Über uns | Mitmachen | Newsletter | Suche | Kontakt/Impressum
Der Schleier über dem Dialog. Ein persönliches Plädoyer für die öffentlichen Muslime und das Gespräch am Gartenzaun.
27.12.05
Von:  Abu Bakr Rieger

Kategorie: GESELLSCHAFT

(iz) Die Gewinnebene von Kommunikation und Dialogbereitschaft hat in der modernen Konsum- und Unterhaltungsgesellschaft dramatisch an Wert verloren. Der Grund ist einfach: es ist anstrengend zu kommunizieren, Positionen herauszufinden, endlosen Debatten zuzuhören. Die Müdigkeit macht sich sogar bei Dialogprofis breit. Der ehemalige BDI-Präsident und langjährige Talkshow-Dauergast Hans-Olaf Henkel kann sich schon manchmal selbst nicht mehr sehen. Er sei privat kein großer Fan von Talkshows im Fernsehen, gestand Henkel der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Ich kann die Sendungen ja selbst nicht mehr sehen. Das ist zum Kotzen“, sagte Henkel, der seit vielen Jahren der Politik auf etlichen Kanälen deftig am Zeug geflickt hat. „Ich kann mich manchmal auch nicht mehr hören“, fügte Henkel hinzu. Dennoch komme er an Auftritten in Talkshows nicht vorbei: „Wenn Sie etwas in der Gesellschaft verankern wollen, dann müssen Sie es immerzu wiederholen, wie in der Werbung.“ Mediale Präsenz - so erkennt es Henkel, ist heute eine entscheidende Machtebene. Die Machtlosen hausen in den Banlieus und Hinterhöfen der Mediengesellschaft.

 

 

 

Das Gerede und der (wenig) platonische Dialog

 

Die Erfahrung Henkels hat der Philosoph Martin Heidegger schon in seinem Fundamentalwerk „Sein und Zeit“ als die Gefahr der Mediengesellschaft schlechthin vorgedacht. Heideggers These in den 20er Jahren, „Die Bodenlosigkeit des Geredes versperrt ihm nicht den Eingang in die Öffentlichkeit, sondern begünstigt ihn“, klingt auch heute noch aktuell. Je ernsthafter das Thema, je mehr öffentlich geredet wird, desto schwerer wird es, Tiefgang zu erreichen. Heidegger weiter: „Das Gerede ist die Möglichkeit, alles zu verstehen ohne vorgängige Zueignung der Sache. Das Gerede behütet schon vor der Gefahr, bei einer solchen Zueignung zu scheitern. Das Gerede, das jeder aufraffen kann, entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist." Es sind wenig später die Nazis, die das Gerede - politisch gesehen - erstmals nutzen, es „radikal-subjektiv“ in ihren Propagandaorganen instrumentalisieren und gegen den inneren und äußeren Feind in Stellung bringen.

 

Der Dialog mit dem Islam ist ein ernstes Thema. Es benötigt Tiefgang. Dialog mit Muslimen findet weniger in glamourösen Dialogrunden als am Rande der Gesellschaft statt. In schummrigen Hörsälen, in den Hinterzimmern der politischen Stiftungen, in muffigen Kirchenkellern und immer öfter-gar nicht. Es herrscht allgemeine Dialogmüdigkeit. „Es bringt nichts“, sagen Pfarrer, „Berufsislamisten“ und Sektenbeauftragte gleichstimmig. Die Veranstaltungen, in denen noch diskutiert wird, sind schwach besucht und, wenn sie überhaupt noch stattfinden, siegt zumeist das Gefühl der Ergebnislosigkeit. Der „Islamistenalltag“ kann übrigens grauer sein als man denkt: Neuerdings hat mir ein „politisch denkender Muslim“ erzählt, er sei 400 km zu einer Dialogveranstaltung nach Stuttgart gefahren. Dort sei ihm der Kuscheldialog aufgekündigt worden. Dann sei er mehr oder minder beschimpft worden und er habe den Islam davor verteidigt, Zwangsehen zu begünstigen. „Gut,“ habe ich ihm gesagt, „du musst wirklich ein Ideologe sein, wenn Du Dir das antust“.

