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Governance Feminismus und Rassismus: Wie führende Vertreterinnen von Immigranten die antimuslimische Diskussion in Westeuropa und Nordamerika befördern 24.02.11 Kategorie: GESELLSCHAFT Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Staatsbürgerschaft, Migration und Minderheiten. Inklusion und Ausgrenzungsstrategien im Vergleich", herausgegeben von Gökçe Yurdakul und Michal Bodemann. Das vollständige Essay finden Sie als Downlaod hier.
„Ob solche Bekehrer aus dem Westen nun koloniale Patriarchen, Missionare oder Feministinnen waren, alle bestanden im Wesentlichen darauf, dass Muslime ihre angestammte Religion, ihre Bräuche und ihre Art sich zu kleiden aufzugeben hatten oder wenigstens ihre Religion wie ihre Gepflogenheiten entsprechend der vorgegebenen Empfehlungen reformieren müssten. Und für sie alle stellten der Schleier und die Bräuche im Umgang mit Frauen die Bereiche dar, die am dringendsten der Reform bedurften. Es wurde also offensichtlich, dass der Feminismus, gleich welchen Widerspruch er gegen die weiße männliche Vorherrschaft in westlichen Gesellschaften vorbrachte, sich außerhalb dieser Grenzen vom Kritiker des Systems der weißen männlichen Vorherrschaft zu dessen gefügigem Diener machte.“ Leila Ahmed, Women and Gender in Islam: The Historical Roots of a Modern Debate, 1993: 154f.
In diesem Essay sollen die politischen Probleme einer bestimmten Ausprägung eines auf die undifferenzierte Institutionalisierung von Frauenrechten ausgerichteten Feminismus, des so genannten Governance Feminismus untersucht werden. Grundlage für diese Untersuchung bildet eine Fallstudie zum antimuslimischen Diskurs in bestimmten Kreisen weiblicher Repräsentanten von Immigranten in Deutschland, den Niederlanden und Kanada. Wenn hier von Governance-Feministinnen die Rede ist, beziehe ich mich dabei auf besonders einflussreiche Repräsentantinnen von Immigranten in Ländern der westlichen Welt, die einen muslimischen Hintergrund besitzen[1] und einen stigmatisierenden Diskurs befördern, der im Namen der Stärkung von Frauenrechten besonders die Gemeinschaften muslimischer Immigranten zum Ziel hat. Auf der Grundlage von Janet Halleys theoretischer Diskussion des Governance Feminismus lautet meine Argumentation, dass der von führenden weiblichen Immigrantenvertretern kommende Aufruf zur Bekämpfung der Geschlechterungleichheit in muslimischen Gemeinschaften die Untertöne einer rassistischen Stigmatisierung trägt (Beck-Gernsheim 2006; Halley 2006; Zaptçıoğlu 2006). Genauer gesagt, versuchen Governance Feministinnen Immigrantengruppen gegenüber ihre eigenen, ausschließlich an westlichen Maßstäben orientierten Vorstellungen einer Geschlechtergleichheit anzubringen, während sie gleichzeitig dazu beitragen, einen reduzierten Diskurs über muslimische Immigranten in Ländern der westlichen Welt (wie etwa Deutschland, den Niederlanden oder Kanada) zu perpetuieren.
Der Governance Feminismus stellt aus zwei Gründen eine hoch komplexe, fragmentierte und unscharfe Perspektive dar. Zum einen versuchen Governance Feministinnen, schrittweise den Feminismus und „feministische Ideen in die Form echter rechtlich-institutioneller Macht“ zu bringen (Halley 2006: 340). Ihrer Ansicht nach stehen Frauenrechte über allen anderen Belangen, weshalb Kontexte ausgeblendet bleiben, innerhalb derer andere zu Opfern gemacht, zum Schweigen gebracht oder mit rassistischen Stereotypen konfrontiert werden. Halleys Ansicht nach ist es für die Vertreterinnen dieser Form des Feminismus unerheblich, wer die letztendlichen Kosten trägt, solange es keine Frauen sind (2006). Zum anderen hängt sich der Governance Feminismus „im Huckepack an bestehende Machtformen, interveniert in deren Rahmen und nimmt in vielerlei ... Hinsicht daran teil“ (ebd. 2006: 341). Im Ergebnis stellt sich der Governance Feminismus als Bestandteil global bestehender Herrschaftsformen, als eine Form der Macht dar, die in staatliche Institutionen eingebettet ist und erweitert auch Bestandteil verschiedener internationaler Diskussionen ist. Er bietet eine umfassende moralische Dimension: eine unkritische Hingabe an den Feminismus. Im vorliegenden Fall hängt sich der Governance Feminismus im Huckepack an den rassistisch stigmatisierenden Diskurs zur Förderung eines monolithischen und staatlicherseits diktierten Verständnisses der Geschlechtergleichheit sowie der Emanzipation der Frau.
