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Frauen aller Religionen, vereinigt euch! 27.01.11 Kategorie: RELIGION, GESELLSCHAFT Frauen aller Religionen, vereinigt euch! Theologinnen im jüdisch-christlich-muslimischen Trialog
Aus: Frauenrat 06/2010, Die Zeitschrift des Deutschen Frauenrates, Einzelheft 6 Euro. Bestellen: www.frauenrat.de
Es kommt nicht nur darauf an, das Geschlechterverhältnis in den heiligen Schriften neu zu interpretieren, es müssen auch die Machtverhältnisse in den religiösen Institutionen entsprechend verändert und die Deutungshoheit neu erobert werden.
FrauenRat: Meine Damen, beginnen wir mit dem Geschlechterverhältnis in Ihren Religionen. Was gibt es dazu zu sagen?
Magdalena Möbius: Das Christentum hat eine lange patriarchale Tradition, schon aus der Zeit seiner Entstehung im damaligen Judentum. Es ist auch eine Schuldfrage der Kirchen, jahrhundertelang so dualistisch und hierarchisch ausgerichtet gewesen zu sein.
Anne Borucki-Voß: Es ist ein Verdienst der feministischen Theologie, hinter dieser Schuldgeschichte hervorgegraben zu haben, dass die Geschlechterhierarchie und der Ausschluss von Frauen nicht zum Wesen des Christentums gehören. In der ersten Schöpfungserzählung, die in jüdischer Tradition steht, erschuf Gott den Menschen als sein Abbild, als Mann und Frau schuf er sie. Aber auch später im Galater-Brief [Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Galatien – Anm. d. Red] heißt es: „Ihr seid nicht mehr Mann und Frau, ihr seid alle eins in Christus.“ Diese Tradition gehört auch zu unserer Religion und Tradition, und das ist neu herausgearbeitet worden. Aber der Ausschluss der Frauen vom Amt in der katholischen Kirche ist die offensichtlichste Benachteiligung, und für mich ist das Schmerzlichste, dass das offiziell nicht mal diskutiert werden darf.
Rachel Herweg: Frau Möbius, Sie sagen, das Christentum sei patriarchal, weil es aus „der Zeit des Judentums“ stammt. Dem möchte ich widersprechen: Das Christentum hat sich als eigenständige Religion parallel zum rabbinischen Judentum entwickelt, und zwar in dem Moment, als die Mehrheit seiner AnhängerInnen nicht mehr der hebräischen Tradition angehörte. Also müssen da noch andere patriarchale Einflüsse hinzugekommen sein. Im Übrigen wurde im Judentum sehr früh die Gleichwertigkeit der Geschlechter betont. Das hat auch mit der Diasporasituation zu tun und war eine Überlebensstrategie: Wenn ich kein Land besitze, wenn ich auf keine andere Sicherheit bauen kann als auf geistige Tradierung, dann brauche ich beide im Boot, Mann und Frau. Judentum hat hier über Jahrhunderte auf geschlechtsspezifische Aufgabenteilung gesetzt. Für Frauen entwickelten sich daraus eine große wirtschaftliche Selbständigkeit und das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper.
Oder nehmen wir die Schöpfungsgeschichte: Während im Christentum – und daran arbeiten Christinnen sich bis heute ab – theologisch auf den Sündenfall fokussiert wurde, an dem im Grunde Eva, die sündige Frau, schuld sei, gibt es im Judentum genau die andere Deutung: Hier kam durch Eva, ihren Biss in die verbotene Frucht, Erkenntnis über Gut und Böse in die Welt, und Menschengeschichte konnte so erst loslegen, das heißt Menschen konnten sich fortan als Partnerinnen und Partner Gottes erweisen, indem sie durch ihr Tun die Schöpfung zum Guten bewahren. Kaufmann Kohler, der die erste systematische Theologie des Judentums geschrieben hat, spricht daher von Erbtugend im Judentum versus Erbsünde im Christentum.
