Über uns | Mitmachen | Newsletter | Suche | Kontakt/Impressum
Brausetabletten im Bauch
04.02.08
Von:  S.

Kategorie: ERFAHRUNGEN

"..denn der Liebe ist die Liebe genug." Khalil Gibran aus Der Prophet


Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich noch einmal verlieben würde. Verliebt sein war etwas für junge, unbeschwerte Menschen und ich fühlte mich weder jung noch unbeschwert. Fast ein Jahrzehnt Ehe lag hinter mir. Eine Ehe, die die wenigsten Tage glücklich und am Ende nicht mal mehr auszuhalten war. Jahre, die mich des Lebens müde gemacht hatten, bis ich eines Morgens nicht einmal die Kraft fand, aufzustehen. Jahre, die ich am liebsten gelöscht hätte aus meinem immer noch jungen Leben. Allein das Bewusstsein, dass jedes Geschehnis einen Plan verfolgt, gelenkt von demjenigen, der alles erschuf, gab mir eine innere Ruhe und Gelassenheit.



Ich kannte ihn, das Opfer meiner Liebe, schon vorher. Sogar eine ganze Weile. Das Verlieben geschah jedoch viel später, dafür aber umso heftiger. Bewusst wurde es mir erst, als ein merkwürdig, unbekanntes und unheimliches Gefühl der Eifersucht meinen Bauch bis zum Herzen hoch krabbelte, um sich dort ein zu Hause zu schaffen.

 

Eine Gruppe von 10 jungen oder jung gebliebenen Männern und Frauen saßen zusammen und besprachen das nächste Projekt. Meine Freundin Amina sagte: "Wir müssen schneller arbeiten. Die Zeit läuft uns davon!" Und Hadie, so hieß er, schaute zu Amina herüber und nickte zustimmend.

 

" Hey!", dachte ich, "Du sollst nur mich so angucken." Im gleichen Moment wusste ich, dass der Gedanke Blödsinn war. Ein paar Sekunden später wurde mir bewusst, was dieser Gedanke in seiner ganzen Unsinnigkeit zu bedeuten hatte: "Ich habe mich verliebt!"

 

Zeit zum Grübeln, ob das nun ebenfalls blödsinnig war oder nicht, blieb mir gar nicht. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Augenkontakt unauffällig zu überprüfen. Den direkten Augenkontakt mit ihm vermied ich jedoch und schaute stattdessen lieber die Anderen an. Gleichgültigkeit zu simulieren schien die Außenpolitik meines Ichs beschlossen zu haben.

 

"Ist es überhaupt noch halal (islamisch erlaubt) für mich mit ihm und meinen Gefühlen zusammen zu sitzen? Wenn ich nur an seine dunklen Augen denke, wird mir ganz schwindlig. Aber soweit ich weiß, steht nirgendwo, dass einem nicht schwindlig werden darf." Meine Gedanken flogen gerade in unbekannten Welten umher, als Hadi mich mit den Worten: "Ist alles in Ordnung? Du sagst gar nichts mehr.", in die Wirklichkeit zurückholte. Ich blickte erschrocken auf und hörte mich antworten: " Ja, klar! Ich hab nur ein wenig nachgedacht!" Er lächelte mich mit einem schief nach rechts verzogenem Mund an, was ihn ein wenig spöttisch aussehen ließ.

 

"Ahnte er etwas? Haben meine Augen mich verraten? Hoffentlich nicht! Bin ich wirklich so eine Quasselstrippe, dass es gleich auffällt, wenn ich mal den Mund halte? O Allah hilf mir!" dachte ich und sandte ein stummes Gebet an Ihn.


Ich schaffte es mich zusammenzureißen, gab ein paar geistreiche Sätze von mir und kam mir dabei genauso unbeholfen wie künstlich vor. Ich hatte den Eindruck, als würden alle direkt in meine Seele schauen können und war mir sicher, dass so starke Gefühle äußerlich sichtbar sein müssten. Aber zum Glück scheinen die meisten Menschen selten etwas von der Gefühlswelt ihrer Mitmenschen mitzubekommen. Jedenfalls solange sich derjenige einigermaßen beherrschen kann. Und beherrschen konnte ich mich!



