„Fashion – Muslima“ - Das Kopftuch als Fashionitem und Symbol der gelungenen Integration
01.01.11
Von: Martin Santner
Kategorie: GESELLSCHAFT
Der öffentliche Diskurs über MuslimInnen in Deutschland wird noch immer von einer latenten Islamfeindlichkeit beherrscht. So wird auch die pauschale Auffassung, dass das Tragen eines Kopftuchs bei muslimischen Frauen ausschließlich Ausdruck patriarchaler Unterdrückung sei, selten hinterfragt.
Der Gedanke daran, dass viele der Frauen sich aus eigener Überzeugung für das Tragen des Kopftuchs nach muslimischer Tradition entscheiden, ist vielen Menschen der deutschen Mehrheitsgesellschaft fremd. Viel mehr deuten sie das Kopftuch als ein Zeichen des Unwillens sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren zu wollen. Noch immer werden muslimische Frauen deshalb stigmatisiert und als reaktionär und ungebildet diskriminiert.
Nun gibt es verschiedene Zugänge sich diesem Thema anzunähern. Hier soll jedoch weder über den Islam an sich diskutiert werden, noch geht es um eine Positionierung pro oder contra "den" Islam. Im Gegenteil, ich anerkenne Deutschland als ein Einwanderungsland mit einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft. Trotzdem ist der Position, aus der heraus sich viele Menschen über die Kultur anderer aussprechen, immer ein gewisser Eurozentrismus immanent und der westliche Blick wird von einer Hegemonie des Okzidents geleitet, der in der Faszination des exotischen Orients verortet ist.
Es gibt keinen Orient, es gibt ihn nur, weil es einen Okzident gibt, so postuliert es Edward Said, Literaturwissenschaftler aus Palästina, in seiner viel beachteten und zugleich viel kritisierten Orientalismusthese. Der Orient sei demnach real nicht existent, sondern lediglich durch die Definitionsmacht des Westens und vor allem mithilfe der Imperialmächte des Kolonialismus hervorgebracht worden.
Den Orient als ein Konstrukt, als eine Erfindung des Westens zu betrachten, erklärt auf dem ersten Blick zwar vieles, es birgt aber auch viele Folgen in sich. Fest steht, dass der (muslimische) Orient in vielerlei Hinsicht als Projektionsfläche allen Bösen, als Gegenentwurf des Westens gilt – und das nicht erst seit den Anschlägen vom 11. Septembers 2001. Wie der Islamwissenschaftler Andreas Pfitsch (Du – Das Kulturmagazin, Nr. 793, Februar 2009) über den Orient schreibt, benötigte der Westen einen Sündenbock zur Legitimation seiner eigenen Identitätsbildung und habe den Orient gezielt als unterlegenes Gegenüber geschaffen, um ihn durch negativ-stereotype Zuschreibungen zu diskreditieren und so die eigene Überlegenheit zu begründen. Die Werte des Westens stellen das unhinterfragte Maß aller Dinge dar und sollen das Selbstbild des Westens als die Wiege der Demokratie, des Friedens und der Aufklärung bestätigen.
Was wissen wir Menschen aus dem Westen aber wirklich über den "Orient", über seine Sitten, Bräuche, Religion, ja seine KULTUR? Welches sind die Bilder, die in unseren Köpfen über den Orient vorherrschen?
Zum einen sind es pittoreske Wüstenbilder mit Kamelkarawanen, märchenhafte Geschichten aus 1001 Nacht, prallgefüllte, duftende Gewürzsäcke auf den Bazaren, fliegende Teppiche und der Harem aus bauchtanzenden Frauen. Diesen Bildern stehen als krasser Gegenentwurf vor allem Vorstellungen des religiösen Fanatismus, des politischen Extremismus und des Terrorismus gegenüber.
Nicht zuletzt werden verschleierte Frauen als Beweis für den lustfeindlichen Islam herangezogen, indem das westliche Wertesystem abermals als Vergleich dient. Was also tun? Gilt es nicht diesen Mythos des Orients zu dekonstruieren und seine Faszination in einen offenen, interkulturellen Dialog zu lenken?