 

Eigentlich ist die Liebe zum Dialog seit Platon eine der geistigen Errungenschaften des Abendlandes. Wer in den platonischen Dialogen blättert, bewundert die Liebe Platons zum Argument, die Anerkennung des Gesprächspartners und die für den Dialog notwendige Bereitschaft, auch dem Partner „Glauben zu schenken“. Es gibt noch ein weiteres, entscheidendes Kriterium für das Funktionieren dieses Dialogs: das Zurücktreten der Persönlichkeit hinter das Argument und die Liebe des Argumentierenden zum Inhalt. Es gibt natürlich auch von altersher Phänomene, die einen Dialog unmöglich machen. Schon Goethe lehrte, dass man eine Sache nur verstehen kann, wenn man sie liebt. Wenn also der Inhalt des Dialogs, zum Beispiel der Islam, von vornherein ungeliebt ist, dann stellt sich tatsächlich die Frage nach dem Sinn des Dialogs. Kurios wäre auch die Vorstellung im klassischen Dialog, dass der andere etwas sagt, man es aber prinzipiell nicht „glaubt“ (In dieser alten Welt konnte, wer die Wahrheit sagt, noch kein Lügner sein).

 

 

 

Die Bebilderung der Showtime

 

Es herrscht Palaverkultur und Showtime. Die heutigen Dialogrunden, Talkshows und Kommunikationsgemeinplätze, die ewige mediale Wiederkehr des und der Gleichen, sind zweifelsohne stark persönlichkeitsgeprägt. Die Einschaltquoten sind die wichtigen Stimmungsbarometer, zeigen an, wer ankommt und wer nicht. Die Wahrnehmung der Persönlichkeit überlagert, wie man heute allgemein beklagt, den Inhalt. Es zählt die Figur, weniger das politische Profil, das allgemeine Gerede statt des konkreten Inhalts. Teilweise ist sogar der Sinn von Dialog fundamental in Frage gestellt; so glaubt die Mehrheit der Bevölkerung nicht, dass Politiker in der Öffentlichkeit die Wahrheit sagen (die säkulare Form der „Takiya“ sozusagen). Massenmedien sind laut und großes Geschäft, inhaltlich orientierte Kommunikation ist leise und ganz bestimmt kein Geschäft. Sogar das Herausgebersein einer Nischenzeitung am Existenzminimum kann dabei komisch wirken und auch an Sinngrenzen stoßen. Ich höre noch den trostlosen Rat eines muslimischen Funktionärs: „Stell das Blatt ein, wir schauen doch alle nur Fernsehen!“

 

Zeit der Bilder, Zeit der Vorstellung. Seit dem 11. September hat die Debatte über den Islam Gesichter bekommen. Die Erfahrung der Begegnung ist der Vorstellung des Fremden und Befremdlichen gewichen. Das Gesicht Bin Ladins oder eines Attas prägt die Vorstellung des „bösen“ Menschen (ich habe einen Bekannten, der Atta ähnlich sieht und der nun durchaus „selbstmordgefährdet“ ist). Die Mediengesellschaft sucht nun folgerichtig nach seinem guten Pendant: Nur, wie sich diesen, medial-ideal vorgestellten, Idealmuslim machen, wie sich ihn vorstellen? Hat er einen Bart, klingt seine Stimme weich, wirkt er eher sanft, hat er Familie, spielt er Fußball? Trinkt er? Tanzt er? Es ist die Suche nach dem Typus des guten Muslims, auf dessen Suche sich die letzte Runde der Dialogrunden nun macht, es ist die religiöse Variante des „Deutschland sucht den Superstar“.

