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Die Empörten: Versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen!
12.02.12
Von:  Jose del Coz

Kategorie: POLITIK, GESELLSCHAFT

Projekt in Ethik

 

Schülerinnen und Schüler stellen häufig überraschende Fragen, die einen so genannten gestandenen Lehrer richtig ins Grübeln bringen können- und das ist gut so. Es ging um die Frage, ob nicht das Bildungssystem ein großes Versprechen gebrochen hat und wenn, dann müsste man sich darüber empören und das Versprechen mit allen Mitteln wieder einklagen.

 

Wer verspricht wem, was und warum?

Unisono wird behauptet: Bildung ist der Schlüssel für berufliche und soziale Integration. Demzufolge hat im Gegensatz zu den „systemrelevanten“ Banken die Bildung das  Etikett „Systemrelevanz“ mehr als verdient, weil der jeweils erreichte Bildungsabschluss auch heute noch - wenn auch mit abnehmender „Ratingnote“-  zur Teilhabe am Wohlstand in der Gesellschaft verspricht.

Ohne Berechtigungsnachweis (Bildungsabschluss) wird es für die meisten Menschen richtig schwer in Anerkennung und Würde zu Leben. Mit einem formalen Berechtigungsnachweis ist die Wahrscheinlichkeit auf ein gutes Leben theoretisch aussichtsreicher als ohne, aber praktisch den herrschenden ökonomischen Imperativen (Kostensenkung, Gewinnmaximierung, Rettung der Banken) mehrfach unterworfen. Obwohl alle Anstrengungen, Handlungen und das Streben der Menschen nach Erwerb von Berechtigungsnachweisen  durchaus verständlich und alternativlos erscheinen, sind diese auch einer schleichenden funktionalen Entwertung ausgesetzt.

Anders formuliert: Die Bildungseinrichtungen vergeben „hoch spekulative“ Zertifikate an die gutgläubigen „Kunden“, die sie auf dem (Arbeits-)Markt häufig unter Inkaufnahme von Enttäuschung, Demütigung  und Entwertung einlösen müssen. Das Wissen nicht nur die Betroffenen, vielmehr machen sie alltäglich und mannigfach bittere Erfahrungen mit diesem System des Ausschlusses, das im eklatanten Widerspruch zum materiellen Versprechen dieser Gesellschaft steht: Bildung ist der Schlüssel für Integration.

Übrigens: In das Bild des Versagens des Bildungssystems passt, dass bei den Sozialprotesten der Indignados (zu deutsch: Empörten) in Spanien im Mai diesen Jahres vor allem gut ausgebildete junge Menschen auf die Straße gingen, weil sie keine Chance auf einen Arbeitsplatz haben.

Vor diesem Hintergrund haben sich im Rahmen eines Ethikkurs-Projektes mehrere  Fachoberschülerinnen und -schüler der Reuterschule in Kassel mit der obigen Frage befasst und in diesen aktuellen Kontext gestellt: Besteht ein  ursächlicher Zusammenhang zwischen den vielfältigen Äußerungsformen der sozialen Empörung(en) - z.B. in Gestalt der Occupy- und  Indignados- Bewegung - und dem hier  behaupteten Versagen des Versprechens auf ein gutes und menschenwürdiges Leben? Und wenn ja, welche ethischen und politischen Lehren werden daraus gezogen, um allen Menschen eine lebenswerte und sinnstiftende Perspektive zu ermöglichen?


In verschiedenen Arbeitsgruppen haben sich die Beteiligten mit der Vielfalt an Empörungen und Protesten im In- und Ausland beschäftigt. Den Ursachen für die von  „Arabellion“ (Rebellionen in der arabischen Welt) über die USA (die soziale „Occupy Wall Street- Bewegung“) nach Europa (die Indignados) übergeschwappten Empörungswellen nachgegangen und mit kreativen Methoden nachgezeichnet, um sie einem breiten Publikum in und außerhalb der Schule zu präsentieren. Zudem beschränkt sich die Ausstellung nicht allein auf das Nachdenken über oder das Benennen der Missstände, vielmehr soll sie im Sinne von Stéphane Hessel zum politischen Handeln motivieren.

Dazu abschließend die Motive und Forderungen der Indignados im O-Ton, die durchaus die politische und ethische Schnittstelle zu den anderen sozialen Bewegungen in dieser Welt markiert:


„Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.
Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.
Und diese Situation ist mittlerweile zur Normalität geworden – tägliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Es ist an der Zeit, Dinge zu verändern Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen.“ (http://www.echte-demokratie-jetzt.de/manifest/)

 

Hier einige weiterführende Links zum Thema:     
           
http://www.occupydeutschland.de/
       .
http://www.echte-demokratie-jetzt.de/2011/12/occupy-weltweit-2011/
                                                
http://www.arte.tv/de/Die-Empoerten/4256396.html

Jose del Coz ist Lehrer für Wirtschaft, Politik und Ethik in der Reuterschule in Kassel.




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