Rabeya Müller: Der Koran kennt auch keine Erbsünde. Bei uns ist Eva nicht die böse Verführerin. Die Gleichwertigkeit steckt in der Erschaffung des Menschen schon drin. Auf der anderen Seite ist unseren Traditionalisten die patriarchale Lesart so lieb geworden, dass sie sie ständig weiterverbreiten. Deshalb glauben so viele, die Geschichte, dass Eva aus der Rippe Adams geschaffen wurde, stünde im Koran. Stimmt aber nicht, kein Wort. Hingegen steht dort, dass Gott den Menschen aus einer einzigen Substanz geschaffen hat, nach der arabischen Grammatik übrigens ein weibliches Konstrukt. Davon weicht die patriarchale Lesart deutlich ab. Bei uns stellt die Deutungshoheit des Koran das Problem dar. Was die Ordination betrifft, so gibt es diese im Islam überhaupt nicht. Trotzdem tun wir so, als hätten wir eine – für Männer.
Aber es gibt doch Imaminnen.
Rabeya Müller: Ja, aber sie haben meist keine Gemeinden. Hier geht es um die Etablierung eines Berufsstandes; es geht um Geld, um Bezahlung, um Führungs- und Machtpositionen innerhalb der Religionsgemeinschaft – und jetzt werde ich mal ein bisschen politisch: Wir reden in Deutschland viel von der Imamausbildung. Viele propagieren das mit heller Begeisterung. Aber keiner fragt danach, was mit den Frauen passiert, die diesen Studiengang absolvieren. Werden sie später das Recht haben, eine Gemeinde zu leiten? Denn theologisch steht dem wie gesagt nichts entgegen, aber traditionell. Darüber öffentlich zu diskutieren fällt vielen Musliminnen und Muslimen sehr schwer. Und wenn von patriarchaler Seite immer wieder propagiert wird, dass eine Frau auf keinen Fall vorne stehen und ein gemischtes Gebet leiten kann, dann sehe ich wenig Chancen für die Absolventinnen dieser Studiengänge. Wenn aber immer so viel Gleichberechtigung von den Musliminnen und Muslimen eingefordert wird, dann muss auch diese Position miteinbezogen werden, das gilt auch für die administrative Seite. Ich war nun doch enttäuscht über die Ratschläge des Wissenschaftsrates, den traditionellen Gruppierungen, die sich seit Jahren bemühen als der Ansprechpartner zu gelten, mehr als fünfzig Prozent Mitspracherecht bei der Besetzung der Professuren zukommen zu lassen, wohl wissend, dass uns damit ein sehr traditioneller Islam ins Haus steht, der Meinungen, wie ich sie versucht habe, auszuführen, fast unmöglich macht.
Wenn man auf der einen Seite IslamkritikerInnen hochpuscht, die der muslimischen Gemeinschaft ständig Ehrenmorde und Zwangsheirat vorwerfen, kann man doch auf der anderen Seite nicht religiöse Positionen etablieren, die zum Beispiel zur Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ein derart ambivalentes Verhältnis haben.
Magdalena Möbius: Das heißt, Sie wünschen sich von staatlicher Seite eine Unterstützung der innerislamischen kritischen Stimmen?
Rabeya Müller: Ja, zumindest aber eine pluralere Vertretung muslimischer Positionen. Bestimmte Vertreter und Vertreterinnen etablierter Gruppen sagen zum Beispiel, wir müssten in Deutschland eigentlich dankbar sein, dass das islamische Ausland uns seine Theologie und Theologen zur Verfügung stellt. Das halte ich für eine Einbahnstraße, außerdem hört sich das an, als seien wir hier nicht in der Lage, eine eigene Theologie, natürlich in Kenntnis und unter Berücksichtigung der Tradition, zu entwickeln, und das halte ich für außerordentlich gefährlich. Damit legen wir eine patriarchale Ausrichtung des Islam fest, die wir für die nächsten hundert Jahre nicht mehr wegbekommen. Ich frage mich natürlich, was für eine Absicht dahintersteckt. Denn der Islam gibt ja nicht erst seit Sarrazins Buch ein prima Feindbild ab, mit dem sich gut Politik machen lässt. Wenn wir aber einen hier integrierten Islam fördern würden, dann wäre er irgendwann kein Politikum mehr, und das würde manchen Leuten nicht gefallen.
„Der Islam gehört auch zu Deutschland“, sagte Bundespräsident Christian Wulff. Und: „Es ist doch nicht so, dass wir ein Zuviel an Islam haben, sondern wir haben ein Zuwenig an Christentum“, sagte CDU-Chefin Angela Merkel. Das sind nur zwei Äußerungen in einer Debatte, in der Religion zunehmend politisch instrumentalisiert wird beziehungsweise Politik und Religion stark miteinander vermengt werden. Geht davon nicht meist eine große Gefahr, besonders für Frauen aus?