Das Fremde, Unbekannte löst nun einmal einen Reiz auf die eigenen Vorstellungswelten aus, denn es stellt etwas Geheimnisvolles dar und bringt uns dazu, unsere Interpretationen und Vorstellungen über unsere eigene Welt zu überdenken und sie mit jenen uns Unvertrauten zu vergleichen. Wenn uns aber diese unvertrauten und fremden Lebensweisen anderer Menschen doch so sehr interessieren (und das sollen sie auch), warum setzen wir uns dann nicht mit ihnen auseinander? Eine solche Auseinandersetzung mit unvertrauten Dingen, Situationen und Kulturen könnte die Grenzen zwischen dem Fremden und den Eigenen verschwimmen lassen und Fremdheit könnte zu einer alltäglichen Komponente des Menschen werden, wenn nicht sogar zu einer anthropologischen Konstante?
In den zurzeit weltweit angesagten Fashion-Blogs (u.a. www.facehunter.blogspot.com) diskutieren junge, modeinteressierte aber vor allem selbstbewusste IndividualistInnen die neuen Trends aus der Mode- und Designwelt und garantieren somit, dass sich die großen Metropolen der Erde hierbei gegenseitig auf dem Laufenden halten.
Inzwischen aber haben sich auch junge Muslima aus verschiedenen Ländern in solchen Fashion-Blogs zusammengefunden und tauschen Informationen und Erfahrungen über die ebenso neuen Fashiontrends aus: Welche Farben liegen bei Kopftüchern derzeit im Trend? Wie kombiniert man welchen Hijab mit welchem Kleid? Wie binde ich bzw. wickele ich mein Kopftuch richtig?
Im Hijab Blog (http://hijabstyle.blogspot.<wbr></wbr>com) aus London zum Beispiel, fordert die Bloggerin ihre jungen Glaubensschwestern dazu auf, sich nicht zu verstecken, sondern ihre multiplen Identitäten zu zeigen. Schließlich lebe man in einer sich schnell ändernden, dynamischen globalen Community: warum also sollen Style, Fashion und Tradition nicht zusammen gedacht werden?
In vielen Berliner Stadtbezirken, in denen der Anteil muslimischer MitbürgerInnen besonders hoch ist, lässt sich seit einiger Zeit Interessantes, auf den ersten Blick sogar leicht Befremdendes beobachten: viele der jungen Muslima tragen Kopftuch, gemäß der islamischen Kleidervorschrift, kombinieren dieses aber wiederum mit auffallend moderner, westlicher Mode. Werden hier nicht etwa die Grenzen der Traditionen und des muslimischen Wertekonservatismus berührt? Ist es nicht ein Widerspruch, einerseits einen Schleier als Ausdruck der Frömmigkeit zu tragen, andererseits aber mit farbenfroher, Figur betonter Kleidung die Reize, die man qua Religion verbergen sollte, noch zu unterstreichen? Oder zeigt dieser Trend vielleicht, wie sehr die Mädchen sich in die deutsche Mehrheitsgesellschaft integriert haben?
Die jungen Frauen, denen ich in den Straßen Berlins begegnet bin, wandeln in einer Zwischenwelt, in der sie tagtäglich angehalten sind, die Balance zwischen den Kulturen zu wahren. In persönlichen Gesprächen erzählen die jungen Frauen von alltäglichen Stigmatisierungen, Diskriminierungen und diskreditierenden Zuschreibungen, die sie von Außen, in der Schule, auf der Straße, bei der Arbeit usw. erleben, aber auch von möglichen Einschränkungen, die Ihnen durch das Tragen des Kopftuches in Zukunft noch bevor stehen können.
Dabei sind die jungen Frauen, wie sie selbst finden, längst angekommen in Deutschland. Sie möchten so leben, wie sie es für richtig halten - mit oder ohne Kopftuch. Es sage nichts über sie aus, zumindest nichts über ihren Charakter, über ihre Qualitäten, über ihre Persönlichkeiten. Ihr Leben gleicht oft einem akrobatischen Seiltanz, der von kulturellen und sozialen Normen und Konventionen bestimmt wird, wobei sie versuchen, trotz höchst unterschiedlichen an sie gerichteten Erwartungshaltungen aus den eigenen Reihen ihrer Community einerseits und aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft andererseits, nicht die Balance zu verlieren.
