Buchprojekt: Große Texte von kleinen Leuten
31.10.10
Von: Jose del Coz
Kategorie: PROJEKTE
In der Schule tobt eigentlich immer das Leben- manchmal sieht man es nur besonders, heißt es auf der Rückseite des Klappentextes des mit Texten, Plakaten, Aktionsfotos und Projektarbeiten mit interkulturellen Bezügen zusammengestellten Buches der Projektgruppe Interkulturelles Lernen der Reuter-Schule Kassel.
Davon zeugen die vielfältigen, sehr berührenden Texte von jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die im November 2008 im Rahmen einer Projektwoche unter dem Titel Interkultureller Dialog und Lernen in der Paul-Julius-von-Reuter-Schule entstanden sind und durch dieses Buch unbedingt einem größeren Publikum vorgestellt werden müssen, weil hier Migrantenkinder/-jugendliche der Reuter-Schule über ihre Lebenswelt nicht nur aus erster Hand berichten, vielmehr auf ihre besondere Lebenssituation und Wünsche an die Deutschen aufmerksam machen.
Es sind Große Texte von kleinen Leuten, so lautet in aller Bescheidenheit die Titelseite des Buches, die in liebevoller Weise mit schönen Fotos, Plakatentwürfen und textbezogenen Bildcollagen komplettiert wurden und den Leser zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken verweilen lässt.
Auf über 70 Seiten breiten Schüler/innen unterschiedlichster Herkunft ihre Lebensgefühle in Deutschland aus, die wir aber so kaum kennen und die uns staunen lassen. Zum Beispiel folgende Textstellen: Ich will in der Türkei leben, aber es soll dort so sein wie in Deutschland oder wir Türken müssen als Moslems immer 200-300% mehr leisten, um den Stellenwert zu bekommen wie ein Deutscher. Und gar zivilisationskritisch merkt eine Schülerin aus Kasachstan an: Wenn ich Deutschland mit meinem Heimatland vergleiche, finde ich, dass das Leben dort viel menschlicher und fröhlicher ist als hier.
Darüber hinaus zeigen die jungen Menschen mit Migrationshintergrund trotz subjektiv empfundener Diskriminierung und Benachteilung Möglichkeiten zum besseren Verständnis zwischen den verschiedenen Kulturen auf und lassen an selbst proklamierter Integrationsbereitschaft nicht zweifeln. Vor diesem Hintergrund ist der Projektgruppe Interkulturelles Lernen das Vorhaben, mit jungen Menschen in der Reuter- Schule in einen interkulturellen Dialog einzutreten und ihnen eine Stimme zu geben, mehr als nur gelungen.
Insofern ist der jungen polnischen Autorin im Buch zuzustimmen, wenn sie sich folgenden Obama- Effekt herbei wünscht: Dürfte ich einen Tag Bundeskanzlerin sein, würde ich Migranten dazu auffordern, Deutschen über ihre Herkunftsländer zu berichten und von ihren Sitten, Bräuchen, ihrer Sprache sowie dem Leben in ihren Familien zu erzählen. Vielleicht würde genau dieses gemeinsame Zuhören das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern verbessern.
Genau das ist Gegenstand des ersten Kapitels des Buches, wo in lockerer Schreibe und mit viel Einfühlungsvermögen das spannungsgeladene Leben in einer multikulturellen Lebenswelt von Schüler/innen aus 30 Nationen nachgezeichnet wird. Im zweiten und dritten Kapitel dieses Buches findet man eine Vielzahl von Projekten mit interkulturellem Hintergrund, die in der gleichen Projektwoche stattfanden.
Ein repräsentatives Beispiel für die Vielfalt an Projektthemen mit dem Schwerpunkt von Interkulturalität stellt die Zusammenarbeit einer Projektklasse mit Dynamo Windrad (alternativer Freizeitclub in Kassel) dar. Raus aus den Klassenräumen und rein in die Lernkultur von Dynamo Windrad lautet die Parole der professionellen Teamer von Dynamo, die eigens für diese Veranstaltung ein zweitägiges Konzept zum Thema Fußball und Fremdenfeindlichkeit für und mit den FOS- Schülern der Reuterschule erarbeiteten.
Darüber hinaus weist dieses Buch auf andere erfolgreich durchgeführte schulische Highlights wie die Interkulturellen Filmtage, Fortbildungsveranstaltung mit Workshops für das Lehrpersonal und andere nachahmenswerte Aktivitäten hin, die zur Förderung eines Interkulturellen Dialogs auch für andere Einrichtungen mit jungen Migranten/innen geeignet sind.
Also auch man traut es sich im Zeitalter der so genannten Exzellenz, Effizienz und Ökonomisierung von Bildung kaum auszusprechen ein pädagogisch wertvolles Buch, das keinen Stellvertretungsanspruch erfüllen will, sondern den jungen Menschen mit Migrationshintergrund einen selbstständigen Auftritt auf der kleinen Bühne des Schulalltags geboten hat. Dieses Angebot haben viele Schüler/innen mutig wahrgenommen, andere aus Angst vor Benachteiligungen unterlassen. Auch dies ist ein Teil von Lebenswirklichkeit bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund.
Dieses Vorhaben entwickelte Eigendynamik und Sprengkraft: Es war wie eine Schleuse, die geöffnet wurde: entstanden sind Texte, Plakate, Fotos, wie Jugendliche sich interkulturell bewegen müssen, ob sie wollen oder nicht. Ähnliches wünscht man auch anderen Schulen und Einrichtungen, dass sie auf dieses kreative Potential ihrer Schüler/innen zugeht und sie abruft. So können alle Beteiligten in Schule wirklich das Leben toben sehen und hören. Wer nicht solange warten will, dem sei dieses lebendige Buch wärmstens empfohlen.
Das Buch: Hrsg: Alkin, Nihat/ del Coz, Jose/ Warnke, Gerald: Große Texte von kleinen Leuten
nebst Fotos und Plakaten. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund der Paul- Juliusvon-Reuter-Schule in Kassel erzählen ihre Lebensgeschichte (168 Seiten für 5 Euro (gehen in die Kasse des Fördervereins unserer Schule).
Bestellung über: interkultur_reuterschule@yahoo.de
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