Rabeya Müller: Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Nichtdestotrotz sind wir dem Bundespräsidenten sehr dankbar, dass er einen Fakt offen ausgesprochen hat, denn der Islam ist nicht erst in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, mit den ersten Gastarbeitern, nach Deutschland gekommen. Die Aussage von Herrn Wulff gibt den muslimischen Menschen hier in diesem Land das Gefühl, endlich auch mit ihrer Religion öffentlich angekommen zu sein. Gleichzeitig bin ich absolut gegen eine bestimmte Politisierung von Religion. Oder anders gesagt: Ich bin für die Ent-Theologisierung politischer Inhalte – wenn es sich um soziale Probleme handelt, sollen sie auch als solche benannt und nicht plötzlich religiös verbrämt werden.
Magdalena Möbius: Zunächst möchte ich mich auf den vorherigen Gesprächsgang beziehen und mich bei Ihnen, Frau Herweg bedanken, dass Sie mich auf die antijudaistische Konnotation in meinen Ausführungen hingewiesen haben, daran merke ich, wie tief das in unserer Geschichte verankert ist. Nun: Ich sehe es kritisch, Religion und Politik streng voneinander zu trennen. Denn ein religiöses Bekenntnis hat politisch durchaus etwas zu sagen. Und die Botschaft unserer drei hier vertretenen Religionen ist Gerechtigkeit. In diesem Sinne sollten sich religiöse Menschen durchaus in die Politik einmischen. Instrumentalisierung ist ein zu negativer Begriff. Wir können Religion nicht nur als Privatsache sehen. Es gibt eine prophetische Tradition. Prophetinnen und Propheten sind wichtig, weil sie immer wieder die Politik ermahnt haben, sich darauf zu besinnen, was dem menschlichen Zusammenleben dient.
Anne Borucki-Voß: Bezogen aufs Christentum sind die politischen Stimmen viel differenzierter geworden; es ist eben nicht mehr nur so, dass sich die KatholikInnen nur in der CDU befinden; sie engagieren sich inzwischen in allen Parteien als ChristInnen. Ich sehe diese Politisierung des Religiösen im Moment auch nicht so, auch wenn ich natürlich sehe, dass der Islam in mancher Hinsicht als Feindbild herhalten muss.
Rachel Herweg: Es war mehr als überfällig zuzugeben, dass auch der Islam als Religion Bestandteil der deutschen Gesellschaft ist. Damit hat der Bundespräsident öffentlich erklärt, was wir längst alle feststellen und was politisch so auch gesagt werden muss. Zu unserer multikulturellen globalisierten Gesellschaft gehören unterschiedliche Religionen, und es ist folgerichtig, sie in den gesellschaftlichen Gesamtdiskurs einzubinden und ihren Angehörigen, solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes agieren, gleichen Wert, gleiche Ehre und Respekt entgegenzubringen. Und wenn die Bundeskanzlerin darauf reagiert und Christinnen und Christen dazu auffordert, sich als solche mehr zu engagieren, dann macht sie damit auf etwas aufmerksam, was uns in interreligiösen Dialogen begegnet, seit verstärkt Musliminnen dazukamen. Viele von ihnen trugen Kopftücher und signalisierten damit ihre Verbundenheit mit einer religiösen Tradition. Insbesondere nicht-religiöse Menschen, in der Regel säkulare ChristInnen, fühlten sich davon brüskiert. Und in dieser Brüskiertheit liegt offenbar auch eine religiöse Sehnsucht oder eine Sehnsucht nach traditionellen Werten. Und eine Sorge: unterzugehen, der vermeintlichen Übermacht des anderen zu erliegen. Vor diesem Hintergrund hat Frau Dr. Merkel zu einer christlichen Selbstvergewisserung aufgerufen, die auch die Grundlage jedes interreligiösen Dialogs ist.