Als ich jedoch in der U-Bahn nach Hause fuhr, wollte ich am liebsten laut schreien, vor Freude, Verzweiflung und einem langen, tief verschütteten inneren Drang. Aber das tat ich natürlich nicht. Was sollten die Leute denken? Wahrscheinlich würden sie Angst bekommen und glauben, dass ich eine Terroristin kurz vor einem Anschlag sei. Nein, das ging auf keinen Fall. Ein gesunder Mensch schreit einfach nicht in der U-Bahn. Viele jedoch machten verdrießliche, verbitterte Gesichter. Sogar das war etwas, was ich mir selber verbat. Ich befürchtete, jemand könnte denken, dass ich eine arme, unterdrückte Frau sei und mein Kopftuch als Bestätigung seiner Vermutung betrachten.

 

Es ging sogar so weit, dass ich mein Gesicht in der Fensterscheibe überprüfte und versuchte ganz bewusst der Welt ein Lächeln zu zeigen. "Seht her, ich bin eine Muslima, glücklich und zufrieden. Niemand zwingt mich zu irgendetwas und ich hab euch alle gern!" sollte mein Lächeln sagen. Ich bekam oft eine Antwort auf mein Lächeln, was mir wiederum Kraft gab, auch an schlechten Tagen zu lächeln.

 

Heute brauchte ich keine Motivation, um fröhlich zu sein. Heute gab es mein Lächeln kostenlos. Es schien, als kannten einige mein Geheimnis, den Grund meines verzückt, leicht verrückten Gesichtsausdruckes. Das waren dann wohl diejenigen, die ebenfalls verliebt waren oder den Geschmack des Verliebtseins noch in ihren Herzen trugen. So verbunden mit all den fremden Menschen hatte ich mich lange nicht mehr gefühlt. Fast hätte ich vergessen, dass ich ein Kopftuch trug und fast wäre ich ein ganz normaler Mensch unter Menschen gewesen.

 

Ich erinnerte mich ganz unerwartet an eine betrunkene Frau, die vor ein paar Tagen auf dem Bahnsteig stand und mit den Füßen stampfend laut weinte und immer wieder einen Namen schrie: "Robert!" Sie rief ihn, voller Wut und gleichzeitig aber auch bedürftig, wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat und nun verzweifelt nach ihr sucht.

 

"Was diese Frau jetzt wohl macht? Ob sie aus ihrem Rausch erwacht ist, nicht ahnend, dass sie ca. 47 fremden Menschen tief in ihre Seele blicken ließ?" Ich erinnerte mich an das Mitleid, das ich mit der fremden Frau empfunden hatte und auch an ein bisschen Abscheu vor der Alkohol-Fahne, die die Betrunkene auf dem gesamten Bahnsteig verströmte.

 

Wer war wohl dieser Robert, dessen Namen der Unbekannten so wichtig gewesen war? Zu was ist die Liebe fähig? Diese Frage löste einen kalten Schauder in mir aus, der wie ein leichter Stromschlag den Rücken und die Arme herunterfuhr und als Gruß eine Gänsehaut hinterließ.



Wenn meine Freundinnen mir früher von ihrem Liebeskummer erzählten und ich das Leiden in den verweinten Gesichtern sah, dann hatte ich mich erschrocken. Gleichzeitig war ich aber auch froh gewesen, noch nie einen Mann auf diese Weise geliebt zu haben. Vor allem widerstrebte mir die Vorstellung mich einem anderen Menschen vollständig auszuliefern und damit furchtbar verletzlich zu werden.

 

Menschen sollte man lieben, aber nicht bedingungslos und am besten immer mit Notausgang. Meinen Ex-Mann hatte ich so lange geliebt, bis sein Verhalten meine Liebe aufgefressen hatte. Irgendwann war nichts mehr da gewesen. Er hatte mich zu oft allein gelassen und mit Worten zu verletzen versucht. Meine Verteidigungsarmee hatte reagiert, indem ich die Liebe immer weiter drosselte. Wenn ich ihn nicht liebte, konnte er mir nicht wehtun.