 

 

 

Wir müssen dem Islam dankbar sein

 

Über kaum etwas wird mehr geredet als über den Islam. Schon dafür muss man dem Islam dankbar sein. Das Grundphänomen unserer Mediengesellschaft, die Personalisierung, hat dabei indirekt die Dialogrunden im Lande infiziert. Es geht im Kern längst nicht mehr darum, „was jemand sagt“, sondern „wer es sagt“. Die Folge hieraus ist, dass die Dialogveranstalter sich zunehmend auf das Auswahlverfahren selbst konzentrieren und hierin auch ihre eigentliche Macht sehen: Wer ist „politisch korrekt“, wer ist gut, wer ist böse, wer darf kommen? Wer diese Trainingsrunden am Rande der Mediengesellschaft übersteht, darf hoffen, eines Tages in das mediale Zentrum der Gesellschaft vorzudringen. Eines fernen Tages.

 

Sollte man den Dialog also wirklich prinzipiell in Frage stellen? Abdul Hadi Hoffmann, Publizist und Media-Consultant, bringt das Gegenargument schon aus beruflichem Interesse auf den Punkt: „Kritische Offenheit in der Begegnung miteinander ist eine wichtige Grundlage des Dialoges, denn nur sie hilft, von vornherein Fehlurteile und Illusionen zu vermeiden. Die pauschale in Frage Stellung, wie wir sie seit einiger Zeit erleben, ist allerdings wenig konstruktiv: Wenn man alle Kritiken zusammen nimmt, bleibt niemand mehr übrig, mit dem man Dialog führen könnte und damit wird die gesellschaftliche Kommunikation insgesamt in Frage gestellt." Mit anderen Worten, Hoffmann frägt, was die Alternative zur kommunizierenden Gesellschaft ist und was kommt, wenn alle Dialogpartner destruiert sind oder - man hat es ja mit Menschen zu tun - wenn die muslimischen Partner einfach die Lust auf Prügel verlieren. Noch schlimmer - was macht die liberale Gesellschaft, seit jeher an Dialektik gewohnt, wenn sich der „Feind“ verkriecht? (Vorsicht: Napoleons Untergang begann, als er in Moskau entdeckte, dass der Feind nicht mehr da war).

 

Natürlich haben auch Muslime Fehler gemacht. Wenig glaubwürdig wirkt ein Funktionär im blauen Anzug, der über Demokratie doziert und einer Organisation angehört, die weiß Gott noch nie „demokratisch“ verfasst war. Auch der Verfassungsschutz hat ja Intellekt. Eine Frau, die fortlaufend behaupten muss, sie sei schön, und eine Organisation, die fortlaufend behaupten muss, sie sei „demokratisch“, beides erregt schon naturgemäß Misstrauen. Man ist daher nicht überrascht, aber fasziniert von der neuerdings zu hörenden Ankündigung „Schluss mit dem Kuscheldialog“ und „weg mit den falschen Muslimen“. Man unterstützt diesen Aufruf schon instinktiv. Natürlich kommt es bei diesem Satz aber auch ein bisschen darauf an, wer ihn sagt und was gemeint ist. Die Forderung nach dem Ende des „naiven“ Dialogs hört man heute vor allem von radikalen Berufsdemokraten und Freizeitjournalisten, die lauthals verkünden, dass Demokratie endlich „wehrhaft“ sein müsse. Innerhalb dieses ideologischen, also radikal subjektiven Blickfeldes lauern eigentlich überall neue Ideologien. Magnetische Pole mögen sich scheinbar abstoßen, sie sind aber doch irgendwie aufeinander bezogen.

