"Die Juden sind Bestandteil der Geschichte des Islam"
07.07.11
Kategorie: Außensicht

Gibt es einen spezifisch muslimischen Antisemitismus? Wie können Muslime und Juden gemeinsam gegen Islamophobie und Antisemitismus kämpfen? MS.de sprach mit Fiyaz Mughal, Gründer und Direktor von “Muslims Against Anti-Semitism” (Muslime gegen Antisemitismus) in Großbritannien.
Was war Ihre Motivation, die Initiative „Muslims Against Anti-Semitism” zu gründen? Haben Sie damit auf ein bestimmtes Ereignis reagiert?
Der Grund war das wachsende Misstrauen zwischen Muslimen und Juden, das sich durch die Politisierung der Beziehungen zwischen Palästina und Israel verstärkt hat. Seit den 1970er Jahren ist die Situation immer schlechter geworden und in den 1980er und 1990er Jahren wurden die Brüche in den Beziehungen aufgrund der Intifada, den folgenden Razzien und den öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen muslimischen und jüdischen Studenten und beiden Gemeinden noch tiefer. Das Morden in Jenin 2001/2002 hat für mich das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich habe realisiert, dass es keinen Ausweg und keine militärische Lösung für die Krise gibt. Die Lösung kann nur im Dialog und im gegenseitigen Verständnis gefunden werden und nicht dadurch, dass die eine Seite die jeweils andere als Terroristen und Mörder darstellt.
Wer sind die Mitglieder Ihrer Organisation? Sind dies „religiöse Muslime“?
Die Mitglieder der Organisation Muslims Against Anti-Semitism sind sowohl religiöse wie auch nicht praktizierende Muslime. Wir haben derzeit 378 Mitglieder, die auf der lokalen Ebene aktiv sind und die davon überzeugt sind, dass es Zeit ist, das negative Bild der Juden als Teil des Problems des Nahen Ostens zu revidieren. Unsere Mitglieder glauben aber auch, dass die wachsende und alarmierende Islamophobie in jüdischen Gemeinden auch von jüdischen Kollegen angegangen werden muss, die sich für gegenseitiges Verständnis engagieren. Viele der religiösen Muslime sind der Meinung, dass Islam und Judaismus sehr eng miteinander verbunden und ähnlichen Ursprungs sind und dass darauf aufzubauen ist. Die Juden sind Bestandteil der Geschichte des Islam und verdienen daher, so unsere Überzeugung, den Respekt und das Verständnis von Muslimen. Wenn es also Antisemitismus gibt, betrifft uns das genauso.
Hat der Antisemitismus in den letzten Jahren im Vereinigten Königreich zugenommen? Wie zeigt er sich?
Antisemitismus hat zugenommen, aber er ist zyklisch. Wenn etwas im Nahen Osten passiert, dann nimmt auch der Antisemitismus zu. Es drückt sich in verbalen, manchmal auch in physischen Angriffen gegen Juden aus, wobei die meisten Angriffe verbaler Natur sind und ein Klima der Angst verbreiten sollen. Interessanterweise werden vorwiegend jüdische Männer attackiert, die durch das Tragen der Kippa deutlich als Juden erkennbar sind. Bei islamophobischen Angriffen gegen Muslime verhält es sich ähnlich. Meist werden muslimische Frauen attackiert, weil sie ein Kopftuch tragen oder auf andere Weise als Muslime erkennbar sind.
Gibt es im Vereinigten Königreich einen spezifischen Antisemitismus von Muslimen und wie hat er sich in den letzten Jahren entwickelt? Was würden Sie den Leuten antworten, die meinen, dass Muslime mehr Vorurteile gegen Juden haben als Nicht-Muslime?