Interreligiöse Dialoge, die aktuelle Probleme aufgreifen, können gemeinsames Handeln bewirken, das unser Zusammenleben positiv befördert. Hier erwarte ich von jeder Religion, ihren Institutionen und VertreterInnen, dass sie zeitgemäße Antworten auf Anfragen ihrer Angehörigen in Hinblick auf Partizipation, Deutungshoheit und Ausdrucksformen gibt. Was als nicht mehr zeitgemäß empfunden wird, soll untergehen und durch Neues ersetzt werden. Insofern sind für mich Religion und Politik auch nicht voneinander zu trennen. Jüdische Religion, Tradition und Kultur umfassen den ganzen Menschen, sein ganzes Leben, ergo werde ich mich politisch nicht anders verhalten als privat, nämlich von derselben ethischen Grundhaltung getragen.
Rabeya Müller: Wir leben in einem säkularen Rechtsstaat. Es geht hier nicht um die klassische Trennung von Religion und Politik, sondern darum, dass gesellschaftliche Phänomene theologisiert werden, um der Religion „den schwarzen Peter“ zuzuschieben. Unser Grundgesetz besagt, dass alle Religionen gleichberechtigt zu behandeln sind. Das heißt für den Islam: Ich fordere nicht mehr, aber auch nicht weniger ein als die anderen Religionen. Ich glaube auch nicht, dass die Religion tot ist, denn gerade wenn Katastrophen passieren, sind nicht nur die Kirchen, sondern auch die Moscheen und Synagogen voll. Dafür gibt es ein bestimmtes Bedürfnis im Menschen; und genau deswegen erachtet das Grundgesetz Religion und Religionsfreiheit als ein schützenswertes Gut.
Anne Borucki-Voß: Genau: Wenn es Katastrophen gibt, sind die Kirchen und Moscheen voll. Das zeigt doch: Wir brauchen Religion auch im Scheitern. Um gerade nach Katastrophen weiterleben zu können.
Was kann ein interreligiöser Dialog bewirken? Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
Magdalena Möbius: Ich erfreue mich im interreligiösen Dialog immer daran, wie andere Frauen ihre Religionen ausüben und wie sie sich offen bekennen, was wir uns durch die Säkularisierung fast abtrainiert haben.
Rachel Herweg: Ein interreligiöser Dialog ist zunächst ein theologischer Dialog. Ich habe GesprächspartnerInnen aus anderen Religionen, die sich ihres Standpunktes sicher sind, also fundierte theologische Kenntnisse haben, und gemeinsam wollen wir etwas gestalten und fruchtbar machen.
Rabeya Müller: Mir ist in einem interreligiösen Dialog auch wichtig, dass damit offengelegt wird, dass bestimmte Konflikte nicht aus einer theologischen oder religiösen Ansicht stammen, sondern aus unterschiedlichen kulturellen oder sonstigen Vorstellungen. Und dieser Respekt vor der oder dem anderen ist in die Alltagspraxis mitzunehmen.
Magdalena Möbius: Der interkulturelle Austausch beim interreligiösen Dialog ist aber interessant gerade im Bezug auf die Alltagpraxis von Religionen. Da genieße ich zurzeit den Austausch besonders unter Müttern sehr. Die Frage, wie geben wir unsere religiösen Traditionen an unsere Kinder weiter, benutzen wir die alten patriarchalen Worte oder benutzen wir neue? So etwas bringt mich weiter. Gerade weil ich gemerkt habe, das das nicht nur Fragen feministischer Christinnen sind, sondern wir da auch Schwestern über die Religionen hinweg sind.
Rabeya Müller: Wir haben einerseits die verschiedenen kulturellen Hintergründe von Musliminnen vieler verschiedener Länder, das ist manchmal schwierig. Aber wir haben auch andererseits die Chance, eine eigene islamische Kultur in Deutschland zu entwickeln. Mit Feministinnen aus anderen Religionen etwas gemeinsam erarbeiten, was nicht der eigenen Religion im theologischen Sinne widerspricht, das wäre ein Impuls, der in die Religionen zurückwirken könnte und tatsächlich ganz neue Perspektiven entstehen lassen könnte. Denn als Feministinnen sind wir nicht an bestimmte patriarchale Dogmen gebunden. Meine Erfahrung ist, dass die Dialoge unter Frauen oft fruchtbarer sind, weil wir nicht so an einen Absolutheitsanspruch gewöhnt, sondern eher auf ein dialogisches Prinzip ausgerichtet sind.