 

 

Wehrhafte Demokratie und Kuschelverbot

 

Die Forderung nach der wehrhaften Demokratie geht gerne mit der These einher, wie Jean Christophe Rufin brilliant argumentiert, dass die Demokratie besonders bedroht, zerbrechlich und überaus fragil sei. Ganz so, als gäbe es keinen umfassenden Polizeiapparat, keine sich selbst perfektionierende Kontrolle und keine effektive Überwachung des Zugangs zu Massenmedien. Es ist kein Zufall, dass die journalistischen Verkünder des Endes des Kuscheldialogs und des Beginns der Ära der wehrhaften Demokratie den Verfassungsschutzämtern gedanklich recht nahe stehen. Die „Frühwarnsysteme“ gegen die „Feinde der Freiheit“ und neue Techniken der „Unterrichtung der Öffentlichkeit“ (schöne Begriffe und große Worte von Hans Jürgen Doll in der NVwZ) sind, wenn man genauer hinschaut, recht eng verwoben. Die strukturelle Nähe dieser Netzwerke und der Fakt, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handelt, birgt auch einige ungute Gefahren für die politische Kultur. Vor allem dann, wenn diese Verdachtsberichterstattung, wie es Prof. Dr. Dietrich Murswiek anmerkt, sehr schnell mit einem ultimativen Ausschluss aus der Öffentlichkeit einhergeht. Murswiek hatte zuvor das eher technische Wesen von behördlichen Prüfberichten - man würde das auch gerne auf bestimmte „personalisierende“ Medienberichte ausdehnen - und ihre öffentliche Wirkung mit der autoritären Wirkung von „Eichamtsstempeln“ verglichen.

 

Aber auch im mächtigen politischen Establishment ist man mehr oder weniger dialogmüde. Zu den betont Unzufriedenen im Dialogbetrieb gehört beispielsweise Johannes Kandel von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie sich in seinen Fußnoten zum Dialog unschwer erkennen lässt, ist Kandel frustriert von der Ergebnislosigkeit des Dialogs (und vielleicht auch ein wenig von dem kuriosen Umstand, dass die meisten „Islamisten“ im Lande SPD wählen). Für Kandel, so dieser in einem Interview mit der taz, „lohnt sich der Dialog nur mit den Muslimen, die in Wort und Schrift mit kritischen Positionen hervortreten. Die bereit sind, zum Beispiel den Koran auch unter kritisch-hermeneutischen Gesichtspunkten zu betrachten.“ Ist hier gemeint, dass der gewünschte Dialog und die gewünschten Dialogpartner sich bereits vorab erkennbar dem gewünschten Dialogergebnis unterordnen sollen? Und wenn ja, ist ein solcher „ergebnisorientierter“ und „hierarchisch“ organisierter, mit Steuergeldern finanzierter Dialog zwischen Gleichdenkenden überhaupt noch sinnvoll und intellektuell ansprechend?

 

 

Inhalt und das fehlende Ritual der Erlösung

 

Wie gesagt, das Ende des Kuscheldialogs ist notwendig, wenn auch in einem anderen Sinne. Es geht tatsächlich nicht darum, sich gegenseitig kuschelige Gesprächspartner zu schaffen, sondern darum, dass man sich wieder an Inhalten orientiert. Schaut man sich das überschaubare „Oeuvre“ der KuscheldialogendtheoretikerInnen an, die Muslime im Land beurteilen, so fällt ein weiteres Essential und - mit Verlaub - eine Schwäche dieser politisch motivierten Machenschaften auf: Es geht eigentlich nie um Inhalte. Es geht immer um Personen. Präsentiert werden zumeist düstere Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen durch Assoziationsketten. „Wer den Gedanken nicht angreifen kann, greift den Denkenden an“, sagt Paul Valéry so wunderschön. Besonders problematisch wird die politische, hin und wieder auch aggressive Seite des herrschenden Dialogkartells, wenn sie auf Persönlichkeiten trifft, die ganz offensichtlich weder die Bilderwelt des Terroristen und Fundamentalisten, noch des Esoterikers bedienen. Diese Muslime, jenseits von Links und Rechts - sie sind aus meiner Sicht die wachsende Mehrheit - sind für die genannte Art medialer Schwarz-Weiß Verwertung völlig untauglich. Sie finden - mit Verlaub - in dieser Zeitung ein kleines Asyl und wenn auch nur - zugegeben - ein dürftiges Medium in schwieriger Zeit.