Das fällt nicht immer leicht: Kopftuchtragende Frauen werden noch immer als Opfer patriarchaler Unterdrückung missverstanden. Jegliches Recht auf Selbstbestimmung wird ihnen verwehrt und die Möglichkeit, dass dieses Kopftuch auch ein aus eigenen Stücken heraus gefordertes Bekenntnis zu Gott, eine persönliche Richtschnur für ein wertegeleitetes Leben darstellen kann, wird nicht mitgedacht.
Die junge, selbstbewusste Generation muslimischer Frauen jedoch möchte dies ändern. Sie wollen anerkannt und akzeptiert werden so wie sie sind: als Menschen, immer und überall in ihrem Leben, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen, modern UND gläubig zu sein. Dieses Selbstbewusstsein findet im Tragen des Kopftuches und auffallend körperbetonter Mode seinen Ausdruck und stellt für die jungen Frauen keinen Widerspruch dar. Warum erwarten wir also von den Mädchen, das Kopftuch abzulegen, nur um von uns als mündige und aufgeklärte, westliche Frauen wahrgenommen zu werden?
Wie Carolin Emcke in ihrem vor kurzem erschienenen Artikel (die Zeit Nr.9, 25.02.2010) über den aufkommenden „liberalen Rassismus“ schreibt, seien es die Grundideen der Aufklärung und des Liberalismus, für den Schutz des individuellen Selbstbestimmungsrechts einzustehen. Demzufolge sei ein vom Staat verordnetes Kopftuchverbot per se schon gegen die Freiheit der Selbstbestimmung, viel mehr noch, dem mündigen Individuum wird seine Unmündigkeit quasi von vorneherein unterstellt und wird somit entrechtet.
Auch wenn viele der jungen Muslima sich von bodenlangen Röcken und weitgeschnittenen Kleidern verabschiedet haben, steht die Einhaltung der muslimischen Kleidervorschrift, also die Verhüllung bestimmter Körperteile (Haare, Brust, Po), weiterhin als höchstes ethisches Prinzip im Vordergrund. Dennoch werden die Empfehlungen des Korans auf eine bestimmte Art und Weise umgangen, indem sie in einer neuen Zeit-Raum-Dimension verortet und schließlich in einen modernen zeitgemäßen Kontext gesetzt werden.
So werden plötzlich zum Kopftuch die Augen durch Schminke hervorgehoben, Piercings zieren die Gesichter vieler Mädchen, Schmuck, Handtaschen und andere Accessoires werden zusammen mit farbenfroher, moderner Mode von ihren Trägerinnen in Szene gesetzt. Durch die Repräsentation auf der Straße, im öffentlichen Raum, verliert das Kopftuch, wie jedes Fashionitem mit der Zeit, seine eigentliche exklusive Bedeutung und wird in andere, unkonventionelle Bedeutungszusammenhänge gebracht. Die Mädchen erscheinen nämlich nicht mehr uniformiert und somit unsichtbar, sie setzen viel mehr auf einen individuellen Look und erwecken daher Aufmerksamkeit.
Der Verdacht, das Kopftuch aus rein religiöser bzw. politischer Motivation heraus zu tragen, wird hierdurch also obsolet. Vielmehr könnte man es als einen Indikator der gelungenen Integration und der kulturellen Annäherung interpretieren, als einen emanzipatorischen Akt der Selbstbestimmung, der Mut erfordert, da scheinbar unüberwindbare Traditionen angeprangert werden und gleichzeitig eine Art Widerstand gegen den aufgezwungenen Assimilierungsdruck, der von der deutschen Mainstream Gesellschaft ausgeht, geleistet wird.
Zugespitzt formuliert kann sogar behauptet werden, dass der Trend der letzten Jahren, nämlich die sichtbare Zunahme an jungen „Fashion-Muslima“ in Berlin, eher Ausdruck eines neuen Selbstbewusstsein ist und weniger, wie oft dramatisierend in den Medien dargestellt, Ausdruck zunehmender Strukturen der Unterdrückung.
Mag. phil. Martin Santner, Studium der Kultur- und Sozialanthropologie, Philosophie und Politikwissenschaften, Universität Wien, Studium der Ethnologie, Politikwissenschaften, Islamwissenschaften, Freie Universität Berlin, Themenschwerpunkte bzw. Forschungsinteressen: Migration, Integration, Antirassismus, Diversity, Peace Studies, Multikulturalismus, Identity Construction, Ethnizität. Lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin und Meran/Italien.
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