Rachel Herweg: Dialog heißt, die daran Beteiligten hören wirklich zu, nehmen wirklich auf, was ihr Gegenüber sagt und gehen emphatisch mit; und dann kristallisiert sich oft eine neue Sichtweise heraus, die gemeinsames Handeln ermöglicht. Viele Veranstaltungen, die unter Dialog laufen, sind einseitige Belehrungsveranstaltungen. Dialogische Fähigkeiten müssen gelernt werden, Unterschiede auszuhalten tut oft weh, Vielfalt zu leben bereichert.
Anne Borucki-Voß: Was mir in dem interreligiösen Kräutergarten, bei dem ich mitmache, so gut gefällt, ist, dass wir etwas gemeinsam tun. Das schafft auch eine gemeinsame Geschichte. Da gehört das Reden dazu, aber auch das Gebet, wo jede aus ihrer Tradition etwas einbringt.
Rabeya Müller: Und das bedeutet eben nicht, wie das häufig von anderen gemacht wird, muslimischen Frauen die Fähigkeit zum Feminismus abzusprechen, weil sie ihre Religion ernstnehmen. Mit solchen Kritiken, ausschließlich am Islam, ist muslimischen Frauen nicht sehr geholfen. Das bringt uns nicht weiter.
Magdalena Möbius: Aber da, denke ich, haben wir religiösen Feministinnen doch viel voneinander gelernt. Wir christlichen Theologinnen haben viel von den jüdischen Theologinnen in den USA gelernt, denn da findet viel mehr Dialog miteinander statt. Und hier dominiert zurzeit sehr der Dialog zwischen christlichen und muslimischen Feministinnen. Der Leidensdruck ist ein ähnlicher, deshalb sind die Instrumentarien ähnliche: Die Schriften ernst zu nehmen und immer wieder neu auszulegen, das halachische Prinzip, wie Sie, Frau Herweg gesagt haben, haben wir Frauen immer wieder für uns in Anspruch genommen.
Mit welchem Erfolg aus Ihrer heutigen Sicht?
Magdalena Möbius: Für den Protestantismus kann ich sagen, dass die feministische Theologie die ganze Kirche verändert hat. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass die feministische Theologie die europäische Befreiungstheologie schlechthin ist. Das zeigt sich für mich ganz deutlich an der Bibel in gerechter Sprache, die ja ein langjähriges wissenschaftliches Übersetzungs- und damit natürlich auch Auslegungsprojekt war. Es hat Fakten geschaffen, an denen sich alle späteren Bibelübersetzungen messen lassen müssen. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig wird der evangelischen Kirche eine Feminisierung vorgeworfen, die schon wieder eine frauenfeindliche Konnotation hat. Also zu sagen: Es gibt jetzt bald mehr Pfarrerinnen als Pfarrer, und das wertet den Beruf ab. Das ist eine innerprotestantische Diskussion, die ich schwierig finde. Auf jeden Fall ist es wichtig, wachsam zu sein, wie sich diese Fragen entwickeln und wie männliche Führungsansprüche neu formuliert werden.
Rachel Herweg: Die Emanzipation der jüdischen Frauen hat eine lange Tradition, und ihre Eingebundenheit in weltliche Geschäfte der Gemeinden war immer eine Tatsache. Doch religiöse Bildung und Praxis, das Schriftstudium und Treffen halachischer Entscheidungen waren ihnen lange vorenthalten. Ende des 18. Jahrhunderts entstand in Deutschland die jüdische Reformbewegung. Aus ihr ging auch der jüdische Feminismus hervor. 1846 gab es in Breslau eine zukunftsweisende Rabbinerkonferenz, wo die Männer, damals gab es noch keine Rabbinerinnen, unter anderem beschlossen haben, dass auch Mädchen zum Studium von Tora und Talmud verpflichtet sind. Infolge dieser innerjüdischen Erneuerung wurde 1935 Regina Jonas zur weltweit ersten Rabbinerin ordiniert. Während das Reformjudentum und jüdischer Feminismus in Deutschland durch die Schoah vollständig ausgelöscht wurden, gelangten sie seit Ende des 19. Jahrhunderts in den USA zu immer größerer Blüte. Jüdische Frauen etablierten dort eine jüdisch-feministische Geschichtsschreibung, entwickelten neue Rituale und Gebete in fraueninklusiver Sprache und kämpften öffentlich für ihre gleichen Rechte innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Schließlich hörten sie auf zu fragen, dürfen wir das eigentlich? Sondern haben einfach gemacht und Institutionen geschaffen. In den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts begann dann der Feminismus aus Amerika nach Deutschland zu schwappen, in eine Generation, die sagte: Wir