 

Es gibt noch weiteres, was mich fasziniert. Nehmen wir an, da ist ein fanatischer Islamist. Nehmen wir an, er will sich bessern, also ein „Guter“ werden. Hier liegt für Muslime heute ein echter Abgrund verborgen. Was nun? Wenn er öffentlich sagt, „ich bin kein Ideologe, achte die Gesetze dieses Landes und habe mit Terror nichts zu schaffen“, dann genügt dies nicht (Takiya!). Hm, wo gibt es aber dann Absolution und Erlösung? Ist ein solches medial verbreitetes Urteil für den Betroffenen lebenslänglich? Kann er irgendwo vorsprechen? Gibt es ein Verfahren? Muss er eine rituelle Handlung zelebrieren? Oder aber, wäre es nicht „demokratischer“, wenn er zumindest solange als völlig unschuldig, völlig unverdächtig und völlig akzeptabel gälte, bis eben ein rechtsstaatliches Urteil und nicht schon ein banaler Zeitungsartikel ihn aus dieser unserer Öffentlichkeit verbannen kann? Hier sollte die demokratische Kultur wachsam sein, dass sie nicht verhärtet, denn auch die extremste Religion gewährt Gnade und das subtile Spiel der Ausnahme. Ein weiteres zerbrechliches Zauberwort der Demokratie, das wir im Kampf um Recht und Ordnung im Auge behalten sollten, ist die Verhältnismäßigkeit.

 

Jedem, der den Islam spürbar liebt (eine im neuen Dialogbetrieb seltene Figur, denn dieser bevorzugt wie gesagt den Zweifler,) wird es nicht um Persönlichkeit gehen und er wird gerne hinter dem Inhalt zurücktreten. Er wird sich überhaupt nur einmischen wollen, wenn er diesen Inhalt nicht ausreichend vertreten sieht. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, ist auch unter Muslimen ein ehrenhafter Satz. Jeder, der (auch nach der Erlösung der Gesellschaft vom bösen Islamismus) den Islam vertreten und vorstellen will, wird sich an den - bisher noch weitgehend unbekannt gebliebenen - Inhalten des Islam messen lassen müssen. Die Debatte „guter Muslim - böser Muslim“ hat die Sichtung solcher möglichen, vielleicht ja sogar wertvollen Inhalte des Islam bisher eher verhindert. Genauer gefragt: Dient diese Debatte überhaupt nur dem Ziel, den Blick auf Inhalte und Fragen zu verhindern?

 

Auch wenn das Personal wechselt, es bleiben die Fragen. Murad Hofmann hat es so formuliert: „Wächst der Druck auf den Islam, weil er so schnell wächst, oder wächst er, weil er so unter Druck steht?“ Gibt es denn im Islam so etwas wie einen Inhalt, gar eine Innovation? Ich denke ja! Der Islam sagt etwas zur Schande des Hungers, zur Irrationalität des Kapitalismus, zur Destruktivität des Zinses, zum Wesen der Einheit, zu den Abgründen des Rassismus und zu der Torheit des Nationalismus, zur Perversion von Auschwitz, zu der Modernität Guantanamos, zur Feier des Lebens und zur Unvermeidbarkeit des Todes. Der Islam, ein Meer des Wissens, stiftet aus der Offenbarung und damit völlig unabhängig von Personen diese unerschöpflichen Inhalte und Antworten auf alte und neue Lebensfragen. Es liegt an uns Muslimen, diese Inhalte zu präsentieren und für unsere millionenfache Präsenz in Europa zu werben; auch dafür, dass bei der Wahrnehmung muslimischen Lebens in Europa die Ausnahme nicht wie die Regel und die Regel nicht wie die Ausnahme wirkt. Wenden wir uns gegen die neue radikale Subjektivität, die gegen uns Stellung bezieht. Zwangsehe und Zwangsprostitution sind nicht nur rein zahlenmäßig unterschiedliche Größen, sondern definieren auch weder die Essenz des Islam noch die Essenz des Abendlandes. Wenden wir uns also, um zum Schluss zu kommen, den Gartenzäunen zu.

