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„Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ - ein Konferenzbericht
15.12.08
Von:  Ruth Orli Mosser

Kategorie: GESELLSCHAFT, BERLIN

Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) lud am 8. Dezember 2008 zu der Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ an der TU Berlin ein. Eröffnet wurde sie von Wolfgang Benz, dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, der in seiner Einführung vorab klar machte, dass mit der vergleichenden Behandlung von Feindschaft gegen Juden und Feindschaft gegen Muslime weder eine Gleichsetzung gemeint sei, noch eine Opferkonkurrenz heraufbeschworen werden solle. Vielmehr handle es sich um einen analytischen Transfer, in dem die Erkenntnisse aus der Untersuchung des ersten und längsten Vorurteils, nämlich dem gegen die Juden, als Paradigma der Vorurteilsforschung verstanden und damit auch für andere aktuelle gesellschaftliche Probleme fruchtbar gemacht werden solle.

 

Im Laufe des Tages wurden die Hauptmerkmale des Feindbildes Muslim und seine Funktion in vier verschiedenen jeweils von Kommentaren begleiteten Vorträgen herausgearbeitet. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist die Behauptung, der Islam an sich sei unvereinbar mit demokratischen Werten. Einerseits werden Muslime oft als rückständig denunziert, andererseits sind sämtliche Verschwörungstheorien unter so genannten „Islamkritikern“ weit verbreitet. So wird aufgrund der hohen Geburtenzahlen unter Muslimen von „schleichender Islamisierung“ und „Geburtenjihad“ gesprochen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die Taqiyya. Im Islam bezeichnet der Begriff die Erlaubnis, unter Umständen der Verfolgung und Bedrohung, also des Zwangs, den Glauben zum Schutz des eigenen Lebens zu verbergen. „Islamkritiker“ benutzen die Taqiyya als Beweis dafür, dass Muslimen grundsätzlich nicht zu trauen ist und speisen daraus eine krude Verschwörungstheorie von der „muslimischen Weltherrschaft“, in der sie hinter sämtlichen einflussreichen Positionen heimliche Muslime vermuten. Debatten um Moscheebauten und das Kopftuch entstünden durch das Heraustreten der Minderheit aus den Nischen, die die Mehrheitsgesellschaft zum Nachdenken über die eigene Identität zwinge und deshalb zurückgewiesen würde. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Muslime als Gruppe stark von außen homogenisiert und als Projektionsfläche missbraucht würden. Ebenso werde ein doppelter Maßstab an sie angelegt, der zu einer Selbstidealisierung und Fremddämonisierung führe. Das Moment der Selbstidealisierung ist vor allem in Vergleichen des Islam mit dem Nationalsozialismus (z.B. im Begriff des „Islamofaschismus“) zu finden. Derart könnten deutsche „Islamkritiker“ sich selbst in die Nähe der Opfer des Nationalsozialismus, vordergründig Juden, stellen und sich vom Vorwurf des Rassismus und von ihrem schlechten Gewissen reinwaschen.

 

Seit dem 11. September 2001, insbesondere aber seit dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh Anfang November 2004, habe die Feindschaft gegen Muslime in Europa eine neue, bisher ungekannte Qualität angenommen. Vor allem Yasemin Shooman, die in ihrem Vortrag zu „Islamfeindschaft im World Wide Web“ die Webseite „Politically Incorrect“ untersuchte, und Peter Widman, der die Agitationen des rechtspopulistischen Publizisten Hans-Peter Raddatz analysierte, stellten in ihren Vorträgen deutlich heraus, dass Feindschaft gegen Muslime keine gesellschaftliche Randerscheinung, sondern in der bürgerlichen Mitte angekommen und ein ernst zu nehmendes Problem sei. Sabine Schiffer betont dabei die Wichtigkeit, religiös getarnte Angriffe der so genannten „Islamkritiker“ nicht auch noch religiös zu verteidigen. Die scheinbare Kritik am Islam habe oft wenig mit dem Islam selbst zu tun. Um die Dynamik von Vorurteilen gegen Muslime und den Islam zu durchschauen und sie zu dekonstruieren, bedarf es daher nicht notwendigerweise detaillierter islamwissenschaftlicher Kenntnisse.