Die spezifische Form des Governance Feminismus, den ich in diesem Essay bespreche, wird von weiblichen Immigrantenvertretern geäußert, die selbst einen muslimischen Hintergrund aufweisen.[2] Besonders zwei dieser Repräsentantinnen, Ayaan Hirsi Ali und Necla Kelek, unterstellen, dass muslimische Gemeinschaften nicht in der Lage sind, die Geschlechterungleichheit selbst zu beenden und rufen westliche Regierungen dazu auf, gegen muslimische Praktiken vorzugehen, die Frauen in eine Opferrolle bringen. Ihre Aufrufe zum Handeln führen zur Frage der Vereinbarkeit des Umgangs mit Frauen in muslimischen Gemeinschaften und den liberalen Prinzipien westlicher Staaten. In Wesentlichen entsteht der Eindruck, dass westliche Regierungen dazu aufgefordert werden, muslimische Frauen aus muslimischen Familien, im Besonderen aber vor muslimischen Männern, zu retten (Ewing 2008; Korteweg/Yurdakul in diesem Band; siehe auch Ho 2007).
Historisch betrachtet lässt sich der Diskurs zur „Rettung brauner Frauen vor braunen Männern“ in der Zeit der britischen Besatzung Ägyptens verorten, die im Jahre 1882 begann (Ahmed 1993). Leila Ahmed beschreibt, wie das viktorianische Frauenbild als leitende Norm gegenüber muslimischen Frauen verwendet wurde (ebd.: 151), und wie Genderrollen während der Besatzung zu Symbolen der Zivilisation wurden. Darüber hinaus beschreibt Ahmed, dass der damals gängigen Darstellung nach der Islam „von Natur aus und unveränderbar die Frauen unterdrückte, dass Schleier und Geschlechtertrennung diese Unterdrückung im Kern verkörperten, und dass diese Bräuche der ursächliche Grund für die allgemeine und umfassende Rückständigkeit islamischer Gesellschaften waren“ (ebd.: 152). Die britischen Kolonialherren (Ahmeds prägnanter Beschreibung nach besonders der britische Lord Cromer) nutzten die vermeintliche Überlegenheit westlicher Gendernormen zur Rechtfertigung der Besetzung. Cromers Argumentation nach waren islamische Regierungsform und Kultur moralisch verdorben und sollten deshalb durch die britische Herrschaft eine Veränderung erfahren. Die erwähnten Veränderungen wurden jedoch lediglich herbei geführt, um den Kolonialismus weiter zu befördern; außerdem ist es offensichtlich, dass die britische Herrschaft der Rolle der Frau in der ägyptischen Gesellschaft eher abträglich war (Stockdale 2005: 70-72).
Christine J. Walley verweist darauf, dass der „koloniale Feminismus“ in der Zeit des Postkolonialismus durch einen „Staatsfeminismus“ abgelöst wurde, als Frauenorganisationen für nationale Projekte angeworben wurden (2006: 349), um für nationalstaatliche politische Vorhaben (siehe auch Kandiyoti 1991) und religiöse Anbindungen an den Staat eingebunden zu werden (siehe auch Saktanber 2002; Moghadam 2003).
[1] Ich verwende diesen Begriff, weil die hier erwähnten führenden Vertreterinnen unterschiedlicher Meinung darüber sind, ob sie als muslimisch bezeichnet werden können oder nicht. Irshad Manji beispielsweise nennt sich selbst „Muslim refusenik“ und sieht sich als muslimische Reformerin, die die Menschen dazu ermutigen möchte, sich kritisch mit dem Islam auseinander zu setzen. [2] Andere Repräsentantinnen in anderen Ländern, beispielsweise Wafa Sultan in den Vereinigten Staaten oder Fadela Amara in Frankreich hätten hier auch aufgezählt werden können. Es sollte jedoch beachtet werden, dass diese Repräsentantinnen ihre eigenen spezifischen Diskurse pflegen und ihrem jeweils eigenen Kontext entsprechend analysiert werden sollten.
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