 

 

Dialog am Gartenzaun

 

Ich habe gerne unrecht mit der These, dass die neuen „politisch korrekten“ Dialogpartner einen ganz spezifischen politischen Typus bilden könnten. Zu den Überraschungen gehört hier, dass diese Muslime nicht nur „politisch“ gefördert werden, sondern auch im Kern einen politischen Islam lehren sollen. Wie jeder Islam, der sich Politik unterordnet, geht dieses Paradox zumeist auf Kosten des Rechtes und der Formentreue. Das Bekenntnis zur Demokratie gehört nach dieser modernen Sicht beinahe zur religiösen Kernsubstanz. Die Frage nach dem Verhältnis von Grundgesetz und Bibel oder Grundgesetz und Koran darf nicht mehr unbeantwortet bleiben, auch wenn sie für uns einfache Menschen nur unendlich schwierig zu beantworten ist. Die moderne demokratische Kultur, also Demokratie, die Kunst und Religion zunehmend politisiert, erlaubt hier, ja beinahe wie eine Religion, keinerlei Distanz und Neutralität mehr. Der orthodox Gläubige, der die Unverschämtheit begeht, die zeitlose Tradition dem Zeitgeist vorzuziehen, ist im Blickfeld dieses - übrigens sehr deutschen - Modernismus in Glaubensfragen nicht erkennbar, er wird als „Ideologe“ missgedeutet, als „Islamist“ verdächtigt und der weiten Kategorie der politischen Ideologen und Brandstifter zugeordnet. Interessant wäre eine Allianz mit klugen Demokraten, die ahnen, dass ein Staat, der Religionslehrer ausbilden will, sein Wesen zum Nachteil aller verändern könnte.

 

Nach Bassam Tibis säkularer Kopftuchideologie ist auch das Kopftuch einer Frau Genc eine gefährliche, politische Herausforderung. Das ist ein Skandal. Der Umgang mit dem orthodoxen Islam, die Möglichkeit des religiös bedingten Anderseins, die Akzeptanz gegenüber religiöser Form und Lebenspraxis repräsentiert für mich nichts Anderes als die gestalthafte und symbolische Frage, ob die moderne Demokratie eines Tages selbst zum totalen System mutieren könnte. Diese Frage ist wirklich nicht „kuschelig“, sie ist aber für das politische Klima im modernen Technologiestaat entscheidend. Darüber hinaus sollte man sich von manchem medialen Bild nicht täuschen lassen. Es gibt ihn ja zum Glück doch noch, den anderen, nicht institutionalisierten Dialog. Er findet in Wohnzimmern, auf Marktplätzen, zwischen Eltern eigentlich überall statt. Manchmal sogar unter Bäumen. Neulich hat mich ein Nachbar gefragt: „Was ist eigentlich Islam?“ An den Gartenzäunen unserer Nachbarn geht es zumeist nicht um große Politik. Die einfache Frage ist hier, ob die Offenbarung Sinn macht. Für mich, als Muslim, spricht alles dafür, dies zu bejahen. Auch wenn die Öffentlichkeit, die auf Vertrauen basiert, manchmal nur noch am Gartenzaun stattfindet.

 

 

 

© Islamische Zeitung vom 27.11.2005




<- Zurück zu: Home

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:



Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld


*




CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*

*


Nach Absenden eines Kommentars muss auf die Bestätigung durch den Administrator gewartet werden!

zur Druckansicht Druckansicht