leben hier, wir sitzen nicht mehr auf gepackten Koffern, und wir wollen Judentum konstruktiv weitergestalten, selbstverständlich innerhalb einer Gesellschaft, in der gleiche Rechte für Männer und Frauen gelten. Im Judentum ist es nicht ungewöhnlich, dass Frauen Gemeinden im nicht-religiösen Bereich geleitet haben und leiten, die Wirtschaft und Finanzen regeln, aber dass sie selbstverständlich auch Vorsteherinnen einer Synagoge sind, ist bis heute eher selten. Dass wir hier in Berlin eine Gemeindevorsitzende haben, hat Tradition; dass wir Rabbinerinnen und Kantorinnen haben, ist eine jüngere Entwicklung, die inzwischen rasant vorangeht. Mittlerweile gibt es weltweit über tausend amtierende Rabbinerinnen. Wir haben auch eine erste orthodoxe Frauenordination, und wir wollen doch mal sehen, wo wir in zwanzig, dreißig Jahren stehen. Interessant ist, und das ist ähnlich wie im protestantischen Christentum, dass derzeit die meisten Studierenden an Rabbinats-Hochschulen Frauen sind. Frauen scheinen sich mehr für das religiöse Amt zu interessieren als Männer. Meine These ist, dass Männer auch mal eine Pause brauchen, nachdem sie so lange alles öffentlich gestaltet haben.
Anne Borucki-Voß: Zum geistlichen Amt haben es die Katholikinnen noch nicht gebracht, aber die feministische Theologie habe ich auch nie nach Konfessionen unterschieden erlebt. Einen großen Verdienst und wirklich Nachhaltigkeit sehe ich in einer sehr differenzierten Sicht auf Frauen in der Bibel, die sich inzwischen doch herumgesprochen hat, und wo man auch in ganz normalen Gemeinden auf Interesse stößt. Dass Frauengestalten in der Bibel deutlich vielschichtiger sind, als dies jahrhundertelang wahrgenommen wurde. Aber vieles, was heute theoretisch gewusst wird, wird immer noch nicht in die Praxis umgesetzt. Also, es würde wohl jeder katholische Priester unterschreiben, dass Gott weder männlich noch weiblich ist, aber das in eine gottesdienstliche Sprache umzusetzen, die Gott auch weiblich anredet, das schaffen viele dann doch nicht.
Rabeya Müller: Das würden bei uns die meisten Theologen wohl auch unterschreiben, dass Gott kein Geschlecht hat, weil Gott Schöpferkraft ist und Geschlechtlichkeit zum Geschöpfsein gehört. Das arabische Wort „Allah“ ist zwar männlich, der Koran spricht aber häufig von Gott in der Wir-Form, und außerdem werden ihm viele „weibliche“ Eigenschaften zugeordnet, wie zum Beispiel diese Barmherzigkeit „Rahman“, das ist ähnlich wie im Hebräischen. Rahim heißt eben nicht nur barmherzig, sondern auch Gebärmutter.
Aber zur Frage, was uns feministische Theologie gebracht hat: Ich denke, dass bestimmte Sachen aufgebrochen sind, etwa die Deutungshoheit über dieses Buch nicht nur Männern zuzugestehen. In der frühislamischen Zeit war das ja auch anders. Da gab es Frauen, die wesentlich mutiger waren. Heute geht es darum, vor allem Frauen Mut zu machen, den Koran wieder zur Hand zu nehmen, eigenständig darüber nachzudenken. Nun ist aber in vielen Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, wie zum Beispiel die Türkei, der Begriff Feminismus mit Areligiösität konnotiert. Deshalb ging und geht es hier in Deutschland oder überhaupt in Mittel- und Westeuropa darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Feministinnen durchaus für Religion sein können, dass sie religionsbejahend sind. Wir benutzen daher viel lieber den Begriff der Geschlechtergerechtigkeit, weil es ja nicht darum geht, Männer schlechter wegkommen zu lassen. Vielmehr geht es darum, junge Frauen, aber auch junge Männer dazu zu animieren, Fragen zu stellen, zu reflektieren. Und ich glaube, das ist das Verdienst der feministischen Theologie. Wenn wir alleine in Schulen, in theologischen Gesprächen oder in Alltagsgesprächen mit Frauen in der Beratungsarbeit einfließen lassen, dass es theologisch völlig legitim ist, dass Frauen und Männer absolut gleichwertig und vor allem auch gleichberechtigt sind, da hören wir förmlich den Stein, der den jungen Frauen und teilweise auch Männern vom Herzen fällt, dass Gott offenbar doch gerecht ist. Und dass die Ungerechtigkeit von Menschen gemacht ist. Und das gibt einem den Mut, gegen diese Ungerechtigkeit vorzugehen.