Jetzt hatte ich mich, ohne es zu wollen, ausgeliefert. An einen Menschen, an einen Mann, auch wenn er davon gar nichts wusste und es, wenn es nach mir ginge, nicht erfahren sollte.

 

Zu Hause angekommen, tanzte ich wie ein Derwisch herum und holte mein Schrei-Bedürfnis auf gedämpfte Weise nach. Nur so laut, dass es die Nachbarn nicht störte oder diese sich sorgen könnten, mir sei etwas zugestoßen. Der Gedanke, von einem Krankenwagen wegen akutem Liebeskummer abgeholt zu werden, löste einen Lachanfall aus. Ich kam am Spiegel vorbei und fing an mich von allen Seiten zu betrachten. "Wie nimmt er mich wahr? Findet er mich hübsch? Bin ich hübsch?" Die Fragen, die ich mir stellte, waren mir, sogar vor mir selbst, ein bisschen peinlich. Ich fand die Frauen schrecklich, deren Lebensinhalt darin bestand, gut aussehen zu wollen. Aber jetzt stand ich vor dem Spiegel und bemerkte, dass auch ich schön sein wollte. Ich untersuchte die Spuren, die die Lebenserfahrungen vergangener Jahre in meinem Gesicht hinterlassen hatten. Auch wenn sie noch nicht in Form von Falten in der Haut ihr Revier markierten, so nahmen meine kritischen Augen einige unwillkommene Veränderungen wahr. Nach ein paar Minuten löste ich mich vom Spiegel. Die Sonne war untergegangen, es war Zeit für das Abendgebet. Ich machte die rituelle Reinigung, putzte mir die Zähne und nahm etwas von meinem Lieblingsparfum. Ich tupfte einige Tropfen hinter meine Ohren und verrieb den Rest über meine Bekleidung. Es war empfohlen gepflegt vor Gott zu treten. Ich stellte mich gen Mekka und nahm mir Zeit für mein Gebet. Als ich fertig war, hielt ich meine Hände nach oben, wie jemand der versucht Regen aufzufangen und sprach noch ein Bittgebet. Ich wusste jedoch nicht so recht, um was ich Ihn bitten oder nicht bitten sollte. Fast hätte ich mir gewünscht, dass auch Hadi mich zurück lieben sollte. Aber dann wollte ich es nicht aussprechen. Allah wusste über alles Bescheid, kannte mich besser, als ich mich selbst. Wenn es gut wäre, dann würde es schon geschehen.



Aber wie sollte es weitergehen? Ich hatte mal gelesen, dass die Frau zuerst die Signale sendet. Der Mann reagierte darauf, wenn er Interesse hat. "Wie sendet man diese Signale und habe ich vielleicht schon welche gesendet? Wenn ja, hat er darauf geantwortet?", fragte sich mich als sie im Bett lag.



Ihm meine Gefühle direkt zu gestehen, kam nicht in Frage. Niemals! Die Angst war zu groß, abgewiesen zu werden und im schlimmsten Fall Mitleid zu ernten. Ich würde ihm nichts sagen und mich einfach an meinen Gefühlen erfreuen. "Wie es wohl weitergehen wird?", dachte ich erneut. "Auf jeden Fall muss ich ihm mit meinem Verhalten zeigen, dass ich ihn mag. Und der Rest ergibt sich, Inschaallah- so Gott will. "Ich spürte, wie neue Lebenskräfte Brausetabletten gleich, meinen Körper durchsprudelten. "Subhana Allah- Gepriesen sei Gott, Al Hamdu Lillah- Der Dank gebührt Gott, Wallahu Akbar- und Gott ist größer", sang ich in meinem Herzen, in einer Melodie, die nur ich hören konnte.




<- Zurück zu: Home

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:

Fragen oder Kommentare an den Autoren/die Autorin oder an die Redaktion:



Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld


*




CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*

*


Nach Absenden eines Kommentars muss auf die Bestätigung durch den Administrator gewartet werden!