 

Die Dynamiken zwischen Antisemitismus und Feindschaft gegen Muslime ließen sich auch in der Behandlung des Themas „Judenfeindschaft unter Muslimen in Europa“ finden. Hier verbänden sich, so Juliane Wetzel vom ZfA, aus Europa importierter Antisemitismus mit Antizionismus und postkolonialen Traumata. Eine nicht unerhebliche Rolle spielten dabei die eigenen Diskriminierungserfahrungen, die soziale Marginalisierung und das Gefühl der Entwurzelung vieler muslimischer Migranten in Europa. Nicht selten entstünde dabei eine Art Konkurrenz zu der in der Außenwahrnehmung gut integrierten jüdischen Minderheit, deren jüngste Geschichte als Opfer vor allem in der deutschen Öffentlichkeit sehr präsent ist. Man dürfe nicht unterschätzen, so Wetzel, dass die Bedeutung des „Opferdiskurses“ unter Einwanderern aus dem Nahen Osten hoch sei. Dennoch müsse Antisemitismus in allen Gesellschaftsschichten und –gruppen thematisiert und diskutiert werden. Herkunft allein dürfe nie Anlass für einen Antisemitismusvorwurf, gleichzeitig auch nie eine Rechtfertigung für Vorurteile und Ressentiments sein.

 

Parallelen zwischen dem Feinbild Jude und dem Feindbild Muslim wurden im Laufe des Tages einige herausgearbeitet, so zum Beispiel in der Debatte um repräsentativen Synagogenbau im 19. Jahrhundert und der aktuellen Debatte um Moscheebau. In verschiedenen Veröffentlichungen lassen sich heute im Bezug auf Muslime gleiche Terminologien und Argumentationslinien wie in antisemitischen Schriften des 19. Jahrhunderts finden.  Das stärkste gemeinsame Moment, das die beiden Feindbilder teilen, ist das der Verschwörungstheorie.

 

Es stellt sich die Frage, inwieweit eine Verschiebung von antisemitischer Gesinnung, deren Äußerung öffentlich verpönt ist, zu antimuslimischen Aussagen statt gefunden hat, was der NS-Aufarbeitung hierzulande ein Armutszeugnis ausstellen würde. Ebenso interessant gestaltet sich der Ansatz von Alexander Senfft, die in der Feindschaft gegen Muslime Antisemitismus und Orientalismus vermischt sieht.

 

Als großer Diskussionspunk, der im Laufe der gesamten Konferenz immer wieder aufgegriffen wurde, gestaltet sich die Frage der Begrifflichkeiten. Die Veranstalter erkennen dieses Problem zwar an, hatten aber davon abgesehen, diese Frage am Podium zu behandeln, was meiner Meinung nach – ebenso wie dem Großteil des Publikums nach – ein großer Fehler war. Zum einen wurde endlich die Durchsetzung der Differenzierung zwischen Islam und Islamismus gefordert. Ebenso sei die Verwendung des Begriffes „islamischer Antisemitismus“ – sei es nun personell, institutionell, theologisch oder historisch – höchst problematisch. Zum anderen ging es darum, einen adäquaten Begriff für das neue Phänomen „Feindbild Muslim“ zu finden. Der Begriff „Islamophobie“ wurde von den meisten Teilnehmern als zu individualisierend und psycho-pathologisch abgelehnt. Es sei nicht nur Angst, die dieses Phänomen leite. Der Begriff „antimuslimischer Rassismus“ wiederum könne nur als Teilaspekt der Feindschaft gegen Muslime begriffen werden, der in konkreten Situationen auftauche. Rassismus sei jedoch nur eine Komponente der Feindschaft gegen Muslime. Da auch der „Antisemitismus“ nicht unproblematisch ist, sollten die beiden Phänomene m. E. mit „Judenfeindschaft“ und „Muslimfeindschaft“ bezeichnet werden.

 

In dieser begrifflichen Frage, wie auch in sämtlichen behandelten Themen des Tages, zeigte sich, dass die Vorurteilsforschung zum Thema „Islam“ erst in ihren Anfängen steckt. Umso besser ist es nun, dass durch Konferenzen wie diese, ein Schritt in die richtige Richtung unternommen wird.




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