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Die Demokratisierung der muslimischen Welt: Ansichten des muslimischen Philosophen Jamal ad-Din al-Afghani
25.10.09
Von:  Muhammad Sameer Murtaza

Kategorie: RELIGION

Jamal ad-Din al-Afghani zählt wohl zu den bemerkenswertesten muslimischen Denkern des 19. Jahrhunderts. Zu seinen Lebzeiten sah er sich mit dem europäischen Kolonialismus und der Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Muslime (3: 110) und ihrer reellen Erfahrung der Machtlosigkeit konfrontiert. Er war der erste Muslim, der versuchte die Misere der Muslime analytisch zu erfassen und einen Ausweg anzubieten.

 

Außerdem war er der erste Orientale, der den universellen Anspruch Europas zurückwies. Aus diesen Gründen ehrte ihn die Nachwelt mit dem Titel „Erwacher des Osten“.

 

Obwohl Jamal ad-Din al-Afghani ein Kosmopolit war, der in Europa genauso

wie in der muslimischen Welt zuhause war, obwohl er mit den Regierungschefs, Philosophen und den Gelehrten von Orient und Okzident debattierte, umgab ihn stets eine mysteriöse Aura. Bis heute streiten sich Wissenschaftler darüber, ob er wirklich Afghane war oder ob er durch den Namenszusatz‚ al-Afghani eine persisch-schiitische Herkunft verschleiern wollte (taqiyya).

 

Al-Afghani selber bestand stets darauf 1839 in Afghanistan geboren und in Kabul erzogen worden zu sein. Seine Abstammung soll in direkter Linie bis zum vierten Kalifen Ali zurückreichen. Seine Gegner, wie Scheich Abu Huda, waren jedoch der Ansicht, dass er Iraner sei4 und der Perser Lutfallah Asadabadi behauptete sogar, sein Neffe zu sein. Das Oxford-Lexikon scheint einen Mittelweg einzuschlagen, wenn es schreibt: „Er wurde im Iran geboren, verbrachte aber die ihn prägenden Jahre in Afghanistan.“ Die Encyclopaedia of Islam urteilt: „Er verlebte tatsächlich seine Kindheit und Jugend in Afghanistan. ”Ich vertrete die Ansicht, dass er Afghane und Sunnit war – wenn auch beeinflusst durch den schiitischen Islam –, da sein engster Schüler Muhammad Abduh, der Al-Afghani wohl am Besten kannte, sowie weitere Personen aus seinem nahen Umfeld berichteten, dass Jamal ad-Din strikt der hanafitischen Rechtsschule folgte. Sie ist eine der vier sunnitischen Rechtsschulen. Niemand, der ihm nahe stand, hatte Al-Afghani jemals mit einer schiitischen Gesinnung in Verbindung gebracht. Aber wenn doch, würde es eine Rolle spielen? Der ägyptische Al-Al-Afghani-Experte Muhammad Imara vertritt die Auffassung, dass es nur verständlich sei, dass Afghanen und Iraner, Sunniten und Schiiten einen Anspruch auf Al-Afghani erheben, es sei aber zu bedenken, dass er sich selber niemals etwas anderem als dem Islam zuordnen wollte. Daher könnten alle Muslime stolz auf diesen großen Denker des Islam sein, dessen Vaterland die muslimische Welt war.

 

Man könnte meinen, dass ein Hauch von göttlicher Ironie Al-Afghani umgab, denn er entspricht so gar nicht dem Bild eines muslimischen Reformers, das Muslime heute haben. Da ist zum Beispiel seine Entscheidung als muslimischer Philosoph aufzutreten und sich in einer philosophischen Sprache auszudrücken, in einem Umfeld, in dem die Philosophie verpönt war und ist. Seine Ansichten schöpfte er zwar aus dem Koran – so wie er ihn interpretierte – ohne jedoch seine Argumente zwingend mit entsprechenden Belegstellen Autorität zu verleihen. Vielmehr sollten die Muslime seine Ansichten annehmen, wenn ihnen seine Argumentation logisch und vernünftig erschien. Er trat nicht mit einem Wahrheitsanspruch auf, sondern betonte, dass der Philosoph sich durchaus irren kann. Wer ihn hören wollte, hatte größeres Glück ihn in einem Kaffeehaus anzutreffen, als in einer Moschee. Auch das er ein passionierter Raucher war, wäre für heutige Muslime Grund genug, sich ihn erst gar nicht anzuhören, gleich wie richtig seine Argumente sein mögen. Dabei war Jamal ad-Din ein Mystiker und Asket, erfüllt von einer tiefen Spiritualität, doch ohne Anspruch auf Perfektion.

 

Mag er auch bei den Muslimen nicht mehr präsent sein, so haben seine Überlegungen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Demokratie und islamischer Religion ihre Spuren im muslimischen Diskurs hinterlassen.

 

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der rechten Spalte als PDF-Datei. 




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