiert. Ich weiß es. Freunde habe ich immer genügend gehabt, nur keine kurdischen, Fußball habe ich nie gespielt, lieber habe ich mich in mein Zimmer eingeschlossen und gelesen, einfach nur gelesen, in der Oberstufe habe ich angefangen, mich von euch, und damit resultierte in euren Augen auch meine Aufgabe des Kurdischseins, zu distanzieren, ich habe neben der Schule so viel gearbeitet und gelesen, was ich in die Hände kam. Es ist so fremd für euch, Papa und Mama.
Meine Sexualität, ein so grässliches Wort, habe ich zeitweise gut verbergen können, doch wenn man wirklich etwas zeigen will, braucht man es nur zu verstecken. Manchmal, wenn wir im Streit waren, habt ihr mich als Schwuchtel und Tunte beschimpft, das war nicht so schlimm, ich nahm an, dass ich es verdient hätte. Doch ihr dachtet, ich würde in einer schwierigen Phase stecken, so wie in einem Loch voller schwarzem schweren Schlamm, in das man gefallen ist, und nur ganz langsam mit größter Anstrengung wieder herauskommt, ein Mann wird. Heute bin ich ein Mann, 19 Jahre alt, der Erste aus unserer Familie, der das Abitur machen wird, und ja, ich steckte bis zum Mund in diesem Loch und ich fürchtete, der zähe stinkende Schlamm würde mich ersticken. Er tat es nicht, und ich begehre noch Männer.
Es soll in diesem Brief darüber gehen, über mich und mein Begehren, das keine Krankheit ist und auch keine Schande, über mein Selbst, über mein Ich. Wenigstens ein Stück meines Selbst, denn ich zwinge euch, mich nach Lektüre dieses Briefes nicht mit anderen Augen zu sehen, als den ihr vor Verkündung dieser Nachricht gesehen habt, nur mit helleren und verständnisvolleren. Meine geliebten Eltern, solltet Ihr diesen Brief irgendwann lesen, so hoffe ich inständig, dass ihr diesen in eurer Sprache lesen könnt, damit ihr mich versteht, aber ich kann mich nur mit dem Deutschen so ausdrücken, wie ich empfinde, nicht mit dem Kurdischen. Lasst eurer Liebe an dem einzigen Sohn, den ihr habt, für den ihr so viele Kinder gezeugt habt, keinen Bruch tun für das, was sein Körper ihm diktiert und dem er sich nicht widersetzen kann und will. Ich wünsche, dass ihr euch keine Schuld gibt, denn das wäre falsch und lächerlich, ihr tragt keinerlei Verantwortung für meine Liebe zu Männern. Ihr habt nicht alles richtig im Leben gemacht, aber verzweifelt nicht an euch selbst. Es liegt in mir.
Bestärkt von dem Gefühl, dass ihr das Ungewöhnliche in mir erkannt habt, denn ich weiß, dass in meinem Zimmer, zu dem ihr immer Zutritt habt, eindeutige Literatur liegt -und hier spreche ich vor allem euch, liebe Schwestern, an-, bin ich mir über eure Erkenntnis von mir eigentlich sicher. Mama und Papa, es ist für mich so schwer vorstellbar, dass ihr euren Sohn noch nicht durchblickt habt, ihr habt mich aufgezogen, ohne den Islam, dem nur du, Mama, wirklich zusprichst. Auch wenn ihr euch verwehrt, es zu begreifen, so verbannt mich nicht und seht mich nicht mit verachtenden Blicken an. Die werde ich im Leben noch oft zu spüren bekommen, bestimmt auch mehr, körperlich sowie seelisch schmerzhaftere Verletzungen, doch gegen den Rest der Welt will ich kämpfen, die Dummheit und den Hass meiner Mitmenschen ihnen mit einem Spiegel vor Augen führen, sodass ihnen nur der Schreck und Scham als einzige Reaktion übrig bleibt. Nicht jedoch gegen meine Familie.
Ich habe mich befreit von euch, und ihr habt es erkannt, doch weil ich Abitur mache und zu den besten meines Jahrganges gehöre, duldet ihr dies. Ich bin fleißig und der Stolz eures leidvollen Lebens, das mit der Flucht aus der Türkei einen tiefen Schmerz in euren Herzen mit sich herumschleppt, heimatlos weilt ihr hier, eure Sehnsucht und Träume sind in euren Köpfen so schmerzhaft und bitter mit Diyarbakir verbunden, ihr würdet kotzen wollen, anstatt dessen müsst ihr weinen.
Ich verlange nichts, doch ich lüge. Ich lebe mit euch, doch ich bin fremd. Ich lache und weine mit euch über alles, nur nicht über mich. Zu schwer.
In Liebe,
Mazlum 08.03.11
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