Das Gruppengespräch moderierte Ulrike Helwerth.
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Anne Borucki-Voß Katholisch heißt ja allumfassend, alle Katholikinnen und Katholiken gehören zu einer weltweiten Gemeinschaft und stehen miteinander in Verbindung. Die heilige Messe kann ich in jedem Land, egal in welcher Sprache mitfeiern, weil ich die Abläufe und Rituale kenne. In meiner Kirche gibt es ganz viel verdichtete Erfahrung und Beziehungsgeschichte zwischen Gott und Mensch, die ich nicht missen möchte.
Anne Borucki-Voß ist katholische Theologin, sie arbeitet seit Oktober 2010 als theologische Referentin und Bildungsreferentin im Ökumenischen Frauenzentrum Evas Arche, Berlin.
Rachel Herweg Das Judentum ist mir wertvoll, weil es eine große Vielfalt religiöser Ausdruckformen hervorgebracht und nie Dogmen entwickelt hat. In der Halacha, dem jüdischen Rechtsverständnis, gilt der Grundsatz, dass es immer mindestens zwei Wege des Praktizierens geben muss. Jede einmal getroffene Entscheidung kann, wenn sie sich nicht bewährt, revidiert werden. Diese Offenheit stellt jede Generation neu vor die Frage: Welche Regeln und Formen des Zusammenlebens sind uns nach wie vor wichtig, und wo wollen wir etwas verändern? Zudem gilt im Judentum die absolute Gleichwertigkeit der Geschlechter, die je nach religiöser Strömung in unterschiedlichen Rollen gelebt wird. Die jeweils bestehenden Rollenzuschreibungen lassen sich um- und ausdeuten und dadurch verändern. Diese Freiheit finde ich großartig.
Dr. Rachel Herweg ist Judaistin und Erziehungswissenschaftlerin, Familientherapeutin und Leiterin der jüdischen Masorti-Kindertagesstätten in Berlin. Sie führt seit 25 Jahren interreligiöse Gespräche, Seminare, Bildungsarbeit durch und war 1998 Mitbegründerin der jüdisch-feministischen Fraueninitiative Bet Debora.
Magdalena Möbius Was mir das Christentum so kostbar macht, ist die Menschwerdung Gottes. Aber Gott ist nicht nur Mensch geworden, Gott ist auch Drei. Dieses dialogisch-trialogische Prinzip finde ich wunderbar. Und der Protestantismus bringt Frauen die Vorteile, dass wir, zumindest in Deutschland, die Konfession mit den meisten Frauen in geistlichen Ämtern sind. Zwar ist die Geschlechtergerechtigkeit noch nicht verwirklicht, aber wir sind auf einem guten Weg.
Magdalena Möbius ist evangelische Theologin, sie arbeitet als Studienleiterin für Frauenarbeit im Amt für kirchliche Dienste in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Berlin.
Rabeya Müller Der Islam bietet den Vorteil, dass er das Interreligiöse in der eigenen Religion integriert hat und würdigt. Auch die Geschlechtergerechtigkeit ist koranisch angelegt und damit Auftrag, der aber in der Realität wenig umgesetzt wird. Hierin liegt unser Ansporn. Und hier vertraue ich auch dem Zusammenschluss aller religiös orientierten Frauen gegen das Patriarchat. Frauen aller Religionen, vereinigt euch!
Rabeya Müller ist islamische Theologin, sie arbeitet beim Institut für Interreligiöse Pädagogik und Didaktik und ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Zentrums für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung, Köln.
KOMMENTARE VON LESERN: Unbekanntes Datum Ich finde die Diskusion interessant aber das Frausein an sich lässt sie auf diese Art und Weise wie ich mir das vorstelle leider aus.
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