Es gibt eine klare Verbindung zu dem, was im Nahen Osten passiert, zu den Auswirkungen auf muslimische Gemeinden und zu den Angriffen auf Juden. Bei britischen Muslimen sind Gefühle der Ungerechtigkeit gegenüber den Palästinensern vorherrschend. Manche Aktionen gegen Palästinenser sind verabscheuungswürdig und man kann das nicht ignorieren, als ob eine Seite im Nahen Osten eine weiße Weste hätte. Es ist nicht unsere Aufgabe, für bestimmte Staaten zu werben, aber unsere Position ist eindeutig. Die Ereignisse im Nahen Osten sollten nicht zu Angriffen gegen Juden im Vereinigten Königreich oder sonst irgendwo auf der Welt führen. Genauso wenig würden wir Angriffe auf Muslime unterstützen, weil einige Verrückte, die sich Muslime nennen, an einem weit entfernten Ort unschuldige Menschen auf Marktplätzen in die Luft jagen. Ich möchte hinzufügen, dass bei Muslimen Vorurteile gegen Juden nicht verbreiteter sind. Dieses Argument wird gerne von Menschen benutzt, die darauf abzielen, Muslime zu verteufeln und es gibt keinen konkreter Beweis dafür. Innerhalb der christlichen und muslimischen Gemeinden und anderen Glaubensgemeinschaften gibt es aber einen Antisemitismus, mit dem man sich durch zivilgesellschaftliche Arbeit, Austausch und Zusammenkommen auseinandersetzen soll, um gegen diesen Hass vorzugehen.
Wie erklären Sie diesen Antisemitismus? Hat er eine theologische Grundlage oder ist er mit dem Nahost-Konflikt und den Herkunftsländern mancher britischer Muslime direkt verbunden?
Mit dem Konflikt im Nahen Osten – so einfach ist das.
Welche Aktivitäten führen Sie durch und wie erfolgreich sind sie? Haben Sie spezifische Methoden zur Aufklärungsarbeit entwickelt?
Wir führen eine Reihe an Bildungsveranstaltungen durch, in denen Rabbis in Schulen mit mehrheitlich muslimischen Schülern sprechen. Gleichzeitig bringen wir auch Imame in mehrheitlich jüdische Schulen. Auch helfen wir bei der Veröffentlichung von Publikationen und mobilisieren mit dem Ziel, dass dort, wo Antisemitismus ist, Muslime aufstehen und dagegen vorgehen. Das ist der Schlüssel. Wir fördern auch Arbeitsbeziehungen zwischen Muslimen und Juden, damit jüdische Brüder und Schwestern zu uns stehen, wenn Angriffe gegen Muslime stattfinden.
Arbeiten Sie mit anderen Menschenrechtsorganisationen oder jüdischen Vereinigungen zusammen?
Wir arbeiten im Vereinigten Königreich mit Schulen, die vornehmlich jüdisch oder muslimisch sind, aber wir sind auch daran interessiert, internationale Kontakte zu knüpfen und gute Praxis für diesen Bereich zu erarbeiten.
Wie ist die antirassistische Bewegung im Vereinigten Königreich strukturiert? Gibt es Vereine oder Vereinigungen, die gemeinsam gegen Antisemitismus und Islamophobie kämpfen oder arbeiten sie unabhängig voneinander, wie es in Frankreich seit den 1990er Jahren oft der Fall ist?
Die anti-rassistischen Organisationen stellen nun beide Themen in einen Zusammenhang und arbeiten daran. Es ist unfair, dass manche Mitglieder jüdischer Vereinigungen sagen, dass diese Organisationen pro-palästinensisch und pro-muslimisch seien und dass sie sich aus diesem Grund nicht mit ihnen verbinden. Das ist nicht der Fall und das Argument wird gegen die politische Linke benutzt, um die Arbeit dieser Organisationen schlecht zu machen. Antirassistische Organisationen haben zwei Jahrzehnte gebraucht, um beide Themen gleichzeitig zu bearbeiten. Das sollten Personen, die die politische Linke als das Hauptproblem betrachten, nicht schlecht machen. Antirassismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung zu vielen Themen, obgleich die politische Linke auch mit der Mitte zusammenarbeiten sollte, um sicherzustellen, dass es eine Balance zum Wohle der Gesellschaft gibt.
Website: www.ma-as.org.uk
Interview von Clémence Delmas, Übersetzung von Katrin Jullien
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